ROUNDUPStudie, Wohnungsmangel

Wohnungsmangel verschÀrft Wirtschaftskrise

06.10.2025 - 14:05:37

In Westdeutschland fehlen nach SchÀtzung des Pestel-Instituts mittlerweile 1,2 Millionen Wohnungen.

Der Wohnungsmangel zieht nach einer neuen Studie des in Hannover ansĂ€ssigen Forschungs- und Beratungsinstituts mittlerweile die gesamte wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland in Mitleidenschaft, weil dieser im Effekt den ArbeitskrĂ€ftemangel verschĂ€rft. Ohne grundlegenden politischen Kurswechsel hin zu einer umfassenden staatlichen Förderung des Wohnungsbaus erwarten sowohl das Institut als auch die Bauindustrie kein Ende der Wohnungsbaumisere. Bauministerin Verena Hubertz (SPD) hingegen verbreitete bei der Eröffnung der MĂŒnchner Immobilienmesse Expo Real Zuversicht.

Wohnungsmangel blockiert wirtschaftliche Entwicklung

"Die Erstarrung der WohnungsmĂ€rkte fĂŒhrt natĂŒrlich auch zur Erstarrung der ArbeitsmĂ€rkte, weil die Leute nicht mehr umziehen können, um ArbeitsplĂ€tze in anderen Regionen anzunehmen", sagte Pestel-Chefökonom GĂŒnther zum Messeauftakt in der bayerischen Landeshauptstadt. "Die Lösung der Wohnungsfrage ist Voraussetzung der wirtschaftlichen Entwicklung."

"Angst vor dem Mieter"

Die Zahl von 1,2 Millionen fehlenden Wohnungen allein in den alten LĂ€ndern ist erheblich höher als bisherige SchĂ€tzungen. Das Institut hat dabei alle Wohnungen herausgerechnet, die lĂ€nger als ein Jahr leer stehen. "Was zwölf Monate und lĂ€nger leer steht, wird offensichtlich dem Markt gar nicht mehr angeboten", erlĂ€uterte GĂŒnther. Auftraggeber der Studie war die MĂŒnchner Messegesellschaft.

Die Leerstandsquote - also der Anteil der nicht bewohnten oder vermieteten Wohnungen - belĂ€uft sich laut Studie in vielen deutschen Landkreisen auf ĂŒber fĂŒnf Prozent. Eine der Ursachen: "Viele Ă€ltere Menschen haben Angst vor dem Mieter." GĂŒnther hĂ€lt deswegen eine Lockerung des Mieterschutzes fĂŒr sinnvoll, damit EigentĂŒmer Mietnomaden oder andere "auffĂ€llige Mieter" leichter vor die TĂŒr setzen können. Abgesehen davon leben demnach viele Alleinstehende in Wohnungen, die fĂŒr einen Menschen allein eigentlich zu groß sind: "Zwei Millionen Single-Haushalte haben mehr als hundert Quadratmeter WohnflĂ€che", sagte der Ökonom.

Hubertz optimistisch: Turbo und zweistellige Milliardensumme fĂŒr den Wohnungsbau

Bundesbauministerin Hubertz hingegen betonte, der vom Bund geplante "Bau-Turbo" solle bereits kommende Woche im Bundesrat beschlossen werden. "Dann kann es auch losgehen", sagte die SPD-Politikerin. Der "Bau-Turbo" ist kein Förderprogramm, sondern soll die umfangreiche BĂŒrokratie bei der Bauplanung stark reduzieren. Jahrelange Genehmigungsverfahren sollen so auf wenige Monate verkĂŒrzt werden können. "Wir drehen den Spieß um, wir geben den Kommunen die Brechstange an die Hand", sagte Hubertz.

Abgesehen davon verwies sie auf die geplante große Erhöhung der Fördermittel: "23,5 Milliarden fĂŒr den sozialen Wohnungsbau, 11 Milliarden im Sondervermögen. Das ist eine Planbarkeit, die hatte die Baubranche noch nie", sagte Hubertz. Als dritte kurzfristige Maßnahme nannte die Ministerin die Vereinfachung des Baugesetzbuchs, ein erster Referentenentwurf des Ministeriums soll zu Beginn nĂ€chste Jahres vorliegen.

Baubranche ist skeptisch

Was den Bau-Turbo betrifft, sind neben dem Pestel-Institut auch Baufirmen und -funktionĂ€re skeptisch, dass dieser zum Befreiungsschlag wird. "Da habe ich so meine Zweifel", sagte Peter HĂŒbner, der PrĂ€sident des Bauindustrie-Verbands. In den kommunalen Baubehörden sei die Angst groß, einen Fehler zu machen - "und dann womöglich fĂŒr diesen Fehler an die Wand gestellt zu werden", kommentierte Eva Weiß, Chefin des zum Vonovia DE000A1ML7J1-Konzern gehörenden Bauunternehmens Buwog.

Die Bauindustrie plĂ€diert ebenso wie das Pestel-Institut fĂŒr umfassende staatliche Förderung des Wohnungsbaus, unabhĂ€ngig davon, ob es sich um Sozialwohnungen oder den gewöhnlichen Wohnungsbau handelt. Bauindustrie-PrĂ€sident HĂŒbner forderte Steuererleichterungen.

Steuererleichterung vielleicht 2026

Bayerns Bauminister Christian Bernreiter (CSU) - derzeit Vorsitzender der LÀnder-Bauministerkonferenz - deutete an, dass diese möglicherweise im nÀchsten Jahr kommen könnten: "Das haben wir in der Koalitionsvereinbarung stehen und ich hoffe, dass das im Jahressteuergesetz 2026 dann enthalten ist."

Pestel-Chefökonom GĂŒnther hĂ€lt vergĂŒnstigte Kredite fĂŒr sinnvoll - ohne diese wie in den bisherigen Förderprogrammen ĂŒblich an Umwelt- oder sonstige Standards zu knĂŒpfen. Der leichte Anstieg der Baugenehmigungszahlen in diesem Jahr jedenfalls bedeutet nach GĂŒnthers EinschĂ€tzung noch nicht, dass die Baukrise ĂŒberwunden wĂ€re: "In einer Baugenehmigung hat noch nie jemand gewohnt."

@ dpa.de