ROUNDUP, KoalitionÀre

KoalitionÀre enttÀuschen LandrÀte

09.06.2026 - 13:45:51 | dpa.de

Kanzleramtsminister Thorsten Frei und andere Koalitionspolitiker haben vor Deutschlands LandrĂ€ten fĂŒr die Reformen der Koalition geworben - und enttĂ€uschte Reaktionen geerntet.

Der CDU-Politiker sagte auf der Landkreisversammlung in Berlin, "dass wir gewaltige Reformvorhaben vor uns haben". Zentral sei, wieder Wirtschaftswachstum und damit florierende Steuereinnahmen fĂŒr Bund, LĂ€nder und Kommunen zu erreichen. Mehrere LandrĂ€te und LandrĂ€tinnen machten deutlich, dass sie nicht ĂŒberzeugt sind.

"Ich fahre desillusioniert nach Hause", sagte etwa die LandrĂ€tin des Landkreises Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz, Anke Beilstein (CDU). Landrat Christian Engelhardt (Kreis Bergstraße, CDU) sagte nach dem zweitĂ€gigen Kongress, er habe mit dem GefĂŒhl nach Hause fahren wollen, "dass sich wirklich etwas bewegen wird". Doch bei all dem, "was wir aus Berlin hören, hören wir immer nur die Beschreibung des Problems, aber nicht die Hoffnung, dass das Problem auch tatsĂ€chlich gelöst wird".

"Bin meistens eine EnttÀuschung"

Zu Beginn seines Auftritts entschuldigte Frei den zunĂ€chst angekĂŒndigten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): "Wenn ich irgendwo auftrete, bin ich meistens eine EnttĂ€uschung, weil Sie den Bundeskanzler erwarten und dann mich bekommen." Am Vortag hatten bereits Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) versucht, die LandrĂ€te von ihrem Reform- und Sparkurs zu ĂŒberzeugen. Am Schluss bemĂ€ngelte LandrĂ€tin Beilstein, "keines der Mitglieder der Bundesregierung" habe gemerkt, dass sie vor LandrĂ€ten stehen, die die Probleme schon kennen.

Deutlich wurde: Zentral fĂŒr die nach Berlin gereisten Kommunalvertreterinnen und -vertreter sind ihre Milliardenfinanzlöcher wegen immer weiter steigender Aufgaben - nicht zuletzt durch Bundesgesetze. LandkreistagsprĂ€sident Achim Brötel (CDU) mahnte, deswegen seien viele freiwillige Angebote fĂŒr Kinder und Jugendliche, fĂŒr Sport und Kultur schon gestrichen worden, auch Investitionen wĂŒrden verschoben oder gestrichen, RĂŒcklagen seien aufgebraucht.

Frei rĂ€umte die Lage ein. Er wies auf den Rekord beim Finanzierungsdefizit der Kommunen von fast 32 Milliarden Euro vergangenes Jahr hin. Im laufenden Jahr wĂŒrden die Zahlen mutmaßlich wieder bei oder ĂŒber 30 Milliarden Euro liegen, rĂ€umte er ein.

"Das kann niemand bezahlen"

Die Ausgaben fĂŒr Kinder- und Jugendhilfe sowie Eingliederungshilfe hĂ€tten sich binnen zehn Jahren verdoppelt, die fĂŒr den Unterhaltsvorschuss binnen acht Jahren vervierfacht. Auch ohne Mathestudium - so Frei - erkenne man: Die Sozialausgaben dĂŒrften sich ohne mehr Einnahmen nicht in zehn Jahren einfach weiter verdoppeln. "Das kann niemand bezahlen", sagte Frei. "Deswegen mĂŒssen wir uns schon gemeinsam dieser Aufgabe stellen, herauszufinden, wie wir das besser machen können."

FĂŒr Frei ist eine Ursache "das Streben nach absoluter Einzelfallgerechtigkeit". Sozialpolitik sei wichtig und entscheide ĂŒber den Zusammenhalt der Gesellschaft. Aber heute wolle man in Deutschlands Sozialstaat oft dem Einzelnen ganz individuell gerecht werden. Das fĂŒhre etwa bei beeintrĂ€chtigten Kindern und Jugendlichen dazu, "dass in einer Klasse mit 21 Kindern noch 6 Lehr- und BetreuungskrĂ€fte sind, beispielsweise", sagte Frei. "Ich glaube, damit mĂŒssen wir aufhören."

"Nicht lÀnger auf Kosten der Kommunen"

Nicht nur fĂŒr Olaf Gericke (CDU), den Landrat des Kreises Warendorf, blieb dennoch die Frage im Raum stehen: "Wie sollen wir mit den Kostensteigerungen in der Kinder- und Jugendhilfe, wie sollen wir insbesondere in der Eingliederungshilfe und sogar bei der Hilfe zur Pflege (...) umgehen?" Er komme aus dem MĂŒnsterland, wo die Welt immer ein bisschen in Ordnung gewesen sein. "Das dreht sich radikal und das kann so nicht richtig sein. Also eine Antwort auf den Geldmangel haben wir nicht bekommen."

An diesem Mittwoch wollen die Koalitionsspitzen bei einem Treffen mit den Sozialpartnern von Gewerkschaften und Arbeitgebern UnterstĂŒtzung fĂŒr Reformen finden. Der Deutsche Landkreistag zog nach zwei Tagen Austausch mit den KoalitionĂ€ren folgende Bilanz: "Kanzleramt und Landkreistag mit großen inhaltlichen Übereinstimmungen, aber auch Differenzen in der Sache: Bereit sein fĂŒr VerĂ€nderungen, aber nicht lĂ€nger auf Kosten der Kommunen", so das Motto ihrer Mitteilung zum Abschluss nach zwei Tagen Aufeinandertreffen von kommunaler und Bundespolitik.

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