Milliarden-Frage, VW-DieselaffÀre

Die offene Milliarden-Frage zur VW-DieselaffÀre

11.05.2026 - 08:35:00 | dpa.de

Investorenprozess - FĂŒr Volkswagen DE0007664039 vielleicht das letzte Stichwort, das in der Wolfsburger Konzernzentrale nach der DieselaffĂ€re noch Unruhe auslöst.

Denn mehr als zehn Jahre nach Auffliegen der Abgasmanipulation könnte der Ausgang dieses Verfahrens noch richtig viel Geld kosten. Anleger wollen fĂŒr Verluste entschĂ€digt werden und verlangen Milliarden. Nach einer langen Pause wird nun am Dienstag und Mittwoch weiter verhandelt.

Worum geht es in dem Prozess?

AktionĂ€re fordern in dem Musterverfahren Schadenersatz in Milliardenhöhe. Es geht in diesem Prozess aber nicht um den Betrug selbst. Die entscheidende Frage ist eher: Hat VW DE0007664039 die MĂ€rkte rechtzeitig ĂŒber die AffĂ€re rund um die millionenfach manipulierten Dieselmotoren informiert?

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Skandals Ende September 2015 war der Kurs der VW-Aktie eingebrochen - zeitweise verloren die Vorzugspapiere des Konzerns fast die HĂ€lfte ihres Werts. FĂŒr die Verluste wollen Anleger bis heute entschĂ€digt werden.

Musterverfahren - Was bedeutet das?

Mit dem Prozess wird kein strafrechtliches Handeln einzelner Personen ĂŒberprĂŒft. Es handelt sich um ein Zivilverfahren, bei dem um viel Geld in Form von Schadenersatz gestritten wird. WĂ€hrend sich im Normalfall dabei zwei Parteien gegenĂŒberstehen, erlaubt das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) eine Ausnahme.

In dem Musterprozess können viele Parallelverfahren fĂŒr eine einheitliche Entscheidung gebĂŒndelt werden. Derzeit warten rund 2.000 ausgesetzte Ausgangsverfahren mit rund 3.400 Klageparteien.

Am Ende des Verfahrens am Oberlandesgericht Braunschweig soll es einen Musterentscheid geben. Wenn dieser rechtskrĂ€ftig ist, sind die Feststellungen fĂŒr die Gerichte aller ausgesetzten Verfahren bindend.

Wer streitet eigentlich vor Gericht?

Der Braunschweiger Zivilsenat hat die Deka Investment GmbH als MusterklĂ€ger bestimmt. Musterbeklagte sind die Volkswagen AG und der VW-HauptaktionĂ€r Porsche SE DE000PAH0038. WĂ€hrend sich Volkswagen mit Blick auf die vielen Strafprozesse und Hafturteile gegen frĂŒhere Konzern-Manager betont unbeteiligt gibt, ist das fĂŒr dieses Verfahren nicht möglich. Die SchadenersatzansprĂŒche richten sich gegen den Autobauer und die Porsche SE.

Ist das nach so langer Zeit ĂŒberhaupt noch wichtig?

Von Bedeutung ist der Prozess vor allem, weil es um sehr viel Geld geht. Den Streitwert beziffert das OLG Braunschweig derzeit mit rund 4,3 Milliarden Euro. Nach EinschĂ€tzung von Branchenexpertin Helena Wisbert, Professorin fĂŒr Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule Wolfsburg, ist der Ausgang relevant fĂŒr VW, weil damit Zahlungen und Vergleiche im Raum stehen, deren finanzielle RĂŒckstellungen die Bilanz belasten.

Die Aufarbeitung der AffĂ€re hat den VW-Konzern nach eigenen Angaben bereits mehr als 32 Milliarden Euro gekostet. Im schlimmsten Fall wĂŒrden dem Unternehmen also weitere Milliarden fĂŒr Investitionen fehlen.

Wie argumentieren die KlÀger?

Die KlĂ€gerseite meint, dass dem VW-Vorstand spĂ€testens seit 2007 klar war: Die strengen US-Vorgaben zum Stickoxidausstoß können nicht eingehalten werden. Danach habe VW betrogen - und weil die Anleger das nicht wussten, hĂ€tten sie Aktien viel zu teuer gekauft.

Das Musterverfahren in Braunschweig hat demnach gezeigt, dass der Vorstand mit dem damaligen Chef Martin Winterkorn ab einem sogenannten High-Level-Meeting im November 2007 wusste, dass VW nicht in der Lage war, regelkonforme Dieselfahrzeuge herzustellen.

"Die einschlĂ€gigen Unterlagen zu diesem Termin, insbesondere die dort gehaltene PrĂ€sentation, enthalten nach unserer Überzeugung unzweideutige Hinweise auf die geplante Verwendung unzulĂ€ssiger Abschalteinrichtungen", sagt KlĂ€geranwalt Axel Wegner.

Was entgegnen die Beklagten?

Sie streiten die VorwĂŒrfe ab. In einer Klageerwiderung vor Verfahrensbeginn betonte VW, dass es aus Sicht des Konzerns keine konkreten Anhaltspunkte fĂŒr eine Kursrelevanz der AffĂ€re gab, bis die US-Umweltbehörden am 18. September 2015 unerwartet mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gingen.

"Die Volkswagen AG ist ĂŒberzeugt, zu jeder Zeit die kapitalmarktrechtlichen Informationspflichten erfĂŒllt zu haben", sagt ein Konzernsprecher. Fast wortgleich lautet die EinschĂ€tzung aus Stuttgart: "Die Porsche SE ist ĂŒberzeugt, jederzeit ihren kapitalmarktrechtlichen PublizitĂ€tspflichten entsprochen zu haben", teilt ein Sprecher von dort mit.

Nach fast acht Jahren Verhandlungszeit sieht sich bei VW niemand genötigt, von dieser Sichtweise abzurĂŒcken. "Vor dem Hintergrund der laufenden Beweisaufnahme und den bisherigen Zeugenbefragungen sehen wir uns in unserer Überzeugung bestĂ€tigt", sagt der Konzernsprecher.

Warum dauert das Verfahren so unendlich lang?

Schon 2020 - nach zwei Jahren Verhandlung - erklÀrte eine OLG-Sprecherin, dass in dem komplexen und umfangreichen Verfahren kein Ende absehbar sei. Damals sprach sie von rund 5.500 Blatt Akten, zahlreichen Anlagen und 21 Privatgutachten.

2023 verkĂŒndete das Gericht, dass es eine Beweisaufnahme durchfĂŒhren und dafĂŒr rund 80 Zeugen hören sowie eine Vielzahl an Dokumenten sichten will. Auf der Zeugenliste fanden sich unter anderem die Namen der frĂŒheren VW-Konzernchefs Martin Winterkorn, Matthias MĂŒller und Herbert Diess.

Von September 2023 bis September 2025 wurden nach einer Auflistung des Gerichts 63 Zeugen und drei Parteien vernommen. Zu der schwierigen Bewertung der Aussagen kommt, dass einige der eingeplanten Zeugen sich auf ein aus ihrer Sicht umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht beriefen.

Kommt bald die Entscheidung?

FĂŒr die beiden Termine in dieser Woche werden weitere Zeugenbefragungen erwartet. Spannend könnte dabei werden, was der mittlerweile rechtskrĂ€ftig verurteilte ehemalige Audi-Motorenchef Wolfgang Hatz aussagt.

Alle Beteiligen erhoffen sich zudem eine EinschÀtzung der Richter, was die Beweisaufnahme bisher erbracht hat und wie es im Prozess weitergehen soll. Der Musterentscheid ist und bleibt aber nicht absehbar.

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