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ANALYSE / LBBW: Ewigkeits-Chemikalien könnten Versicherer mehr kosten als Asbest

26.03.2024 - 12:41:17

GefÀhrliche Ewigkeits-Chemikalien könnten der Versicherungsbranche nach EinschÀtzung der Landesbank LBBW den teuersten Schaden ihrer Geschichte einbrocken.

Mögliche Schadenersatz-Forderungen wegen der extrem langlebigen per- und polyflourierter Alkylsubstanzen (PFAS) drohten die Branche damit noch schwerer zu treffen als der Asbest-Skandal aus dem 20. Jahrhundert, schreibt LBBW-Versicherungsanalyst Werner Schirmer in einer am Dienstag veröffentlichten Studie. Damit hĂ€lt der Experte VersicherungsschĂ€den von mehr als 100 Milliarden US-Dollar (92 Mrd Euro) fĂŒr möglich.

So hat sich der US-Mischkonzern 3M US88579Y1010 in den USA im vergangenen Jahr zu einer Zahlung von bis zu 12,5 Milliarden Dollar verpflichtet. Wasserversorger hatten den Hersteller verklagt, weil Ewigkeits-Chemikalien in FeuerlöschschĂ€umen von 3M ins jahrzehntelang ins Grundwasser gelangt waren. Und es gibt weitere Klagen im Zusammenhang mit der SchĂ€digung natĂŒrlicher Ressourcen. Zudem klagen Privatpersonen wegen erlittener GesundheitsschĂ€den. PFAS werden etwa auch in Kosmetika, Kochgeschirr, Papierbeschichtungen, Textilien sowie in Auto- und Ski-Wachsen eingesetzt.

Analyst Schirmer verweist auf Daten des Versicherungsdienstleisters Praedicat. Dieser erwarte bei Verbraucherklagen in den USA im Extremfall EntschÀdigungen in dreistelliger Milliarden-Dollar-Höhe. "Das Risiko, dass PFAS höhere VersicherungsschÀden verursacht als Asbest, scheint nicht unerheblich zu sein", folgert der Analyst. Allerdings schlössen einige Versicherer inzwischen Umweltverschmutzung in ihren FirmenhaftpflichtvertrÀgen aus. Dies mache die Prognosen schwieriger.

Asbest wurde lange Zeit in WĂ€nden, Leitungen und Feuerschutzkleidung verwendet. Durch das Einatmen von Asbestfasern vor allem auf dem Bau und in der Industrie erkrankten viele Menschen an Lungenkrebs. In Deutschland und der EU wurde die Verwendung von Asbest inzwischen verboten, in den USA und vielen anderen LĂ€ndern ist sie aber großenteils erlaubt.

Laut der auf Versicherer spezialisierten Ratingagentur A.M.Best haben Erst- und RĂŒckversicherer bis Ende 2022 allein in den USA bereits 100 Milliarden Dollar wegen AsbestfĂ€llen gezahlt. Das entspricht etwa der Summe, die Versicherer im Jahr 2023 weltweit fĂŒr SchĂ€den durch Naturkatastrophen bezahlt haben.

Mit Blick auf PFAS erwartet Schirmer, dass wie bei Asbest vor allem US-Unternehmen verklagt werden. Aber auch der deutsche Chemiekonzern BASF DE000BASF111 sieht sich in den Vereinigten Staaten tausenden Klagen wegen PFAS ausgesetzt - auch wegen Feuerlöschschaum.

Inwiefern europĂ€ische Versicherer fĂŒr PFAS-FĂ€lle bezahlen mĂŒssen, ist laut Schirmer derzeit kaum vorherzusagen. Allerdings dĂŒrften sie RĂŒckversicherer stĂ€rker treffen als Erstversicherer.

Das höchste Risiko vermutet Schirmer beim Schweizer RĂŒckversicherer Swiss Re CH0126881561. Dahinter folgten die deutschen BranchengrĂ¶ĂŸen Hannover RĂŒck DE0008402215 und Munich Re DE0008430026 sowie der Schweizer Versicherer Zurich CH0011075394. Der deutsche Talanx-Konzern DE000TLX1005 (HDI) dĂŒrfte nach Schirmers EinschĂ€tzung ebenfalls stĂ€rker betroffen sein, zumal ihm gut 50 Prozent der Hannover RĂŒck gehören.

@ dpa.de | CH0126881561 ERGEBNISSE