GefÀhrden die Ost-Rebellen Merz' Rentenreform?
Veröffentlicht am: 31.07.2026 um 15:17 Uhr | dpa.deDie drei ostdeutschen CDU-MinisterprĂ€sidenten rebellieren gegen eine Abschaffung der Rente ohne AbschlĂ€ge nach 45 Versicherungsjahren. DafĂŒr haben sie deutlichen Zuspruch von Mecklenburg-Vorpommerns MinisterprĂ€sidentin Manuela Schwesig (SPD) erhalten. Sachsens Michael Kretschmer (CDU) droht offen mit Nein im Bundesrat. Was steckt hinter dem Aufbegehren, wie könnte es weitergehen?
"Dann gibt es diese Reform nicht"
Kretschmer lĂ€sst nicht locker. Bereits am Donnerstag hatte er sich gemeinsam mit den CDU-MinisterprĂ€sidenten Sven Schulze (Sachsen-Anhalt) und Mario Voigt (ThĂŒringen) gegen das geplante Aus der frĂŒheren "Rente ab 63" gestellt. Heute ist der frĂŒhere Renteneintritt ohne AbschlĂ€ge bei ausreichend Versicherungszeit ab einem Alter von 64,5 Jahren möglich. Nun kĂŒndigte der CDU-Politiker ein Nein in der LĂ€nderkammer fĂŒr den Fall an, dass die Koalition ihre PlĂ€ne wie geplant umsetzen will.
Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte Kretschmer: "Ohne VerĂ€nderungen werden wir bei der Renten- und der Pflegereform im Bundesrat nicht zustimmen können. Und wenn andere LĂ€nder auch nicht zustimmen, dann gibt es diese Renten- und Pflegereform nicht." Schwesig meldet sich aus Schwerin zu Wort: "Es freut mich, dass meine Kollegen sich meiner Forderung anschlieĂen."
Schwesigs SPD steht in Umfragen vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September seit Monaten kontinuierlich sieben bis neun Prozentpunkte hinter der AfD, konnte den Abstand zuletzt leicht verringern. Schulzes CDU hingegen liegt in Sachsen-Anhalt fĂŒnf Wochen vor der Landtagswahl am 6. September sogar 17 Prozentpunkte hinter der AfD. Nach ihrem Protest mĂŒssen die um ihren Posten kĂ€mpfenden Schulze und Schwesig wenigstens vor den WĂ€hlerinnen und WĂ€hlern keine KĂŒrzungsplĂ€ne bei FrĂŒhverrentungen verteidigen. Dass sie dagegen sind, haben sie gezeigt.
Erfolgsaussichten der Renten-Rebellion
Ein Erfolg ihrer Rebellion aber ist höchst ungewiss. Merz und Bas hatten bei der Entgegennahme der 33 VorschlĂ€ge der Rentenkommission im Juni deutlich gemacht: "Alle Elemente dieses Reformpakets mĂŒssen jetzt zĂŒgig umgesetzt werden. (...) Sie bilden ein Gesamtkonzept, das nur in seiner Gesamtheit funktioniert." So sagte es der Kanzler. Bas sprach von einem "Gesamtkunstwerk".
Und alle fĂŒnf ostdeutschen LĂ€nder zusammen kommen nur auf 19 Stimmen im Bundesrat. Dort gibt es insgesamt 69 Stimmen, die Mehrheit betrĂ€gt 35 Stimmen. Insofern könnte es weitergehen, wie vom Unionsfraktionsvize Sepp MĂŒller (SPD) gefordert. "Am Grundsatz der Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren darf nicht gerĂŒttelt werden", sagte MĂŒller der "Rheinischen Post". FĂŒr weiteres Wirtschaftswachstum seien eben Strukturreformen nötig. Der Wirtschaftsweise Martin Werding, der in der Rentenkommission saĂ, forderte in der Zeitung ein Ende "unrealistischer Wahlversprechungen und deplatzierter Gerechtigkeitsdebatten".
Wagenknecht und Kubicki unterstĂŒtzen Ost-MPs
UnterstĂŒtzung bekommen die Ost-MPs dagegen von auĂen. "NatĂŒrlich muss die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren bleiben", sagte BSW-GrĂŒnderin Sahra Wagenknecht der Deutschen Presse-Agentur. Aber sie fragte: "Warum erst jetzt? FĂŒnf Wochen vor der Wahl ist das völlig unglaubwĂŒrdig." FDP-Chef Wolfgang Kubicki kritisierte es in der "Rheinischen Post" als "unparlamentarisch", wenn die Regierung ĂŒber die VorschlĂ€ge der Rentenkommission nicht einmal reden wolle.
Kretschmer und den anderen geht es nicht um rentenpolitische Details. Er sehe grundsĂ€tzlich "wenig VerstĂ€ndnis fĂŒr den Osten in der aktuellen Bundesregierung", sagte Sachsens Regierungschef. "In Sachsen liegen die Durchschnittsrenten bei 1.300 bis 1.500 Euro. Der Eigenanteil fĂŒr einen Pflegeplatz liegt bei mehr als 3000 Euro. Hier kĂ€mpfen wir fĂŒr die Menschen im Osten, die eben andere Erwerbsbiografien haben."
Deutlich mehr abschlagsfreie FrĂŒhrenten im Osten
Mehr als 35 Jahre nach der Einheit gibt es auch in puncto Geld immer noch teils groĂe Ost-West-Unterschiede - auch bei den Renten. So entfielen im vergangenen Jahr bundesweit gut 28 Prozent der neuen Altersrenten auf Renten fĂŒr besonders langjĂ€hrig Versicherte, nĂ€mlich gut 262.000.
Deutlich mehr waren es in Ostdeutschland mit knapp 33 Prozent, auch wenn ihr Anteil von 42 Prozent 2018 schon kontinuierlich gesunken war. In den alten LĂ€ndern sank der Anteil dieser Renten seit 2018 von nur von gut 29 auf rund 27 Prozent. Das geht aus Zeitreihen der Deutschen Rentenversicherung zum Rentenzugang hervor.
Mehr zusÀtzliche Altersvorsorge im Westen
Auch an anderen Stellen sind teils historisch bedingte Unterschiede sichtbar. So hatten zuletzt zwar fast 64 Prozent in den alten LĂ€ndern eine zusĂ€tzliche Altersversorgung - aber nur knapp 57 Prozent in den neuen LĂ€ndern, wie eine Befragung von BeschĂ€ftigten im Alter zwischen 25 und 67 Jahren 2023 zeigte, nachzulesen im jĂŒngsten Alterssicherungsbericht der Regierung. Grund: vor allem die mit rund 45 Prozent im Osten rund 8 Punkte geringeren Verbreitung betrieblicher Altersversorgung. Gab es eine betriebliche Vorsorge, zahlten Menschen im Westen im Schnitt 117 Euro als Eigenanteil, im Osten nur 97 Euro.
Schon 2023 hat das Niveau der Renten im Osten das im Westen erreicht. Ein Gesetz regelte letzte Schritte hin zu einem einheitlichen Rentenrecht. Doch ist die Lage in Ostdeutschland weiter generell von im Schnitt geringeren Einkommen und Vermögen geprÀgt.
