Applied Materials Aktie: 250 Milliarden Dollar Wafer-Markt bis 2028
Veröffentlicht am: 10.07.2026 um 11:10 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Acht Quartale im Voraus planen – das war in der Chipbranche lange undenkbar. Applied-Materials-Chef Gary Dickerson spricht genau davon: von „enormer Sichtbarkeit", die manche Kunden inzwischen sogar bis zum Ende des Jahrzehnts reichen lassen. Für einen Sektor, der jahrzehntelang für seine brutalen Boom-Bust-Zyklen bekannt war, ist das ein bemerkenswerter Bruch mit der Vergangenheit.
Am Freitag gab die Aktie um 1,89 Prozent nach und schloss bei 507,40 Euro. Auf Wochensicht steht ein Minus von 8,90 Prozent zu Buche. Die Zahlen wirken auf den ersten Blick nach Schwäche. Der eigentliche Punkt liegt woanders: in der Frage, ob sich das Geschäftsmodell des Ausrüsters gerade grundlegend verändert.
Warum die alten Zyklen nicht mehr greifen
Früher kauften Chiphersteller Fertigungsanlagen kurzfristig, oft nur wenige Monate im Voraus. Heute sprechen große Kunden über ihre Ausrüstungsbedarfe zwei Jahre und mehr im Voraus. Der Grund liegt in der schieren Größe der KI-Infrastruktur, die gerade aufgebaut wird.
Der globale Chipmarkt soll 2026 die Marke von 1,5 Billionen Dollar überschreiten. Bis 2027 rechnen Branchenschätzungen mit bis zu 1,9 Billionen Dollar. Der Markt für Wafer-Fab-Equipment – also genau die Maschinen, die Applied Materials baut – könnte laut Analysten bis 2028 auf rund 250 Milliarden Dollar wachsen.
Das verändert den Charakter des Geschäfts. Anlagen sind keine Just-in-time-Käufe mehr. Sie sind Grundvoraussetzung für ein technologisches Wettrüsten, das über Jahre läuft.
Custom-Silicon als Wachstumstreiber
Ein konkretes Beispiel für diesen Trend: Meta plant die eigene Produktion seines KI-Chips „Iris". Wenn Hyperscaler wie Meta von Standardkomponenten auf eigens entwickelte Chips umsteigen, entsteht eine neue, breiter abgestützte Nachfrageschicht. Genau die Lithografie- und Beschichtungswerkzeuge, die Applied Materials liefert, profitieren davon.
Diese strukturelle Verschiebung erklärt die Kursentwicklung der vergangenen zwölf Monate. Die Aktie legte um 199,56 Prozent zu, seit Jahresbeginn 2026 stehen 121,19 Prozent zu Buche. Solche Sprünge verlaufen aber nie geradlinig.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 647,80 Euro, erreicht Ende Juni, liegt der aktuelle Kurs 21,67 Prozent entfernt. Zum 50-Tage-Durchschnitt von 449,30 Euro besteht dagegen weiterhin ein Aufschlag von knapp 13 Prozent. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt sogar 66 Prozent – ein Hinweis darauf, wie stark und wie schnell sich der mittelfristige Trend nach oben verschoben hat.
Bewertung: fair, aber nervös
Trotz des Rückgangs der vergangenen Woche liegt das Kursziel der Analysten im Konsens bei 512,86 Euro – nur knapp über dem aktuellen Niveau. Das deutet darauf hin, dass die Aktie trotz der rasanten Rally als weitgehend fair bewertet gilt, gemessen an der erwarteten Ertragsentwicklung.
Technisch hat sich die Lage beruhigt. Der 14-Tage-RSI steht bei 50,4 und signalisiert damit einen neutralen Bereich – die Aktie ist aus dem überkauften Terrain herausgelaufen. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 98,08 Prozent zeigt allerdings, dass Applied Materials nach wie vor ein Hochbeta-Investment im KI-Thema bleibt. Scharfe Ausschläge gehören hier zum Alltag, selbst wenn die fundamentale Story stabil bleibt.
Mit einer Marktkapitalisierung von rund 396 Milliarden Euro zählt der Konzern längst zu den Schwergewichten der Branche. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob kurzfristige Rücksetzer wie die jüngsten 8,90 Prozent Warnsignale sind. Sie lautet, ob die mehrjährige Sichtbarkeit, von der Dickerson spricht, tatsächlich einen fundamentalen Boden bildet, den frühere Zyklen nie hatten.
Die nächste Gelegenheit, diese These zu prüfen, kommt mit den Quartalszahlen im August. Bis dahin bleibt die Kernaussage bestehen: Die Infrastruktur für das nächste Jahrzehnt des Computings wird schon heute bestellt – nicht erst dann, wenn sie gebraucht wird.
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