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Börse Frankfurt-News: Emerging Markets: Wachstum? Chancen? Oder doch nur Risiko?

24.06.2024 - 10:27:17

Anleger blicken auf ein verlorenes Jahrzehnt der Emerging Markets zurĂŒck.

Aktien aus den SchwellenlĂ€ndern haben die hochgesteckten Erwartungen nicht erfĂŒllt. Die GrĂŒnde dafĂŒr sind vielfĂ€ltig und fĂŒhren zur Frage: SchwellenlĂ€nder außen vor lassen? Warum Ali Masarwah, Analyst und CEO des Finanzdienstleisters envestor, diese Frage verneint.

24. Juni 2024. John ("Jack") Bogle, der GrĂŒnder des Indexfonds-Spezialisten Vanguard, hatte seine ganz eigene Vorstellung von Diversifikation. FĂŒr US-Anleger sei es ĂŒberflĂŒssig, international zu investieren. Der US-Markt gebe genug an Potenzial her, wer weltweit in Aktien investiere, kaufe zwar mitunter zum SchnĂ€ppchen-Preis, aber die niedrigen Kurse von Aktien aus Europa, Japan oder den SchwellenlĂ€ndern reflektierten mutmaßlich deren höheres Risiko.

Dieselbe Frage stellen sich heute viele Anlegende mit Blick auf Aktien aus Emerging Markets. Sind SchwellenlĂ€ndern angesichts der dĂŒrftigen Renditen der vergangenen 10, 15 Jahre nicht verzichtbar? Die untere Grafik scheint das nahezulegen. Im Vergleich von fĂŒnf Aktien-Indizes liegen US-Aktien (rote Linie) und der MSCI World (hellblaue Linie) weit dem MSCI Emerging Markets (grĂŒn) und erst recht China-Aktien (gelbe Linie). Sogar der DAX war zuletzt ein besseres Investment als SchwellenlĂ€nder-Aktien.

Meine These lautet, dass SchwellenlĂ€nder einen Mehrwert bringen. Allerdings mĂŒssen Anlegende dafĂŒr zunĂ€chst vier Punkte beachten und dann den fĂŒnften beherzigen. Anschnallen, es geht los!

1. Wirtschaftswachstum ist nicht gleich Rendite-Potenzial

Ein hohes Wirtschaftswachstum zieht nicht unbedingt hohe Kapitalmarktrenditen nach sich. Das Fondsmarketing begrĂŒndet oft die Kaufargumente fĂŒr Emerging-Markets-ETFs und -Fonds mit dem hohen Wachstum der ?-konomien der SchwellenlĂ€nder im Vergleich zu entwickelten LĂ€ndern. Laut Internationalem WĂ€hrungsfonds dĂŒrften EntwicklungslĂ€nder in diesem Jahr ein BIP-Wachstum von durchschnittlich 4,2 Prozent hinlegen, IndustrielĂ€nder dagegen nur um 1,7 Prozent.

Wer dieser Faustregel gefolgt ist, landete oft bei chinesischen Aktien. Mit unschönen Folgen. Es gibt keinen linearen Zusammenhang zwischen BIP-Wachstum und Aktien-Performance. In diesem Jahrtausend konnten Emerging Markets-Aktien nur bis 2008 ĂŒberlegene Renditen erzielen; ab 2008 waren Investments in den IndustrielĂ€ndern dagegen dank des Jahrzehnts der Plattform-?-konomie Made in USA viel ertragreicher. Wer diese erste Erkenntnis gewonnen hat, kann von realistischen PrĂ€missen ausgehen. Wo Performance lockt, ist eine komplexere Frage.

2. Einige Ursachen fĂŒr schwache EM-Renditen

ZunĂ€chst eine Revue der Faktoren, die Anlegenden in Emerging Markets-Aktien immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Etliche Krisen haben auf die Performance von EM-Aktien gedrĂŒckt. Da war zunĂ€chst die globale Finanzkrise, die dem Rohstoffboom der Nullerjahre ein jĂ€hes Ende setzte. Die US-Zinspolitik hat die Kapitalströme in die Emerging Markets seit 2009 immer wieder durcheinandergebracht. Das hatte verheerende Folgen fĂŒr LĂ€nder mit hohen Leistungsbilanzdefiziten. Die angedeuteten Zinserhöhungen in den USA 2013 stĂŒrzten LĂ€nder wie Indien, Brasilien, TĂŒrkei, SĂŒdafrika und Indonesien (Stichwort: Fragile Five) in die Krise.

Manche LĂ€nder haben daraus gelernt und sind den Weg solider Finanzen gegangen. Das gilt vor allem fĂŒr Indien. Andere LĂ€nder haben die Lektionen nicht gelernt, etwa SĂŒdafrika und bis vor kurzem die TĂŒrkei. Wichtiger als rudimentĂ€re BIP-Vergleiche sind Faktoren wie Leistungsbilanzen, Corporate Governance, Marktstruktur, Rechtssicherheit und politische StabilitĂ€t. Wer hier die Spreu vom Weizen trennt und differenziert, wird Fallen wie TĂŒrkei-Aktien vermieden und Chancen wie Indien wahrgenommen haben.

3. Manche Emerging Markets locken mit RisikoprÀmien - andere nicht

Das Kurs-Gewinn-VerhĂ€ltnis sowie alle anderen BewertungsmaßstĂ€be weisen gĂŒnstige Bewertungen bei SchwellenlĂ€ndern auf. Im Schnitt liegt das KGV im MSCI Emerging Markets bei 12 gegenĂŒber 22 beim MSCI World und 26 beim S&P 500. Aber das sind Durchschnittswerte. Ein großer Teil des Bewertungsabschlags bei Emerging Markets Aktien liegt an der Zusammensetzung des Markets. China macht mit einem Gewicht von gut einem Viertel einen großen Anteil am Markt aus. Hier liegen die KGVs bei unter zehn. Dagegen sind LĂ€nder wie Taiwan bei KGVs von ĂŒber 20. Sie sind damit deutlich gĂŒnstiger als die Aktien im DAX.

Das zeigt, dass die pauschale Annahme, bei Emerging Markets lockten höhere RisikoprĂ€mien, falsch ist. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und der VerschĂ€rfung der Spannungen zwischen den USA und China ist darĂŒber hinaus die Geopolitik zu einem relevanten Faktor fĂŒr den Investment-Standorte geworden. Wer Aktien aus Demokratien wie Indien, Brasilien und Mexiko eine PrĂ€mie zubilligt und bei Diktaturen wie China oder Vietnam einen Bewertungsabschlag fordert, fĂ€hrt besser als Emerging Markets als eine Einheit zu verstehen, die sie nicht sind.

4. Emerging Markets sind nicht effizient

Fans der Effizienzmarkthypothese und vor allem ETF-Anleger werden das jetzt sehr ungern hören: Viele Emerging Markets sind weniger effizient, als viele vermuten. Darin unterscheiden sie sich von den entwickelten MĂ€rkten, in denen Manager aktiv verwalteter Fonds oft keinen Informationsvorsprung haben. Wir haben bereits analysiert, dass ETFs bei SchwellenlĂ€nder-Investments oftmals gegenĂŒber aktiv verwalteten Fonds im Nachteil sind.

ETFs auf SchwellenlĂ€nder-Indizes ĂŒberzeugen selten - ganz im Gegensatz zu ETFs auf den MSCI World, S&P 500 oder MSCI Europe, die oft Bestnoten bei Fonds-Ratings bekommen, haben ETFs auf SchwellenlĂ€nder-Indizes bestenfalls ein durchschnittliches Rendite-Risiko-Profil. Aktiv verwaltete Fonds können im Vergleich zu ETFs auf die gesamte Breite des SchwellenlĂ€nder-Universums zurĂŒckgreifen, wĂ€hrend SchwellenlĂ€nder-ETFs auf die liquidesten Segmente beschrĂ€nkt sind. Ein Teil der Emerging-Markets-PrĂ€mie lockt auch in illiquiden Aktien. Diese finden sich oft in den Frontier-MĂ€rkten. Diese geht fĂŒr diejenigen verloren, die nur auf klassische MSCI-Emerging-Markets ETFs setzen.

5. Emerging Markets: Performance neu gedacht

Die oberen vier Punkte haben hoffentlich nahegelegt, dass es nachlĂ€ssig wĂ€re, Emerging Markets aus den Portfolios zu verbannen. Anleger sollten sich die MĂŒhe machen, die MĂ€rkte zu verstehen. Ein-Produkt-Lösungen sind kein Allheilmittel, weil sie alles ĂŒber einen Kamm scheren. Wer auf naiv konstruierte Portfolios (MSCI Emerging Markets) setzt, hat genauso verloren wie diejenigen, die vermeintlich schlaue Lösungen suchen, etwa in BIP-gewichteten Portfolios oder Portfolios, die ganze MĂ€rkte pauschal ausschließen (MSCI Emerging Markets ex China).

Wie also mit SchwellenlĂ€nder-Aktien umgehen? Es gilt deren HeterogenitĂ€t anzuerkennen und sich dann eine robuste Strategie zu ĂŒberlegen. Anleger, die an den Primat der Bewertungen glauben, sollten eine Value-Strategie einschlagen. Hier locken MĂ€rkte wie China, Mexiko, die TĂŒrkei und Argentinien. Sie mĂŒssen allerdings Faktoren wie Geopolitik, WillkĂŒrherrschaft, Staatsfinanzen und Infrastrukturprobleme berĂŒcksichtigen und einen Bewertungsabschlag fordern.

Wer an die Performance von Wachstumsunternehmen glaubt, wird bei hoch bewerteten MĂ€rkten wie Indien und Taiwan landen, in denen eine lange Börsentradition bzw. westliche Corporate Governance-Standards vorherrschen. Hohe Bewertungen sind allerdings auch ein Indikator fĂŒr kĂŒnftige unterdurchschnittliche Renditen.

Anleger, die wiederum die Eigenheiten der Emerging Markets verstehen, werden illiquidere MÀrkte ansteuern, etwa FrontiermÀrkte wie Kasachstan, in denen sich hervorragende Fintechs wie Kaspi wiederfinden.

Flexible Anleger erschließen sich eine weitere, bisher kaum beachtete Performance-Quelle: Die Anleihen-Seite. Viele Zentralbanken haben im Zuge steigender Inflationsraten die Zinsen deutlich erhöht. In etlichen Frontier-MĂ€rkten locken daher Zinsen nördlich von zehn Prozent, und auch in den klassischen Emerging-Markets-Anleihen-Benchmarks summieren sich die Renditen auf deutlich ĂŒber fĂŒnf Prozent. Anlegende können mit einer Renten-Strategie bei Emerging Markets die Aktienrisiken reduzieren, ohne dabei Performance-Vorteile aufgeben zu mĂŒssen.

Von Ali Masarwah, 24. Juni 2024, © envestor.de

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und GeschĂ€ftsfĂŒhrer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-VertriebsgebĂŒhren zahlt. Masarwah analysiert seit ĂŒber 20 Jahren MĂ€rkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschĂ€tzt.

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