IBM Aktie: Nach dem Crash beginnt die Stabilisierung
Veröffentlicht am: 25.07.2026 um 16:45 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Kurssturz von 25 Prozent an einem einzigen Tag, der 14. Juli 2026 – das saß tief bei IBM-Aktionären. Elf Tage später kämpft sich die Aktie zurück: Zum Wochenschluss legte das Papier um 3,74 Prozent auf 188,38 Euro zu. Die entscheidende Frage lautet jetzt: War der Ausverkauf eine Überreaktion oder der Auftakt zu einem strukturellen Problem?
Die Ausgangslage: Ein Guidance-Reset mit Ansage
IBM hat seine Umsatzprognose für 2026 gesenkt. Statt der zuvor avisierten über 5 Prozent Wachstum peilt der Konzern jetzt nur noch 4 bis 5 Prozent an. Der Grund: Kunden verschieben ihre Budgets in Richtung KI-Infrastruktur – auf Kosten klassischer Beratungsprojekte und kapitalintensiver Software-Deals.
Die Zahlen zum zweiten Quartal bestätigten den Umsatzrückgang. IBM meldete 17,16 Milliarden Dollar Umsatz, verfehlte damit die Erwartungen. Der Gewinn je Aktie blieb mit 2,93 Dollar stabil. CEO Arvind Krishna beschreibt die Nachfrage als „aufgeschoben, nicht zerstört" – mehrere Software-Deals im niedrigen zweistelligen Millionenbereich seien schlicht verschoben worden, weil Unternehmen ihr Budget kurzfristig in generative KI-Hardware umgeleitet hätten.
Ein Detail stützt diese These: Rund ein Drittel der verschobenen Verträge soll bereits in den ersten drei Juli-Wochen erneut abgeschlossen worden sein. Parallel baut IBM sein technologisches Fundament aus. Der Konzern hat die Übernahme von HRL Laboratories vereinbart, um seine Silizium-Spin-Qubit-Kompetenz zu stärken. Der Deal soll bis Ende des dritten Quartals 2026 abgeschlossen sein.
Die entscheidende Kennzahl
Im Zentrum steht die Frage, ob IBM seine 24,6 Milliarden Dollar an jährlich wiederkehrenden Umsätzen (ARR) und die steigenden Signings im Bereich generativer KI tatsächlich in echten Cashflow verwandeln kann – bevor der auslaufende z17-Mainframe-Zyklus zu einem dauerhaften Umsatzproblem wird.
Bull-Szenario: Software als Anker, Quantencomputing als Fernziel
Die Argumente für eine Erholung stützen sich auf die Qualität des bestehenden Geschäfts. Die Software-Sparte wuchs im zweiten Quartal um 5 Prozent, und 80 Prozent der Software-Umsätze gelten inzwischen als wiederkehrend. Das verschafft IBM einen soliden Puffer gegen kurzfristige Schwankungen.
Hinzu kommt die Infrastruktur-Sparte: Sie verzeichnete mit 37 Prozent ein Rekordwachstum im Bereich verteilter Systeme – ein Hinweis darauf, dass IBM bei modernen Rechenzentrumsprojekten weiterhin gefragt ist. Langfristig setzt der Konzern zudem auf Quantencomputing. Geplant ist eine Investition von 10 Milliarden Dollar über die nächsten fünf Jahre, mit dem fehlertoleranten System „Starling" als Zielmarke für 2029.
Die Bewertung liefert zusätzlichen Spielraum. Bei einem Analysten-Kursziel von durchschnittlich 231,11 Euro liegt die Aktie derzeit rund 22,7 Prozent darunter. Sollten die verschobenen Software-Deals wie angekündigt nachgeholt werden, böte dieser Abstand eine gewisse Sicherheitsmarge.
Bär-Szenario: Kannibalisierung statt Aufschub
Die Gegenposition fürchtet, dass die „verschobenen" Deals in Wahrheit einen dauerhaften Wandel in den IT-Budgets abbilden – einen Wandel, auf den IBM schlecht vorbereitet ist. Die Beratungssparte wuchs zuletzt nur um 1 Prozent. Das nährt Zweifel daran, ob das Management den Rückgang wirklich im Griff hat.
Die Sorge: Die massiven Investitionen, die der KI-Wettlauf verlangt, könnten weiterhin genau jene Budgets aufzehren, von denen IBMs margenstarkes Software- und Servicegeschäft lebt. Ähnliche Kapitalbelastungen zeigen sich bereits bei Wettbewerbern wie Alphabet, deren freier Cashflow zuletzt negativ ausfiel. Hinzu kommt operatives Risiko: Die parallele Integration von HRL Laboratories und dem früher übernommenen HashiCorp fällt in eine Phase ohnehin schwächeren Wachstums.
Sollten die verschobenen Deals bis Ende des dritten Quartals nicht vollständig zurückkehren, dürfte sich das Wachstumsziel von 4 bis 5 Prozent als zu optimistisch erweisen. In diesem Fall droht ein erneuter Test des jüngsten Tiefs.
Ausblick: Der dritte Quartalsbericht wird zum Lackmustest
Solange IBM sein Kursniveau oberhalb des 52-Wochen-Tiefs von 175,14 Euro hält und die verschobenen Software-Deals im laufenden Quartal zurückholt, spricht einiges für eine Annäherung an den 50-Tage-Durchschnitt von 228,64 Euro – rund 21 Prozent über dem aktuellen Niveau. Bleibt das Unternehmensumfeld dagegen von KI-getriebenen Budgetverschiebungen belastet oder verharrt die Beratungssparte bei 1 Prozent Wachstum, dürfte der Abwärtstrend zurückkehren.
Zwei Termine geben die Richtung vor: der geplante Abschluss der HRL-Übernahme bis Ende September 2026 und der Quartalsbericht zum dritten Quartal. Letzterer wird zum eigentlichen Beweis dafür, ob die „aufgeschobene Nachfrage" tatsächlich zurückkehrt oder ob sie dauerhaft verloren ist. Der RSI von 35,5 signalisiert eine Aktie nahe der überverkauften Zone – ein möglicher Nährboden für eine technische Gegenbewegung, sofern sich die extrem hohe 30-Tage-Volatilität von knapp 85 Prozent in den kommenden Wochen beruhigt.
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