Insolventer Flugtaxi-Hersteller Volocopter sucht Investoren
30.12.2024 - 14:30:44(neu: Details)
BRUCHSAL (dpa-AFX) - Insolvenzantrag zu Weihnachten und ein Wunschzettel fĂŒrs neue Jahr: Weil die GesprĂ€che mit möglichen Investoren nicht fruchteten, hat der Flugtaxi-Hersteller Volocopter Insolvenz angemeldet und sucht Investoren. FĂŒr die rund 500 Mitarbeitenden soll es erst einmal wie gewohnt weitergehen.
Das Amtsgericht Karlsruhe habe Tobias Wahl von Anchor RechtsanwÀlte zum vorlÀufigen Insolvenzverwalter bestellt, teilte Volocopter im badischen Bruchsal mit. Der Anwalt möchte bis Ende Februar ein Sanierungskonzept entwickeln und mit Investoren umsetzen. "Das Unternehmen benötigt jetzt eine Finanzierung, die es ermöglicht, die letzten Schritte zum Markteintritt zu gehen."
Volocopter fehlt noch eine Musterzulassung der EuropĂ€ischen Agentur fĂŒr Flugsicherheit (Easa), um mit den senkrecht startenden vollelektrischen FluggerĂ€ten Passagiere befördern zu dĂŒrfen. Die Firma geht trotz des am zweiten Weihnachtstag angemeldeten Insolvenzverfahrens davon aus, dass diese im neuen Jahr kommt und es dann losgehen kann. "Wir sind sowohl technologisch als auch bei der Flugerfahrung sowie im Zertifizierungsprozess im nationalen und internationalen Wettbewerb ganz weit vorne", sagte Volocopter-Chef Dirk Hoke, der das Unternehmen Ende Februar verlĂ€sst.
Parallelen zu Lilium NL0015000F41
"Der GeschÀftsbetrieb lÀuft weiter", teilte eine Sprecherin mit. "Ziel ist ein Erhalt der ArbeitsplÀtze und das Insolvenzverfahren zu nutzen, um Volocopter zu sanieren und nachhaltig wettbewerbsfÀhig aufzustellen." Unter Hoke sei die Zahl der Mitarbeitenden von rund 700 auf derzeit 500 gesenkt worden.
Zu GeschÀftszahlen macht Volocopter keine Angaben. Das Magazin "Capital" hatte unter Berufung auf den Jahresabschluss 2023 berichtet, das Start-up habe 146,2 Millionen Euro Verlust gemacht nach 136,8 Millionen Euro im Vorjahr. Mitte November hatte Volocopter Oliver Vogelgesang als Finanzchef geholt.
Er kam vom ebenfalls insolventen Elektroflugzeug-Pionier Lilium aus Bayern. Lilium hatte Heiligabend mitgeteilt, das Investorenkonsortium Mobile Uplift Corporation ĂŒbernehme den Betrieb. 750 Mitarbeiter, denen wenige Tage vor Weihnachten gekĂŒndigt worden war, sollten einem Sprecher zufolge zurĂŒckgeholt werden. Anders als Volocopter lĂ€uft das Insolvenzverfahren dort in Eigenverwaltung.
Keine Hilfe vom Staat
CSU-Politikerin Dorothee BĂ€r hatte die Flugtaxi-Branche mit einem Interview vor einigen Jahren in den Fokus der Ăffentlichkeit gerĂŒckt. Doch so richtig zum Laufen kam der Industriezweig in Deutschland nicht. Lilium und Volocopter hatten in der Vergangenheit immer wieder finanzielle UnterstĂŒtzung gesucht.
Staatliche Hilfe aus Baden-WĂŒrttemberg und Bayern, die im Laufe des Jahres samt Wechsel des Volocopter-Hauptsitzes in den Freistaat im GesprĂ€ch war, blieb jedoch aus. Zuletzt war es um je 50 Millionen Euro vom Bund und Bayern gegangen. Das Geld kam dann am Ende von Investoren.
SpĂ€ter berichtete der Finanzdienst Bloomberg, der chinesische Mischkonzern Geely sei an der Ăbernahme des Flugtaxi-Start-ups interessiert. Volocopter wollte sich damals dazu nicht inhaltlich Ă€uĂern.
Nachfolgesuche fĂŒr Chefposten
Nun heiĂt es in der ErklĂ€rung, in der Vergangenheit hĂ€tten zahlreiche Finanzierungsrunden die Entwicklung und den Betrieb vorangetrieben. Bis vor kurzem habe Volocopter so in einem Ă€uĂert schwierigen Finanzumfeld bestanden. "Trotz intensiver BemĂŒhungen ist es dennoch nicht gelungen, eine tragfĂ€hige Lösung zu finden, um den regulĂ€ren Betrieb auĂerhalb eines Insolvenzverfahrens der Volocopter GmbH aufrechtzuerhalten."
Hoke hatte die Politik nach den ausgebliebenen Hilfen kritisiert und ihr mangelnde UnterstĂŒtzung vorgeworfen: "NatĂŒrlich richtet man in einer derart technologisch komplexen und kapitalintensiven Branche wie unserer auch den Blick in Richtung des Staates", sagte er "Capital".
Dass der CEO im FrĂŒhjahr ausscheidet, hat mit der Insolvenz allerdings nichts zu tun und ist schon lĂ€nger bekannt. Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche soll als Beiratsvorsitzender einen Nachfolger suchen.
In Deutschland nur EinsÀtze im Rettungswesen?
Eigentlich hatte Volocopter wĂ€hrend der Olympischen Spiele in Paris Menschen fliegen wollen. Auch wenn dem Unternehmen noch die Erlaubnis zum kommerziellen Passagierbetrieb fehlt, sind die Flugtaxis dennoch zu sehen. So gab es in Paris Show-FlĂŒge unter anderem in der NĂ€he von Schloss Versailles und regelmĂ€Ăige TestflĂŒge. Auch Piloten darf Volocopter ausbilden.
Das Start-up hat StĂ€dte wie Rom und Osaka auf der Agenda. RegelmĂ€Ăige FlĂŒge in Deutschland haben indes keine PrioritĂ€t, weil die StĂ€dte hierzulande den Angaben nach nicht so groĂ und dicht besiedelt sind. Zudem hĂ€tten sie autarke Nahverkehrsnetze. In Deutschland arbeitet Volocopter mit der ADAC-Luftrettung zusammen, um etwa den Einsatz fĂŒr Rettungszwecke zu erproben.
Bundesministerium will gute Bedingungen fĂŒr Flugtaxis schaffen
Das Bundesverkehrsministerium hatte vor kurzem eine Strategie vorgestellt, um den Einsatz von Drohnen und Flugtaxis auszuweiten. Diese sieht Teststrecken fĂŒr Lufttaxis ab 2026 vor und einen bundesweiten Betrieb ab 2032. "Wir wollen, dass diese Fortbewegungsmittel der Zukunft in Deutschland hergestellt und betrieben werden", erklĂ€rte Ressortchef Volker Wissing (parteilos). "Das schafft nicht nur neue High-Tech-ArbeitsplĂ€tze, sondern sichert auch langfristig unsere Position als fĂŒhrender Industrie- und Innovationsstandort."
Obwohl beworben als nachhaltig und leise sind die modernen FluggerĂ€te nicht unumstritten: Eine Analyse des Leibniz-Zentrums fĂŒr EuropĂ€ische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim von elf Untersuchungen ergab, dass sich Reisezeiten kaum verkĂŒrzten, wĂ€hrend die Kosten und im Vergleich zu E-Autos auch die CO2-Emissionen stiegen. "NĂŒtzlich kann urbane LuftmobilitĂ€t vor allem bei NotfalleinsĂ€tzen sowie zum Anbinden entlegener Regionen sein."

