Russischer Botschafter einbestellt
12.12.2025 - 17:36:44(neu: mehr Details und Hintergrund)
BERLIN (dpa-AFX) - Annalena Baerbock und der Gigolo, Friedrich Merz und das EisbÀrenbaby, Stimmzettel und die AfD: Die Bundesregierung wirft Russland Falschinformationen im Bundestagswahlkampf und eine massive Cyberattacke vor. Die "gezielte Informationsmanipulation" reihe sich in eine Serie von AktivitÀten ein, die das Ziel hÀtten, das Vertrauen in demokratische Institutionen und Prozesse in Deutschland zu untergraben, teilte das AuswÀrtige Amt in Berlin mit. Der russische Botschafter sei daher ins Ministerium einbestellt worden.
Nach Ăberzeugung der Bundesregierung gehen die hybriden Angriffe auf das Konto des russischen MilitĂ€rgeheimdienstes GRU. So könne ein Cyberangriff gegen die Deutsche Flugsicherung (DFS) im August 2024 klar der russischen Hackergruppe "Fancy Bear" zugeordnet werden, erklĂ€rte ein Sprecher des AuswĂ€rtigen Amts: "Unsere nachrichtendienstlichen Erkenntnisse belegen, dass der russische MilitĂ€rgeheimdienst GRU die Verantwortung fĂŒr diesen Angriff trĂ€gt."
Die DFS hatte nach dem Angriff auf Nachfrage mitgeteilt: "Unsere BĂŒrokommunikation wurde gehackt, wir befinden uns derzeit in den AbwehrmaĂnahmen." Man versuche, die Auswirkungen auf ein Minimum zu begrenzen. Der Flugverkehr sei nicht betroffen und laufe normal weiter.
Aufwendig gemachte Desinformation
Zum anderen könne man nun verbindlich sagen, dass Russland mit der Kampagne "Storm 1516" versucht habe, "sowohl die letzte Bundestagswahl als auch fortlaufend die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik Deutschland zu beeinflussen und zu destabilisieren", sagte der Sprecher des AuswĂ€rtigen Amts. Er verwies auf belastbare Informationen deutscher Sicherheitsbehörden, dass dahinter Organisationen stĂŒnden, die vom GRU unterstĂŒtzt wĂŒrden.
Verleumderische Kampagnen gegen Habeck und Merz
Die Kampagne "Storm 1516" lĂ€uft seit 2024. Sie zielt vor allem auf die Beeinflussung von Wahlen in westlichen LĂ€ndern ab. In einer Gemeinschaftsaktion hatten der deutsche Auslandsgeheimdienst Bundesnachrichtendienst (BND) und das fĂŒr Spionageabwehr im Innern zustĂ€ndige Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz zwischen Juli 2024 und Juli 2025 zehn Veröffentlichungen in Sozialen Medien wie X oder Telegram untersucht.
Im Fokus standen vor der Bundestagswahl unter anderem der GrĂŒnen-Spitzenkandidat Robert Habeck und der damalige Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz (CDU). Um sie in Misskredit zu bringen, wurden unter anderem falsche Zeugenaussagen produziert und ins Netz gestellt sowie Websites mit erfundenen Inhalten aufgesetzt.
Zwei Tage vor der vorgezogenen Wahl vom 23. Februar 2025 hatte die Bundesregierung mitgeteilt, die deutschen Sicherheitsbehörden hĂ€tten Hinweise, dass Fake-Videos ĂŒber angebliche Manipulationen bei Stimmzetteln Teil einer russischen Desinformationskampagne seien.
Die VorgÀnge im Einzelnen:
* In einem Video vom 29. Juli 2024 wird der damaligen AuĂenministerin Baerbock (GrĂŒne) vorgeworfen, auf einer Afrikareise eine AffĂ€re mit einem afrikanischen Gigolo gehabt zu haben.
* Dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck (GrĂŒne) wird in einem Video vom 5. Dezember 2024 sexueller Missbrauch unterstellt.
* Ein angeblicher Islamist posiert in einem Video vom 22. Januar 2025 und behauptet, er habe einen Menschen enthauptet.
* Habeck wird in einem Video vom 30. Januar 2025 unter anderem vorgeworfen, gestohlene Kunst zu verkaufen.
* Dem CDU-Vorsitzenden und damaligen Unions-Kanzlerkandidaten Merz wird am 3. Februar 2025 und damit wenige Wochen vor der Bundestagswahl am 23. Februar unterstellt, er sei psychisch instabil und vor einigen Jahren in die Psychiatrie eingewiesen worden.
* In einem Video vom 17. Februar 2025 wird behauptet, dass die AfD in Leipzig auf Stimmzetteln zur Briefwahl nicht aufgefĂŒhrt worden sei.
* In einem Video vom 20. Februar 2025 wird behauptet, in Hamburg seien Briefwahlunterlagen vernichtet worden, in denen die AfD angekreuzt worden sei.
* Auf einer vermeintlich offiziellen Webseite wird am 6. Mai 2025 ein angebliches Programm der neuen Bundesregierung angekĂŒndigt, mit dem Einwanderung gezielt gefördert werden solle.
* In einem Video vom 27. Mai 2025 wird Kanzler Merz vorgeworfen, er habe sich bei einer vermeintlichen Lieferung deutscher Taurus-Marschflugkörper persönlich bereichert.
* In einem Video vom 4. Juli 2025 wird der Kanzler beschuldigt, er habe wÀhrend eines Jagdausfluges in Kanada EisbÀrbabys getötet.
BND-PrĂ€sident Martin JĂ€ger erklĂ€rte, Moskau wolle europĂ€ische Demokratien destabilisieren und Gesellschaften spalten und einschĂŒchtern. "Wir mĂŒssen unsere Gegner konfrontieren, wo immer dies nötig ist", fĂŒgte er hinzu. BfV-PrĂ€sident Sinan Selen sagte, die Kampagne "Storm 1516" zeige sehr konkret, wie die demokratische Ordnung angegriffen werde. Das "Desinformations-Ăkosystem" umfasse prorussische Influencer mit hoher Reichweite, Verschwörungsideologen und rechtsextremistische Milieus, die ĂŒber ihre KanĂ€le russische Falschinformationen verbreiteten.
Hybride Angriffe haben zugenommen
Die Bundesregierung beobachtet nach eigenen Angaben seit geraumer Zeit eine Zunahme hybrider Bedrohungen durch Russland. Unter hybrider KriegsfĂŒhrung wird eine Kombination aus militĂ€rischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und propagandistischen Mitteln verstanden, mit der auch die öffentliche Meinung beeinflusst werden kann, auch staatlich gelenkte Cyberattacken zĂ€hlen dazu.
Das AuswĂ€rtige Amt teilte mit, die Bundesregierung werde in enger Abstimmung mit europĂ€ischen Partnern eine Reihe von GegenmaĂnahmen ergreifen, um Russland "einen Preis fĂŒr sein hybrides Agieren aufzuzeigen". Auf europĂ€ischer Ebene unterstĂŒtze man zudem neue Sanktionen gegen einzelne Akteure. Dazu zĂ€hlten etwa Einreisesperren fĂŒr bestimmte Personen und das Einfrieren von Vermögenswerten.
Es sei gut, dass die Sicherheitsbehörden nun die Spuren nach Russland glasklar aufgedeckt hĂ€tten, sagte die GrĂŒnen-Vorsitzende Franziska Brantner. Es reiche aber nicht aus, den Botschafter einzubestellen. Die Bundesregierung mĂŒsse in Zukunft "viel konsequenter gegen Kampagnen vorgehen, die im Auftrag Russlands LĂŒgen verbreiten, um unsere Gesellschaft zu spalten". Ein weiterer notwendiger Schritt wĂ€re es, die eingefrorenen russischen Vermögenswerte fĂŒr die Ukraine nutzbar zu machen, damit diese ihre VerteidigungsfĂ€higkeit stĂ€rken könne.

