EU-RatsprÀsident verÀrgert Merz mit Russland-Initiative
19.06.2026 - 06:25:50 | dpa.deBeim EU-Gipfel in BrĂŒssel war nach den Beratungen zum Ukraine-Krieg in deutschen Regierungskreisen von einem "Affront" die Rede. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe in der Sitzung klargestellt, dass Costa der ReprĂ€sentant der EuropĂ€ischen Union sei, aber nicht der Vermittler, hieĂ es. Andere Staats- und Regierungschefs Ă€uĂerten nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ebenfalls Unmut, darunter auch Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron.
Russland-Sanktionen erstmals fĂŒr ganzes Jahr beschlossen
Der Ărger ĂŒberschattet einen Gipfel-Beschluss, der als Signal der Entschlossenheit an Moskau gedacht war. Die Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten verstĂ€ndigten sich erstmals darauf, die EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht nur um sechs, sondern um zwölf Monate zu verlĂ€ngern. In den vergangenen Jahren hatte stets der damalige ungarische Regierungschef Viktor OrbĂĄn eine einjĂ€hrige VerlĂ€ngerung blockiert.
Zwei Telefonate von Costas Kabinettschef mit Moskau
GesprĂ€chsthema Nummer eins beim Gipfel war aber die Russland-Initiative des EU-RatsprĂ€sidenten, die vor dem Gipfel durch einen "Politico"-Bericht bekannt wurde. Sein BĂŒro bestĂ€tigte anschlieĂend, dass es Kontakte mit Russland gab, um diplomatische KanĂ€le zu öffnen - ohne inhaltlichen Austausch und ohne Verhandlungen. Nach dpa-Informationen ging es um zwei Telefonate von Costas Kabinettschef Pedro Lourtie.
Der EU-RatsprĂ€sident verteidigte die Kontaktaufnahme beim Gipfel. "Das Ziel war es, bereit zu sein, wenn der richtige Moment gekommen ist, um die Interessen der EU zu verteidigen", argumentierte er nach Angaben einer EU-Beamtin. Sie ergĂ€nzte, eine Reihe von Staats- und Regierungschefs habe in der Diskussion darauf hingewiesen, dass der PrĂ€sident "gemÀà den VertrĂ€gen der natĂŒrliche Vertreter der Interessen der EU ist".
"Unabgestimmt" und "unprofessionell"
In den deutschen Regierungskreisen wurde der VorstoĂ dagegen als "unabgestimmt" und "unprofessionell" beschrieben. Die Staats- und Regierungschefs seien erst nachtrĂ€glich darĂŒber informiert worden. Die diplomatischen BemĂŒhungen um ein Ende des Krieges in der Ukraine sollten weiterhin von den Staaten vorangetrieben werden, die die Ukraine am stĂ€rksten unterstĂŒtzten. Gemeint ist die sogenannte E3, der Deutschland, Frankreich und GroĂbritannien angehören.
Merz, der französische PrĂ€sident Macron und der britische Premierminister Keir Starmer hatten vor knapp zwei Wochen eine neue Initiative gestartet, um die stockenden diplomatischen BemĂŒhungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs wieder in Gang zu bringen. Ziel ist es, den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin wieder an den Verhandlungstisch zu bewegen.
Gipfel-Harmonie vom Genfersee schon wieder verflogen
Beim G7-Gipfel in Ăvian holten die EuropĂ€er - in Anwesenheit Costas - auch US-PrĂ€sident Donald Trump mit ins Boot und vereinbarten, den Druck auf Russland mit Sanktionen zu erhöhen, und die UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine aufrechtzuerhalten. Merz sprach am Genfersee noch von "einer wirklich groĂen transatlantischen und europĂ€ischen Einigkeit". In BrĂŒssel schien es damit schon wieder vorbei zu sein.
Selenskyj hĂ€lt sich zurĂŒck - Lawrow winkt ab
An den Beratungen nahm auch Selenskyj teil, der sich zu Costas Russland-Initiative aber zurĂŒckhielt. "Ich kenne nicht allzu viele Details darĂŒber", sagte er beim Verlassen des Gipfels.
Und was sagt Moskau? Der russische AuĂenminister Sergej Lawrow sieht in der EuropĂ€ischen Union keinen geeigneten Verhandlungspartner. Europa sei an einer Niederlage Moskaus in dem Krieg interessiert, könne nicht als unparteiischer Beobachter betrachtet werden und schreibe Russland "aggressive PlĂ€ne" zu, schrieb er in einem im Internet veröffentlichten Beitrag. Das sei keine Grundlage fĂŒr umfassende GesprĂ€che.
De Wever scherzt: "So schnell wie möglich nach Moskau"
Mit Humor nahm die ganze Debatte der belgische Premierminister Bart De Wever. Als der Belgier beim Verlassen des Gipfels mit Journalisten ĂŒber das Thema sprach, kam Costa vorbei. "Ich habe gerade von dir gesprochen, AntĂłnio! Nur Gutes!", rief er ihm nach. "Ich sagte, du seist der Einzige, der uns vertreten kann, und wir werden dich so schnell wie möglich nach Moskau schicken." Costa fragte lachend zurĂŒck: "Weil du mich in BrĂŒssel nicht magst?" Eine Interpretation, die De Wever sofort verneinte.
EU plant neue Sanktionen
Die gemeinsame GipfelerklĂ€rung der 27 Staats- und Regierungschefs knĂŒpfte ungeachtet der Diskussion ĂŒber Costa an das an, was beim G7-Treffen vereinbart worden war. Die EuropĂ€ische Union bleibe entschlossen, "den Druck auf Russland weiter zu erhöhen und die russische Kriegswirtschaft weiter zu schwĂ€chen, damit Russland seinen brutalen Angriffskrieg beendet und ernsthafte Friedensverhandlungen aufnimmt". Dazu soll es demnach etwa weitere Schritte zur Verringerung der russischen Energieeinnahmen, zur EindĂ€mmung der AktivitĂ€ten der russischen Schattenflotte und zur Isolierung des russischen Bankensystems geben.
Zugleich fordern die Staats- und Regierungschefs Russland erneut zu einem Stopp aller Angriffe auf. Das Land mĂŒsse echten Friedenswillen zeigen, einer vollstĂ€ndigen, bedingungslosen und sofortigen Waffenruhe zuzustimmen und ernsthafte Verhandlungen aufnehmen.
Bulgarien blockiert
Zum ersten Mal seit Dezember 2024 stimmten alle 27 Mitgliedstaaten den ErklĂ€rungen zur Ukraine zu. Möglich wurde auch das durch die Abwahl Orbans. FĂŒr einen Wermutstropfen sorgt bei UnterstĂŒtzern der Ukraine allerdings, dass Bulgariens neuer Regierungschef Rumen Radew Teile des geplanten nĂ€chsten EU-Sanktionspakets ablehnt.
Radew bestĂ€tigte beim Gipfel, dass er Sanktionen gegen den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill und auch einzelne wirtschaftliche StrafmaĂnahmen verhindern will. Als ein Beispiel nannte er Sanktionen gegen den russischen Energieriesen Lukoil.
