Juristen, Umgehung

Juristen: Umgehung Sachsen-Anhalts beim MPK-Vorsitz möglich

Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 07:20 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Der turnusgemĂ€ĂŸe Vorsitz der MinisterprĂ€sidentenkonferenz (MPK) kann nach EinschĂ€tzung von Juristen durchaus verĂ€ndert werden.

Der Vorschlag von Sachsen-Anhalts Noch-MinisterprÀsidenten Sven Schulze (CDU) nach der Landtagswahl, auf den Vorsitz des Bundeslandes ab 1. Oktober zu verzichten, "ist rechtlich kein Problem", sagte der Jura-Professor und ehemalige Bundesverfassungsrichter Peter M. Huber der Deutschen Presse-Agentur in Mainz.

Der Fachmann fĂŒr öffentliches Recht und Staatsphilosophie lehrte an mehreren UniversitĂ€ten, zuletzt an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t in MĂŒnchen. Von 2010 bis 2023 war er Verfassungsrichter in Karlsruhe. In ThĂŒringen war er als CDU-Politiker Innenminister im Kabinett von Christine Lieberknecht.

MinisterprÀsidentenkonferenz nicht im Grundgesetz

Die MPK ist "kein formelles Verfassungsorgan, sie ist im Grundgesetz nicht vorgesehen", erklĂ€rte Huber. Es gehe in dem Gremium vielmehr "um die praktische Koordination der LĂ€nder in den Bereichen, in denen sie zustĂ€ndig sind und wo sie gemeinsame Interessen gegenĂŒber dem Bund haben".

Solange die Konferenz keine rechtlich relevanten Entscheidungen treffe, seien viele Gestaltungen vorstellbar. Selbst bei den Runden der MPK mit Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu den Corona-BeschrÀnkungen seien die eigentlichen Entscheidungen ja letztlich von der Regierung oder dem Parlament getroffen worden, sagte Huber.

Lars Brocker sieht ein rein informelles Gremium

Der höchste rheinland-pfÀlzische Richter, Professor Lars Brocker, formuliert es so: "Die Arbeit der MPK ist nicht verfassungsrechtlich vorgeformt." Es handle sich um ein rein informelles Gremium. "Die Festlegung des Vorsitzes ist eine ungebundene, rein politische Entscheidung", erlÀuterte der PrÀsident des Verfassungsgerichtshofs und Oberverwaltungsgerichts in Koblenz.

"Konkret: Ein MP (MinisterprĂ€sident) kann selbstverstĂ€ndlich auf die Übernahme des ihm turnusgemĂ€ĂŸ zufallenden Vorsitzes verzichten", sagte Brocker ĂŒber Schulzes Initiative. "Ein (potenzieller) MP hat selbstverstĂ€ndlich auch keinen Anspruch darauf, bei der Festlegung des Vorsitzes nicht ĂŒbergangen zu werden."

Huber: Föderales Gleichbehandlungsgebot gilt hier nicht

Huber sagte: "Es gibt natĂŒrlich ein föderales Gleichbehandlungsgebot, das das Bundesverfassungsgericht aus dem Bundesstaatsprinzip abgeleitet hat. Das gilt aber nur dort, wo es um Entscheidungen, Vorteile und Ähnliches geht." Aber: "Das betrifft nicht die Frage, wer in welcher Konferenz den Vorsitz hat."

Er fĂŒhrte weiter aus: "Selbst wenn man, wie bei der Rundfunkkommission, sagen wĂŒrde, Rheinland-Pfalz macht das so gut, die sollen das weiter machen, wĂ€re das vielleicht politisch erklĂ€rungsbedĂŒrftig, aber rechtlich kein Problem."

Huber hat politische Bedenken

"Ob das klug wÀre, ist eine andere Frage", betonte der Jurist. "Weil es den Opfermythos und die Verschwörungstheorien befeuert, letztlich aber wenig bringt", gab er zu bedenken.

Wenn der Wahlsieger, AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, tatsĂ€chlich zum MinisterprĂ€sidenten gewĂ€hlt werde "und Mist baut", sei das eine klare Rechtfertigung fĂŒr einen anderen Vorsitz, der dann auch jedem einleuchte. Ihn prophylaktisch "zu diskriminieren", sei schwieriger, sagte Huber. "Die MinisterprĂ€sidenten mĂŒssen sich ĂŒberlegen, ob sie damit nicht noch weiter auf dem abschĂŒssigen Pfad voranschreiten, der das Vertrauen vieler in die Politik schwinden lĂ€sst."

Schulze nennt die AfD nicht

Schulze begrĂŒndet seinen Vorstoß in einem Brief an den rheinland-pfĂ€lzischen MinisterprĂ€sidenten Gordon Schnieder (CDU) damit, dass nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine einwandfrei technische und inhaltliche Vorbereitung und DurchfĂŒhrung der Jahres-MPK nicht gewĂ€hrleistet sei.

Der neue Landtag konstituiert sich erst am 6. Oktober - also fĂŒnf Tage nach der formellen Übernahme des MPK-Vorsitzes -, und die Regierungsbildung ist noch offen. Die AfD erwĂ€hnt Schulze in seinem Schreiben nicht.

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