Bahn, Führungsposten

Deutsche Bahn streicht 30 Prozent der Führungsposten

27.01.2026 - 13:01:12

Die Deutsche Bahn baut 30 Prozent ihrer Managementebenen ab, um profitabel zu werden. Der radikale Sparkurs führt zu heftigen Konflikten mit Betriebsräten und Gewerkschaften.

Die Deutsche Bahn startet eine der radikalsten Umstrukturierungen ihrer Geschichte. Unter neuer Führung will der Konzern seine Bürokratie abbauen und wieder profitabel werden – doch die Pläne sorgen für massive Konflikte mit den Beschäftigten.

Seit Dienstag, dem 27. Januar 2026, setzt die Deutsche Bahn (DB) ihr Sanierungsprogramm „S3“ mit voller Wucht um. Die von Vorstandschefin Evelyn Palla seit Oktober 2025 vorangetriebene Restrukturierung sieht vor, rund 30 Prozent aller Managementpositionen abzubauen. Das Ziel: schnellere Entscheidungen und die Rückkehr des hochverschuldeten Staatskonzerns in die schwarzen Zahlen. Doch der massive Eingriff in die Unternehmenshierarchie stößt auf erbitterten Widerstand der Mitarbeitervertretungen, die den Schutz von Arbeitsplätzen und Betriebsstabilität einfordern.

Radikaler Abbau von Management-Ebenen

Die Pläne treffen die Verwaltung des Konzerns ins Mark. Wie in den vergangenen 72 Stunden bekannt wurde, hat der Aufsichtsrat unter Vorsitzendem Werner Gatzer grünes Licht gegeben, eine gesamte Führungsebene zwischen Vorstand und operativer Leitung zu entfernen.

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Gatzer bestätigte diese Woche, dass davon etwa 1.000 Managerposten in der Konzernzentrale betroffen sind. Damit sollen bürokratische Hürden fallen, die seit langem für die träge Krisenreaktion der Bahn verantwortlich gemacht werden. Durch die „flachere Hierarchie“ sollen Tochtergesellschaften wie DB Fernverkehr und DB Regio gestärkt und zu kundennahen, schnellen Entscheidungen befähigt werden.

Dieser Kahlschlag ist Kern des „S3“-Programms (Sanierung, Stärkung, Steuerung), das bis Ende 2026 ein operatives Null- oder Minimalergebnis erreichen soll. Die Finanzdaten zeigen einen Erholungskurs: Nach einem Verlust von 333 Millionen Euro 2024 deuten Prognosen für 2025 auf eine positive Tendenz – die endgültigen Zahlen stehen noch aus.

Widerstand der Fachgruppen und Betriebsräte

Während die Schlagzeilen vom Management-Abbau handeln, richtet sich der Fokus der Betriebsräte und Gewerkschaften auf die Folgen für die Belegschaft. Die Mitarbeitervertretungen betonen, dass „schlankere Strukturen“ nicht zu Lasten der Betriebsfähigkeit oder zu versteckten Stellenstreichungen im operativen Bereich gehen dürfen.

Im Zentrum der internen Auseinandersetzung steht die Rolle der Fachgruppen. Diese vertreten spezifische Berufsgruppen wie Instandhaltungspersonal, Zugbegleiter oder Fahrdienstleiter und pochen auf ihre Mitbestimmungsrechte. Sie wollen verhindern, dass der Dezentralisierungsprozess bewährte Arbeitsstandards aushöhlt.

Besonders heftig ist der Konflikt in der Sparte „DB FZI“ (Fahrzeuginstandhaltung). Betriebsräte hatten bereits vor möglichen Standortschließungen gewarnt und bestehen nun darauf, dass die „GV Struktur“-Vereinbarung strikt eingehalten wird. Diese garantiert Instandhaltungswerkstätten ihren Standort bis 2030. Die Kostendruck-Logik der Restrukturierung weckt Befürchtungen, dass Kapazitäten zusammengelegt oder ausgelagert werden könnten – was nach Ansicht der Fachgruppen dem Ziel einer zuverlässigeren Bahn direkt widersprechen würde.

Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist alarmiert. Sie unterstützt zwar den Abbau bürokratischer Überstrukturen, wird sich aber gegen jeden „Stellenabbau durch die Hintertür“ im operativen Personal zur Wehr setzen. Eine starke Bahn brauche motivierte Mitarbeiter, nicht nur ein schlankeres Management.

Verkauf profitabler Auslandstöchter?

Zusätzliche Verunsicherung brachte am Dienstag die Meldung über einen möglichen Verkauf profitabler Geschäftsfelder. Demnach prüft der Konzern den Verkauf von „DB International Operations“, der für Bahnprojekte außerhalb Europas verantwortlich zeichnet.

Die Sparte gehört zu den wenigen durchgängig profitablen Einheiten und erzielte 2024 fast eine Milliarde Euro Umsatz mit positiver Marge. Dennoch fehlt ihr angeblich die strategische Rückendeckung der Bundesregierung, die den Fokus voll auf die Sanierung des heimischen Netzes legt. Kritiker warnen, der Verkauf von Leistungsträgern zur kurzfristigen Haushaltskosmetik schwäche die internationale Position der Bahn langfristig. Die Beschäftigten in diesen Divisionen fürchten um ihre Zukunft und weniger günstige Arbeitsbedingungen bei einem neuen Eigentümer.

Sofortprogramme und der Weg zur Profitabilität

Um die strukturellen Brüche abzufedern, hat der Vorstand direkte Maßnahmen für Fahrgäste auf den Weg gebracht. Für das Geschäftsjahr 2026 sind rund 140 Millionen Euro für Sofortprogramme eingeplant. Sie sollen Sauberkeit, Sicherheit und Fahrgastinformation verbessern.

Diese Investitionen sollen Vertrauen zurückgewinnen, während die tiefgreifenden Reformen im Hintergrund wirken. Die Konzernspitze hofft, mit sichtbaren Fortschritten auf Bahnhöfen und in Zügen die öffentliche Akzeptanz für den schmerzhaften Umbau zu erhalten.

Entscheidende Wochen für den Bahn-Frieden

Die kommenden Wochen werden über den Arbeitsfrieden bei der Deutschen Bahn entscheiden. Da die Friedenspflicht mit der Lokführergewerkschaft GDL Ende Februar 2026 ausläuft, wird der Umgang mit der Restrukturierung die anstehenden Tarifverhandlungen maßgeblich beeinflussen.

Branchenbeobachter sehen in den Plänen ein Modell für andere Staatsunternehmen – falls der Abbau von 30 Prozent des Managements ohne Betriebschaos gelingt. Führt der Verlust erfahrener Führungskräfte jedoch zu turbulenten Übergängen oder eskalieren die Fachgruppen ihren Widerstand, könnte der von Vorstandschefin Palla versprochene „Neustart“ schnell ins Stocken geraten.

Der Aufsichtsrat signalisiert hundertprozentige Unterstützung für Pallas Kurs. Die eigentliche Bewährungsprobe steht aber noch aus: Ob die verschlankte Organisation ihr Versprechen eines pünktlichen und zuverlässigen Bahnsystems für Deutschland tatsächlich einlösen kann.

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