Kanada ist offen fĂŒr Idee einer EU-Sondermitgliedschaft
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 12:41 Uhr | dpa, AD HOC NEWS"Wir begrĂŒĂen diesen VorstoĂ", sagte Premierminister Mark Carney in einer Rede vor dem EuropĂ€ischen Parlament in StraĂburg. Umfragen zeigten, dass eine ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier deutlich engere Beziehungen unterstĂŒtzten. "Europa und Kanada sind jeweils fĂŒr sich stark. Gemeinsam sind sie noch stĂ€rker", sagte er.
EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen hatte am Mittwoch in ihrer diesjĂ€hrigen Rede zur Lage der Union dafĂŒr geworben, Kanada zum ersten "assoziierten Mitglied" der EuropĂ€ischen Union zu machen. Als konkrete Bereiche fĂŒr eine mögliche noch engere Zusammenarbeit nannte von der Leyen Technologiefragen, die Produktion von RĂŒstungsgĂŒtern sowie die KĂŒnstliche Intelligenz und die Arktispolitik. Wie die geplante assoziierte EU-Mitgliedschaft konkret gestaltet werden soll, erklĂ€rte sie allerdings zunĂ€chst nicht.
Carney: Es geht nicht um GroĂmacht-RivalitĂ€t
Carney sagte nun, Kanada und Europa sollten ihre strategische Autonomie durch eine enge Zusammenarbeit ĂŒber das gesamte Spektrum strategischer FĂ€higkeiten hinweg sichern. "Wir wollen widerstandsfĂ€higer werden, damit niemand unsere offenen MĂ€rkte kontrollieren, unsere SouverĂ€nitĂ€t beeintrĂ€chtigen, unsere territoriale Unversehrtheit bedrohen oder unsere Freiheiten, unsere Demokratien und unsere Rechtsstaatlichkeit untergraben kann", erklĂ€rte er.
Carney betonte, es gehe nicht darum, einen dritten Block zu schaffen, der zu einem Rivalen der GroĂmĂ€chte werden solle. Man strebe nicht nach Macht, um andere zu beherrschen.
Zahlreiche EU-Abgeordnete standen nach seiner Rede auf und klatschten. Vor allem Abgeordnete aus dem rechten Spektrum des Parlaments blieben hier wie am Vortag bei von der Leyens AnkĂŒndigung leise.
Trump drohte EU
US-PrĂ€sident Donald Trump hatte zuvor auf den Vorschlag von der Leyens mit einer Drohung reagiert. "Ich halte das fĂŒr lĂ€cherlich", sagte er auf den Vorschlag angesprochen. Falls er es als "feindseligen Akt" empfinden sollte, wĂŒrde er hohe Zölle verhĂ€ngen oder den Handel mit Europa in vielen Bereichen einstellen, warnte Trump vor Reportern.
Er sagte allerdings auch, dass es in Ordnung sei, falls die Absicht gut sei - ohne genauer zu erlĂ€utern, woran er das festmachen wĂŒrde. Zu Kanada sagte er nur, das Nachbarland sei zuletzt ein "schrecklicher Handelspartner" gewesen.
Die USA und Kanada befinden sich aktuell in einem festgefahrenen Handelsstreit, der zuletzt wieder eskaliert war. Im Zollkonflikt mit der EU hatten sich die Vereinigten Staaten vor mehr als einem Jahr auf ein Zollabkommen geeinigt.
EU-Kommission: Gegen niemanden gerichtet
Ein Sprecher der EU-Kommission erklÀrte am Donnerstag: "Wie unsere PrÀsidentin gestern klargemacht hat, richtet sich die vorgeschlagene StÀrkung unserer Partnerschaft mit Kanada gegen niemanden. Sie soll vielmehr unsere gemeinsame StÀrke fördern."
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte einen Ă€hnlichen Vorschlag zuletzt bereits fĂŒr die Ukraine gemacht. Nach den Vorstellungen von Merz könnte eine assoziierte Mitgliedschaft die Teilnahme der Ukraine an EU-Gipfeln und MinisterrĂ€ten ermöglichen - allerdings ohne Stimmrecht. Als denkbar fĂŒr die Ukraine nannte er zudem eine Rolle als assoziiertes Mitglied der EU-Kommission ohne GeschĂ€ftsbereich und ohne Stimmrecht, assoziierte Abgeordnete im EuropĂ€ischen Parlament sowie einen assoziierten Richter am EuropĂ€ischen Gerichtshof.
Kanada kann nicht regulÀres EU-Mitglied werden
Eine regulÀre EU-Mitgliedschaft Kanadas ist nach den geltenden VertrÀgen nicht möglich. Nach Artikel 49 des EU-Vertrags können nur europÀische Staaten der Union beitreten.
Als ein Hintergrund von Kanadas Wunsch nach einer engeren Bindung an die EU gilt der immer weiter eskalierende Streit mit dem mĂ€chtigen Nachbarland USA. Die USA haben jĂŒngst Zölle von bis zu 50 Prozent auf eine lange Liste kanadischer Produkte verhĂ€ngt. Kanada hat darauf mit Gegenzöllen reagiert. Carney selbst hat fĂŒr seinen Kurs gegenĂŒber der Regierung von US-PrĂ€sident Trump in Kanada groĂen RĂŒckhalt erhalten - auch wenn der Streit die Wirtschaft auf die Probe stellt.
Die USA sind mit Abstand Kanadas wichtigster Handelspartner. Aus dieser AbhĂ€ngigkeit will sich Carney nun zumindest teilweise lösen und die Handelsbeziehungen seines Landes breiter aufstellen. Erste Verschiebungen sind bereits sichtbar: 2025 gingen Kanadas Exporte in die USA um 3,7 Prozent zurĂŒck, wĂ€hrend die Ausfuhren in andere LĂ€nder um 11,1 Prozent zunahmen. Der Anteil der Nicht-US-MĂ€rkte an den kanadischen Exporten stieg damit auf den höchsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten, wie das kanadische Statistikamt mitteilte.
Handelsabkommen noch immer nicht endgĂŒltig in Kraft
Mit der EU ist Kanada derzeit vor allem ĂŒber das Freihandelsabkommen Ceta eng verbunden. Dieses wird seit 2017 vorlĂ€ufig angewendet, ist aber noch immer nicht endgĂŒltig in Kraft, weil zehn Mitgliedstaaten wie Belgien, Frankreich und Irland es bis heute nicht ratifiziert haben. Auch deswegen gilt es als Ă€uĂerst ungewiss, ob die Idee fĂŒr eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas umgesetzt werden kann.
