Börse Frankfurt-News: Aktien, Renten, Cash - was treibt die Renditen?
03.11.2025 - 10:13:50Viele fragen sich: Was sind die Folgen der KI-Bubble? Drohen uns Inflationsgefahren? Werden ProduktivitĂ€tsschĂŒbe durch Innovationen die hohen Bewertungen auffangen? Wie gravierend werden die demografisch bedingten Deflationsgefahren wirken? Ali Masarwah, Fondsanalyst und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Beratungshauses envestor, stellt zwei Studien vor, die Einblicke fĂŒr die nĂ€chsten zehn Jahre geben.
3. November 2025. FRANKFURT (envestor). Binnen weniger Tage haben JPMorgan Asset Management und die Deutsche Bank umfangreiche Auswertungen zu langfristigen Renditen an den KapitalmĂ€rkten vorgelegt - und darauf aufbauend mögliche Renditepfade der Zukunft fĂŒr Aktien, Anleihen und Cash aufgezeigt.
Die beiden Studien bieten zunĂ€chst einen Giga-Datenfundus - viele Fakten dĂŒrften Anlegern so nicht prĂ€sent sein - etwa, dass ein Investment in deutsche Anleihen zwischen 1910 und 1916 real gesehen ein Totalverlust war. Deutlich besser lief es bei den Emissionen 1917 und 1918. Diese verloren nur schlappe 99 Prozent und benötigten lediglich 92 Jahre, um das Ausgangsniveau wieder zu erreichen. Die begrenzten Ertragschancen bei Anleihen erwiesen sich angesichts der heftigen InflationsschĂŒbe als Rendite-Killer. Auch die Staatsanleihen vieler anderer LĂ€nder waren faktisch Totalverluste.
Doch auch wer die MSCI-World-Statistik im Kopf hat, wonach es "unmöglich" sei, nach 15 Jahren mit Aktien einen Verlust zu machen, sollte sich die historischen Daten der Deutsche-Bank-Studie zu GemĂŒte fĂŒhren: Die 1961 beginnende Aktienbaisse in der Schweiz erreichte ihren Tiefpunkt real erst im Jahr 1971, es sollte 19 Jahre dauern, bis ein Verlust ausgeglichen werden wĂŒrde. Der Maximalverlust lag bei fast 70 Prozent. Die 1999 beginnende Baisse in Griechenland erreichte ihren Tiefpunkt 2011 und wurde auch bis Ende 2024 noch nicht egalisiert.
Es ist immer wieder hilfreich, ein wenig auf derartige Gruselzahlen zu blicken. Nicht, um die Blaupause fĂŒr die Zukunft zu erhalten, sondern um zu verstehen, welche Folgen Kriege, politische und soziale Krisen und Inflation haben können. (Anlegerinnen und Anleger) in ukrainischen Wertpapieren mĂŒssen nicht so weit zurĂŒckgehen, um zu wissen, wovon die Rede ist!) Und wer die Historie richtig deutet, wird verstehen, dass auch in Zeiten von Polykrisen eben solche Szenarien extrem unrealistisch sind - die meisten entwickelten MĂ€rkte und SchwellenlĂ€nder bieten mal höhere, mal niedrigere RisikoprĂ€mien, aber ein Totalverlust liegt heute mit einem ziemlich hohen Konfidenzniveau nicht im Rahmen des Erwartbaren.
So weit, so erbaulich. Kommen wir nun zu den wichtigsten Antworten auf die Fragen nach den langfristigen Treibern von Renditen bei Aktien, Anleihen und Cash.
Aktien
Die wichtigsten Renditetreiber sind Wachstum (insbesondere Technologie und Innovation), ProduktivitĂ€t, Margenentwicklung, Dividenden und Bewertung. In den kommenden Jahren werden demnach KI und Tech-Adoption die Margen zunĂ€chst hochhalten, dann durch breite Anwendungen die Chancen in andere Sektoren verlagern. Daraus folgt, dass die Outperformance der USA fĂŒr die kommenden Dekaden weniger wahrscheinlich wird. Internationale Diversifikation und die Reduktion von Klumpenrisiken werden zunehmend wichtiger. Aktives Management hĂ€tte bei einer Rekalibrierung der MĂ€rkte Vorteile gegenĂŒber Index-Investments, die die Tech-FĂŒhrerschaft der USA widerspiegeln.
Anleihen
Die nominale Performance von Anleihen wird durch Startrenditen, Inflationserwartung, Geldpolitik und RisikoaufschlĂ€ge bestimmt. Höhere Defizite und Protektionismus werden demnach zu steileren Zinskurven und damit attraktiveren Laufzeiten bei Bonds fĂŒhren. Real ist die Inflation entscheidend: Historisch schwankten reale Bond-Renditen, waren aber in Umbruchsphasen (InflationsschĂŒbe, Deflationsdruck) besonders volatil. Bis 2026 sehen die Analysten eine höhere InflationsvolatilitĂ€t und gröĂere Zinsbandbreiten, was QualitĂ€tsanleihen und inflationsgeschĂŒtzte Assets begĂŒnstigt.
Cash
Die Cash-Rendite ist kurzfristig eng mit dem Leitzins verbunden, langfristig aber vor allem durch Inflationsentwicklung und Krisen (z. B. Finanzkrise) limitiert. Bei hartnĂ€ckiger Inflation wird Cash attraktiver bleiben als in Nullzinszeiten, aber in realen Werten dĂŒrften Geldmarktfonds zumeist hinter Aktien und Anleihen zurĂŒckfallen. Daher mĂŒssen Anlegende immer die OpportunitĂ€tskosten von Cash im Blick behalten.
Interessant ist, dass beide Studien recht klar die Reversion-to-the-Mean-These vertreten. Die Out- und Underperformance der wichtigsten Assetklassen wird in der Zukunft stĂ€rker von Bewertungsniveaus getrieben als vom technologischen Disruptionspotenzial, das die MĂ€rkte von heute nach oben treibt. Besonders AnhĂ€nger der These des US-Exzeptionalismus werden aufhorchen: TechnologiefĂŒhrerschaft allein reicht nicht aus fĂŒr kĂŒnftige Outperformance, wenn die Bewertungen schon sehr hoch sind. Angesichts der ĂŒberwiegend optimistischen Sicht fĂŒr Aktien gehen beide HĂ€user von einer weiter hohen Performance von Private Equity aus, das vom Zugang zu M&A, Innovationsdruck und - last but not least - von der IlliquiditĂ€tsprĂ€mie und aktivem Management profitieren wird.
Bei Anleihen steht ein Regime mit mehr VolatilitĂ€t, höheren Term-Risk-Premien, unterschiedlichen Wachstumsmustern zwischen entwickelten LĂ€ndern und SchwellenlĂ€ndern und einer Renaissance risikoadjustierter Bond-Returns im Vordergrund. Mehr Risiko, mehr Ertrag, heiĂt es. Auch Hochzinsanleihen dĂŒrften bei steigender Inflation einen Vorteil gegenĂŒber Staatsanleihen haben, aber nur so lange. Sollte allerdings die Situation kippen, wĂŒrden im Zuge von Rezessionen die Ausfallrisiken stark steigen - dann wĂ€ren Staatsanleihen die klassischen Rettungsanker.
Von Ali Masarwah, 3. November 2025, © envestor.de
(FĂŒr den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die BeitrĂ€ge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

