ROUNDUPFriedensplan, Ukraine

Selenskyj gegen Gebietsabtretung

08.12.2025 - 21:44:53 | dpa.de

Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj lehnt Gebietsabtretungen an Russland - ein zentraler Punkt aus dem US-Plan fĂŒr ein Ende des Ukraine-Kriegs - weiter ab.

Eine ĂŒberarbeitete Fassung des Plans soll ihm zufolge bis zum morgigen Dienstag an Washington ĂŒbermittelt werden.

Mit Blick auf Gebietsabtretungen teilte Selenskyj ukrainischen Journalisten nach einem Treffen mit den Staats- und Regierungschefs der E3-Staaten (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) in London mit: "Wir haben nach dem Gesetz keinerlei Recht dazu - weder nach dem Gesetz der Ukraine, noch unserer Verfassung oder dem Völkerrecht, wenn wir ehrlich sind."

Der von den USA ausgearbeitete Friedensplan sei inzwischen von 28 auf 20 Punkte gekĂŒrzt worden. "Die offen Ukraine-feindlichen Positionen wurden herausgenommen." Selenskyj kĂŒndigte die Fertigstellung und Übergabe des Plans an die USA fĂŒr den morgigen Dienstag an.

Merz: "Ich bin skeptisch gegenĂŒber einigen Details"

Wie ernst die Lage bei den US-gefĂŒhrten Friedensverhandlungen aus Sicht Kiews und der EuropĂ€er ist, war dem ukrainischen Staatschef bei dem Treffen in London im Gesicht abzulesen.

Am deutlichsten brachte Bundeskanzler Friedrich Merz die Dinge auf den Punkt: "Ich bin skeptisch gegenĂŒber einigen Details, die wir in Dokumenten sehen, die von der US-Seite kommen", sagte der CDU-Politiker. Er fĂŒgte hinzu: "DarĂŒber mĂŒssen wir sprechen. Darum sind wir hier." Die kommenden Tage könnten sich als entscheidend "fĂŒr uns alle" erweisen, so der Kanzler.

Merz bekrĂ€ftigte - wie auch Großbritanniens Premier Keir Starmer und Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron - die Entschlossenheit bei der UnterstĂŒtzung Kiews. Daran könne kein Zweifel aufkommen. Merz fĂŒgte hinzu: "Wir alle wissen: Das Schicksal dieses Landes ist das Schicksal Europas."

Trump "ein wenig enttÀuscht" von Selenskyj

Vorangegangen waren mehrtĂ€gige Verhandlungen zwischen UnterhĂ€ndlern Kiews und der USA ĂŒber eine neue Fassung des von US-PrĂ€sident Donald Trump vorgelegten Friedensplans. Dessen ursprĂŒngliche Version war vielfach als "russische Wunschliste" kritisiert worden. Selenskyj schaltete sich nach eigenen Angaben zum Abschluss der GesprĂ€che dazu, den Austausch nannte er konzentriert und konstruktiv.

Zu den Details Ă€ußerte sich Selenskyj auch bei dem kurzen gemeinsamen Auftritt vor der Presse in London zunĂ€chst nicht. Es mĂŒssten wichtige Entscheidungen getroffen werden, sagte der Ukrainer lediglich. Unter anderem gehe es, "um die Einigkeit zwischen Europa und der Ukraine und auch um die Einigkeit zwischen Europa, der Ukraine und den Vereinigten Staaten." Er fĂŒgte hinzu: "Es gibt Dinge, die wir ohne die Amerikaner nicht schaffen (...)." Erst spĂ€ter Ă€ußerte er sich dann gegenĂŒber ukrainischen Journalisten.

Wichtige Streitpunkte scheinen Territorialfragen und Sicherheitsgarantien der USA fĂŒr die Ukraine zu sein. Trump war bereits mit der Äußerung vorgeprescht, Moskau werde dem neuen Vorschlag wohl zustimmen, er sei sich aber nicht sicher, ob Selenskyj damit einverstanden sei. "Und ich muss sagen, dass ich ein wenig enttĂ€uscht bin, dass PrĂ€sident Selenskyj den Vorschlag noch nicht gelesen hat", so der US-PrĂ€sident am Sonntag.

Kommt Bewegung in die Frage eingefrorener russischer Vermögen?

Wie viel Einfluss den EuropĂ€ern noch bleibt, ist ungewiss. Frankreichs PrĂ€sident Macron betonte, es gebe noch Druckmittel auf Moskau. "Ich denke, wir haben viele Karten in der Hand", sagte der Franzose bei dem Treffen in London. Neben Waffenlieferungen und Trainingsprogrammen fĂŒr die Ukraine nannte er auch ein SchwĂ€cheln der russischen Wirtschaft infolge von Sanktionen. Hauptpunkt sei nun, die europĂ€ische und ukrainische Position mit den USA zusammenzubringen, um die Friedensverhandlungen zu finalisieren und mit besten Bedingungen fĂŒr die Ukraine in eine neue Phase zu kommen.

Gastgeber Starmer betonte, ein Waffenstillstand mĂŒsse gerecht und dauerhaft sein. In einer Mitteilung der britischen Regierung nach dem Treffen wurde auch die Forderung nach robusten Sicherheitsgarantien hervorgehoben. Bei den GesprĂ€chen seien zudem "positive Fortschritte" gemacht worden, um eingefrorene russische Vermögenswerte fĂŒr den Wiederaufbau der Ukraine zu nutzen, so die Mitteilung weiter. Alle seien sich einig gewesen, dass nun ein entscheidender Zeitpunkt gekommen sei, um die Ukraine zu unterstĂŒtzen und wirtschaftlichen Druck auf Russlands PrĂ€sidenten Wladimir Putin auszuĂŒben.

Am Freitag will Starmer den belgischen Regierungschef Bart De Wever in London empfangen. Belgien hat eine SchlĂŒsselposition bei der Frage, ob die in Europa eingefrorene russische Vermögenswerte an die Ukraine weitergereicht werden können, weil dort ein Großteil des russischen Geldes liegt. Bislang stellt sich die Regierung in BrĂŒssel aber quer. Einem Medienbericht zufolge könnte London versuchen, Bewegung in die Sache zu bringen.

Moskau gibt sich in dem Prozess rund um einen möglichen Friedensdeal zwar öffentlich gesprĂ€chsbereit. Im Kern aber hĂ€lt Putin an seinen harten Forderungen fest. Er besteht etwa weiter auf Gebietsabtretungen der Ukraine und den Verzicht einer Nato-Mitgliedschaft des Nachbarlandes, das sich damit im Falle eines Friedens vor neuen Aggressionen schĂŒtzen will. Auch die USA machen Druck auf Kiew, einem Gebietsverzicht zuzustimmen, weil der Krieg sonst nicht zu stoppen sei. Die Ukraine lehnt dies nach wie vor entschieden ab.

Russland hat den Krieg vor knapp vier Jahren begonnen. Einschließlich der Krim halten die Invasoren derzeit etwa ein FĂŒnftel der ukrainischen LandesflĂ€che besetzt. Allerdings ist es Russlands Armee seit 2022 nicht gelungen, die von Moskau beanspruchte Region Donbass in der Ostukraine völlig einzunehmen.

Suche nach Zuspruch in Europa geht weiter

Nach dem Treffen mit Merz, Macron und Starmer reiste Selenskyj weiter nach BrĂŒssel, bevor er am Dienstag in Rom von MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni in Empfang genommen wird. Vor seiner Abreise informierten er und die E3-VerbĂŒndeten in einer Videokonferenz weitere Partner sowie Vertreter von EU und Nato ĂŒber den Ausgang der GesprĂ€che in London und den aktuellen Stand der Verhandlungen mit den USA.

Nato-GeneralsekretĂ€r Mark Rutte will Selenskyj eigenen Angaben zufolge am Montagabend in seiner BrĂŒsseler Residenz empfangen. Eingeladen sind auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und der PrĂ€sident des EuropĂ€ischen Rates, AntĂłnio Costa. Öffentliche Termine soll es in Belgien allerdings nicht geben.

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