Rote Zahlen bei Thyssenkrupp - Aktie auf Rekordtief
14.08.2024 - 12:08:46Eine geringere Dynamik in wichtigen Kundenindustrien wie der Autobranche, dem Maschinen- und Anlagenbau und der Bauwirtschaft hĂ€tten dabei die GeschĂ€fte belastet, erklĂ€rte das Unternehmen am Mittwoch bei der Vorlage endgĂŒltiger Zahlen. Die Prognose hatte Thyssenkrupp bereits im Juli zum dritten Mal in diesem Jahr gesenkt. FĂŒr die Autozulieferer-Sparte kĂŒndigte der Konzern weitere Restrukturierungen inklusive des Abbaus hunderter Stellen in Deutschland an. Das Konzept fĂŒr die Neuausrichtung des StahlgeschĂ€fts hĂ€ngt unterdessen weiter in der Schwebe.
Die ganze Gemengelage fĂŒhrte zu weiteren Verlusten der ohnehin stark gebeutelten Aktie. So tauchte das Papier bereits am frĂŒhen Morgen ab und weitete die Verluste auf ein Rekordtief bei 3,14 Euro aus. Zuletzt lagen sie beim Kurs von 3,18 Euro und einem Minus von 3,4 Prozent im MDax DE0008467416 auf dem vorletzten Platz. Die Thyssenkrupp-Aktien haben sich seit Jahresanfang glattweg halbiert. Schwache Ergebnisse und die hohe Unsicherheit ĂŒber die weitere GeschĂ€ftsentwicklung fĂŒhrten dazu, dass Anleger davonliefen. Im MDax zĂ€hlen sie 2024 zu den schwĂ€chsten Werten.
Christian Obst, Analyst bei der Baader Bank, sieht derzeit keinerlei Impulse fĂŒr ein schnelles Ende der negativen Stimmung. Er verwies auf die fortwĂ€hrende und fĂŒr den Markt essenzielle Diskussion um anhaltende MittelabflĂŒsse, gepaart mit unklaren Kosten fĂŒr die laufende Transformation und die geplanten Portfolio-Bereinigungen. Gegenwind kommt dazu von einem sich weiter abschwĂ€chenden Wirtschaftsumfeld und einer erneuten Verzögerung der Entscheidung ĂŒber die Zukunft der Stahlsparte. Zudem könnte es zu weiteren Restrukturierungskosten in der Autozulieferer-Sparte kommen.
Im dritten GeschÀftsquartal (per Ende Juni) lief bei Thyssenkrupp unter dem Strich ein Verlust von 54 Millionen Euro auf, wie das Unternehmen in Essen mitteilte. Im Vorjahreszeitraum hatte Thyssenkrupp noch 83 Millionen Euro verdient. Bereits in den ersten beiden Quartalen hatte der Konzern Verluste verbucht.
Diesmal belasteten Einmaleffekte im Volumen von 80 Millionen Euro im Anlagenbau das Ergebnis. Diese waren insbesondere auf Mehrkosten fĂŒr Altprojekte zurĂŒckzufĂŒhren, wie es hieĂ. ZusĂ€tzlich wirkte sich die Entkonsolidierung der 55-prozentigen Beteiligung Thyssenkrupp Industries India negativ aus.
Der Umsatz sank um sechs Prozent auf rund neun Milliarden Euro. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern ging um knapp 40 Prozent auf 149 Millionen Euro zurĂŒck. WĂ€hrend Automotive Technology, Materials Services und Marine Systems ihre Ergebnisse verbessern konnten, wurde das Ergebnis im Stahlbereich mit 100 Millionen Euro nahezu halbiert. Thyssenkrupp hat bereits im Juli vorlĂ€ufige Zahlen zum operativen GeschĂ€ft vorgelegt.
FĂŒr das Automobilzulieferer-GeschĂ€ft kĂŒndigte Thyssenkrupp eine Neuausrichtung im Karosseriebau an. In diesem Zusammenhang sollen bis zu 400 Stellen in Deutschland gestrichen werden. Dies betrifft vor allem den saarlĂ€ndischen Standort Lockweiler, wie der neue Finanzvorstand Jens Schulte in einer Pressekonferenz erlĂ€uterte. Parallel dazu sollen die KapazitĂ€ten an anderen Standorten auĂerhalb von Deutschland erhöht werden. Die Umsetzung ist den Angaben zufolge schrittweise bis zum Ende des GeschĂ€ftsjahres 2024/2025 geplant.
Den Verkaufsprozess fĂŒr den Bereich Automation Engineering stoppte Thyssenkrupp vorerst. So erwĂ€gt das Management fĂŒr das darin enthaltene GeschĂ€ft mit AntriebsstrĂ€ngen in Bremen verschiedene Optionen "bis hin zu tiefergehenden strukturellen MaĂnahmen", wie es hieĂ. Ob dies auch eine SchlieĂung beinhalten könnte, wollte Schulte nicht sagen. DafĂŒr sei es noch zu frĂŒh. Eine Entscheidung soll bis zum Ende des laufenden GeschĂ€ftsjahres erfolgen. Dagegen liefen die GesprĂ€che mit potenziellen Interessenten fĂŒr den Bereich Federn und Stabilisatoren weiter.
Keine weiteren Neuigkeiten gab es zur Zukunft des StahlgeschĂ€fts. Dieses leidet unter hohen Kosten, etwa fĂŒr Energie, einer schwachen Nachfrage sowie anhaltendem Preisdruck sowie unter zusĂ€tzlichen Importen, insbesondere aus Asien. Thyssenkrupp will das volatile GeschĂ€ft ausgliedern und 50 Prozent an die Gesellschaft des tschechischen MilliardĂ€rs Daniel Kretinsky abgeben. Dessen EPCG hat kĂŒrzlich 20 Prozent ĂŒbernommen, ĂŒber die weiteren 30 Prozent laufen GesprĂ€che. "Unser gemeinsames Ziel ist und bleibt eine eigenstĂ€ndige Aufstellung des Stahlbereichs, der sich wirtschaftlich trĂ€gt - und zwar aus eigener Kraft", sagte Schulte.
Am vergangenen Freitag hatte der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp Steel ĂŒber das vom Stahl-Vorstand geplante Restrukturierungskonzept, das auch einen Stellenabbau vorsieht, beraten, aber keine Entscheidung getroffen. Keine Einigung gab es auch ĂŒber ein entsprechendes Finanzierungskonzept. So gab es unterschiedliche Auffassungen ĂŒber die Höhe der Finanzierungskosten und die Frage, wie die FinanzierungslĂŒcke geschlossen werden kann, wie Aufsichtsratschef Sigmar Gabriel im Anschluss der Sitzung erklĂ€rte. Stattdessen wurde die Erstellung eines neutralen Gutachtens beschlossen, auf dessen Grundlage dann ĂŒber das Restrukturierungsprogramm gesprochen werden soll. Es soll noch in diesem Jahr vorgelegt werden.
Schulte lobte am Mittwoch die Arbeit des Stahl-Vorstands. Die strukturelle Neuaufstellung des StahlgeschĂ€fts sei "ein Ă€uĂerst anspruchsvolles Unterfangen, da es gleichzeitig um eine Performancetransformation, Performancesteigerungen und eine grĂŒne Transformation geht", sagte Schulte. "Und das alles noch in einem sehr angespannten Umfeld. Insofern, und das sage ich hier und das sage ich auch intern im Unternehmen, verdient die Arbeit daran auch durch den Stahl-Vorstand den gröĂten Respekt." Die Diskussionen um die PlĂ€ne nannte er "intensiv" und "wichtig". Erst am Samstag hatte sich Thyssenkrupp-Konzernchef Miguel LĂłpez kritisch zu den vorgelegten PlĂ€nen geĂ€uĂert.

