Thyssenkrupp stellt Vorstand neu auf - Harsche Kritik der IG Metall
30.11.2023 - 11:05:43Zudem kann der neue Konzernchef Miguel LĂłpez kĂŒnftig mit einem gröĂeren Vorstandsteam arbeiten, welches mehr operative Verantwortung erhĂ€lt. Damit dĂŒrfte die bisherige Holding-Strategie zurĂŒckgedreht werden. Kritik kam von der Gewerkschaft IG Metall. Bei der Entscheidung des Aufsichtsrates kam es zu einem Novum - zum ersten Mal setzte sich die EigentĂŒmerseite ĂŒber die Stimmen der Arbeitnehmerseite hinweg.
Die Aktie von Thyssenkrupp verlor am Donnerstagmorgen zunĂ€chst mehr als ein Prozent. Analyst Christian Obst von der Baader Bank schrieb, dass ein Vorstandsteam mit fĂŒnf Mitgliedern fĂŒr einen Konzern in der GröĂe von Thyssenkrupp zwar sinnvoll sei - ein "Arbeiten" gegen die Gewerkschaft vereinfache jedoch nicht gerade Entscheidungen zur Steigerung der ProfitabilitĂ€t oder zur Konzernstruktur.
Der Aufsichtsrat des Konzerns bestellte am Mittwochabend Jens Schulte zum neuen Finanzchef. Schulte hat das Amt zurzeit bei der Schott AG inne. Der Wechsel soll voraussichtlich in der zweiten HĂ€lfte des GeschĂ€ftsjahres erfolgen, teilte das Unternehmen in Essen mit. Keysberg hatte bereits im September angekĂŒndigt, seinen Vertrag nicht verlĂ€ngern zu wollen.
Zudem erweitert Thyssenkrupp seinen bislang aus drei Mitgliedern bestehenden Vorstand. Volkmar Dinstuhl, zuletzt Chef des inzwischen aufgelösten Segments Multi Tracks und zustĂ€ndig fĂŒr Zu- und Verkaufsprojekte werde ebenso zum 1. Januar in den Vorstand berufen wie Ilse Henne. Die Managerin ist derzeit im Vorstand der Handelssparte. Alle neuen VertrĂ€ge liefen ĂŒber drei Jahre.
Die Arbeitnehmervertreter kritisierten die Erweiterung des Vorstands scharf. Zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens seien VorstÀnde trotz der geschlossenen Ablehnung der Arbeitnehmerseite bestellt worden, hieà es in einer von der IG Metall veröffentlichten Mitteilung.
Wie Thyssenkrupp weiter mitteilte, soll mit der Bestellung der Vorstand stĂ€rker auf die operative Leistung sowie auf die Weiterentwicklung des Portfolios ausgerichtet werden. Bislang hatte das Gremium die drei Querschnittsfunktionen Strategie, Personal und Finanzen abgedeckt. Mit der Neuausrichtung sollen auch die Sparten von Thyssenkrupp kĂŒnftig einzelnen Vorstandsmitgliedern zugeordnet werden. Beim neuen Chef Miguel LĂłpez liegen das StahlgeschĂ€ft sowie die neue Sparte Decarbon Technologies, bei Dinstuhl Automotive Technology, bei Henne das HandelsgeschĂ€ft sowie Marine Systems bei Personalvorstand Oliver Burkhard.
Die Arbeitnehmerseite sprach in ihrer Mitteilung von einem "Kulturbruch in der Mitbestimmung" und einer "ZĂ€sur". Die Anteilseigner und der neue Chef LĂłpez hĂ€tten mit der bewĂ€hrten Mitbestimmungspraxis bei Thyssenkrupp gebrochen. Dies werde Spuren hinterlassen und dem bislang ausgewogenen und konstruktiven Dialog im Aufsichtsrat dauerhaft Schaden zufĂŒgen. Der Alleingang gegen die komplette Arbeitnehmerbank zeige, dass die Anteilseigner kein Interesse mehr an einem belastbaren Miteinander hĂ€tten.
Die Arbeitnehmerseite kritisiert vor allem, dass die Erweiterung des Vorstandes den laufenden Sparprogrammen widerspreche. "Auch ein Dutzend VorstĂ€nde wird dieses Unternehmen nicht gegen die eigenen Mitarbeitenden fĂŒhren können. Wasser predigen und Wein trinken wird nicht zum Erfolg fĂŒhren", hieĂ es.
Die frĂŒhere Chefin Martina Merz hatte Thyssenkrupp als "Group of Companies" ausgerichtet, in dem die Sparten selbststĂ€ndig agierten und Thyssenkrupp eher als Holding fungierte. Doch der Konzern ist in den vergangenen Jahren mit der Weiterentwicklung seiner GeschĂ€fte eher zögerlich vorangekommen und fiel vor allem durch VerkĂ€ufe auf, etwa der Aufzugsparte. Wie das "Handelsblatt" am Mittwoch zuvor unter Berufung auf informierte Kreise berichtete, verspricht sich LĂłpez durch eine zentralere FĂŒhrung der Segmente einen besseren Zugriff auf die GeschĂ€fte. Ziel sei es, ĂŒber die eingeleiteten Sparprogramme die Kosten signifikant zu senken.
Thyssenkrupp war im vergangenen GeschĂ€ftsjahr 2022/23 (per Ende September) tief in die Verlustzone gerutscht und musste Milliarden auf das derzeit schwĂ€chelnde StahlgeschĂ€ft abschreiben. Die Essener bereiten fĂŒr die unter dem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld leidende und volatile Sparte einen Teilverkauf vor. Hier hatte der Konzern jĂŒngst GesprĂ€che mit dem tschechischen MilliardĂ€r Daniel Kretinsky öffentlich gemacht. Dabei soll dieser zuletzt auf die Bremse getreten sein, berichtete das "Handelsblatt" weiter. Er habe deutlich gemacht, dass er keinen Zeitdruck sehe, hieĂ es in dem Bericht unter Berufung auf Konzernkreise.
Daneben hat Thyssenkrupp weitere Umbauten im Blick: So strebt der Konzern eine Abspaltung von Marine Systems an. Zudem wird bereits seit lĂ€ngerem nach Partnern oder neuen EigentĂŒmern fĂŒr Teile des Anlagenbaus sowie des AutozuliefergeschĂ€fts gesucht.

