ASML, Wette

ASML: Wette auf 2028 wird zur Belastungsprobe

Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 11:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de

ASML hebt Prognose fĂĽr 2026 an, doch die langfristige Auftragsdeckung fĂĽr 2028 bleibt die zentrale Unsicherheit fĂĽr Anleger.

ASML Aktie: Kapazitätsplan 2028 wird zum entscheidenden Test
Hochmoderne industrielle Halbleiterfertigung in einer Reinraumumgebung mit präziser Robotik und technologischen Strukturen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

ASML meldet für 2026 eine kräftig angehobene Prognose: 43 bis 45 Milliarden Euro Umsatz, dazu eine Bruttomarge zwischen 54 und 56 Prozent. Die Aktie reagiert am Donnerstag mit einem Plus von 0,41 Prozent auf 1.583,00 Euro. Über die vergangene Woche steht ein Zugewinn von 3,69 Prozent zu Buche — Rückenwind, der aber nicht über die eigentliche Unsicherheit hinwegtäuscht.

Der Konzern hat einen Kapazitätsplan skizziert, der weit über das laufende Jahr hinausreicht. Für 2027 will ASML die Fertigungskapazität bei Low-NA-EUV-Anlagen um 30 Prozent steigern, ausgehend von rund 65 Einheiten im Jahr 2026. Bei DUV-Immersionsanlagen soll die Kapazität von etwa 130 Einheiten ebenfalls um 30 Prozent wachsen.

Für 2028 prüft ASML einen weiteren Kapazitätsschritt von 30 Prozent — noch unverbindlich. Genau das macht die kommenden Quartale zum entscheidenden Testfeld für die Aktie.

Die entscheidende Frage: Wie tief reicht die Auftragsvisibilität?

Ob die aktuelle Bewertung trägt, hängt an einer einzigen Größe: der Auftragsdeckung über 2027 hinaus. Im Earnings Call erklärte das Management, für 2027 seien praktisch alle benötigten Bestellungen bereits eingegangen. Für 2028 spreche man von einer „großen Zahl" an Aufträgen.

Ob sich diese großen Zahl in den kommenden Quartalen zu einem bestätigten Auftragsbestand verdichtet — oder stockt — entscheidet über die Zukunft der 2028er-Kapazität. Bleibt die Nachfrage stabil, wird aus der geprüften Erweiterung ein fester Plan. Bricht die Dynamik ab, könnte ASML den Schritt verschieben oder ganz streichen.

Bull-Szenario: Die KI-Nachfrage ĂĽberholt das Angebot

Die optimistische Sichtweise stützt sich auf ein einfaches Argument: Die Nachfrage wächst schneller, als ASML liefern kann. Das Speicherchip-Geschäft legte laut Management um rund 75 Prozent zu, das EUV-Geschäft um etwa 45 Prozent — beides zentrale Treiber der angehobenen Jahresprognose.

Marktdaten stĂĽtzen dieses Bild. Der Branchendienst SEMI rechnete im April 2026 mit weltweiten Ausgaben fĂĽr 300-mm-Frontend-Equipment von 133 Milliarden US-Dollar in 2026, ein Plus von 18 Prozent gegenĂĽber dem Vorjahr. FĂĽr 2027 erwartet SEMI ein weiteres Wachstum der Fab-AusrĂĽstungsausgaben um 14 Prozent.

Im Juni 2026 korrigierte SEMI seine Speicher-Prognose sogar nach oben. Die weltweiten Investitionen in 300-mm-Speicherausrüstung sollen 2026 erstmals die 50-Milliarden-Dollar-Marke überspringen und auf 52 Milliarden Dollar steigen — ein Plus von 29 Prozent. Für 2027 rechnet SEMI mit einem weiteren Anstieg auf 57 Milliarden Dollar.

Hinzu kommt ein Preisvorteil für ASML selbst. Der Werkzeug-Mix verschiebt sich 2027 stärker zu den E- und F-Modellen — Anlagen mit besseren Verkaufspreisen und höherer Produktivität. Das aktuelle Marktumfeld gibt ASML mehr Spielraum für wertbasierte Preisgestaltung. Ein RSI von 52,3 und ein Kurs, der 3,91 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt notiert, deuten darauf hin: Der Markt hat weder das positive noch das negative Szenario vollständig eingepreist.

Bear-Szenario: China-Risiko und ein Gesetz in der Schwebe

Die Gegenposition hat einen Namen: China. Das Land steht für rund 20 Prozent der Gesamtumsätze von ASML, vor allem im Bereich Mainstream-Logikchips. Dieser Anteil steht nun unter Druck.

In den USA liegt der sogenannte MATCH Act vor. Das Gesetz könnte Exporte von ASML-DUV-Maschinen nach China einschränken — genau jenem Marktsegment, das für rund 20 Prozent des Jahresumsatzes 2026 sorgt. Die niederländische Regierung hat bereits diplomatischen Widerstand angekündigt. Wichtig: Das Gesetz ist bislang nicht verabschiedet, sondern befindet sich weiter im politischen Streit.

Ein zweites Risiko betrifft die Transparenz selbst. Seit dem ersten Quartal 2026 veröffentlicht ASML keine quartalsweisen Bestelldaten mehr — mit der Begründung, Großaufträge kämen ohnehin unregelmäßig herein. Im Q1-Bericht fehlte die Bestellzahl komplett, das Management sprach nur noch allgemein von „sehr starkem" Auftragseingang.

Diese Undurchsichtigkeit zwingt Investoren, dem Management beim Thema 2028-Aufträge im Grunde blind zu vertrauen. Jede Abschwächung im Ton — auch ohne konkrete Zahl — könnte eine Neubewertung der Aktie auslösen.

Ausblick: Der Auftragsbestand wird zum nächsten echten Test

Solange das Management seine Einschätzung zur Auftragsdeckung 2027/2028 in kommenden Updates bestätigt, dürfte das Bull-Szenario die Aktie in der Nähe des 50-Tage-Durchschnitts von 1.523,50 Euro stützen — trotz einer annualisierten Volatilität von 55,60 Prozent. Kippt der MATCH Act Richtung Verabschiedung, oder wird der Ton zu den 2028-Aufträgen im nächsten Earnings-Zyklus vorsichtiger, könnte die noch geprüfte Kapazitätserweiterung verschoben oder gekürzt werden. Damit stünde eine tragende Säule der langfristigen Wachstumsgeschichte infrage.

Der nächste fest terminierte Anhaltspunkt ist der Capital Markets Day am 10. Juni 2027, an dem ASML seine langfristigen Ziele aktualisieren will. Bis dahin bleiben zwei Variablen entscheidend: die quartalsweisen Kommentare zur Auftragsdeckung 2028 und der weitere Weg des MATCH Act durch den US-Gesetzgebungsprozess.

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