StÀdte, MobilitÀt

Wie stark StÀdte die MobilitÀt von Menschen prÀgen

13.08.2025 - 17:20:02

Mal eben zum BĂ€cker gehen, durch den Park spazieren oder abends ins Kino: Die Struktur von StĂ€dten beeinflusst direkt, wie viel die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt zu Fuß gehen - und damit auch die Gesundheit der Menschen.

Das belegt erstmals eindeutig die minuziöse Analyse von App-basierten Bewegungsdaten von Menschen in US-StÀdten.

Die FußmobilitĂ€t sei vor allem wichtig fĂŒr die Gesundheit, schreibt das US-Team um Tim Althoff von der University of Washington in Seattle im Fachjournal "Nature". Sehr viele Menschen weltweit bewegten sich zu wenig und steigerten damit ihre Risiken fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Das gelte zunehmend fĂŒr die StĂ€dte, wo bis 2050 schĂ€tzungsweise 6,7 Milliarden Menschen leben werden. Wie wichtig Bewegung fĂŒr die körperliche Gesundheit ist, belegen Studien zweifelsfrei.

Ein deutscher Experte hĂ€lt die Resultate generell fĂŒr ĂŒbertragbar: "Auch in deutschen StĂ€dten hĂ€ngt Gehen davon ab, wo man lebt und wie gut dort das fußlĂ€ufige Angebot ist", sagt Stefan Siedentop von der Technischen UniversitĂ€t Dortmund, der nicht an der Studie beteiligt war. Wichtig sei die Erreichbarkeit etwa von GeschĂ€ften, Ärzten, Gastronomie, Schulen, Freizeiteinrichtungen und Parks. Dies mĂŒsse man bei der Raumplanung stĂ€rker berĂŒcksichtigen.

New York City als gehfreundlichste Stadt der USA

Dass eine stĂ€dtische Umgebung Menschen zu körperlicher AktivitĂ€t anspornt, war bisher zwar viel erforscht, galt aber als nicht eindeutig gesichert. Um dies zu klĂ€ren, wertete das US-Team Daten von rund 5.400 Nutzern der Smartphone-App Argus aus, die die Schrittzahl der Menschen erfasst. In einem Zeitraum von drei Jahren zogen diese Individuen etwa 7.500 Mal zwischen etwa 1.600 US-StĂ€dten um - damit konnte das Team den langfristigen Einfluss der Umgebung verschiedener StĂ€dte auf die körperliche AktivitĂ€t systematisch ĂŒberprĂŒfen und mit einem bereits bestehenden Index zur Gehfreundlichkeit von StĂ€dten abgleichen. Als gehfreundlichste Stadt gilt New York City.

Wie sich FußgĂ€ngerfreundlichkeit verbessern ließe

Demnach gingen jene Teilnehmer, die aus wenig gehfreundlichen StĂ€dten nach New York City zogen, im Mittel tatsĂ€chlich 1.400 Schritte pro Tage mehr - sie steigerten ihr durchschnittliches Pensum von 5.600 auf 7.000. Im gleichen Maße nahm die Zahl der Schritte bei jenen Menschen ab, die umgekehrt von der Metropole wegzogen. Andere mögliche EinflĂŒsse - etwa Alter, Geschlecht, Körper-Masse-Index, Jahreszeit und generelles AktivitĂ€tslevel - wurden von den Forschenden bei der Analyse berĂŒcksichtigt.

"Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass VerĂ€nderungen der baulichen Umgebung große Populationen beeinflussen können - im Vergleich zu Interventionen, die auf Individuen abzielen und nur kleine Gruppen erreichen", schreibt die Gruppe. Der Analyse zufolge entspricht etwa ein Sechstel der US-Bevölkerung - 18 Prozent - der Empfehlung, 150 Minuten pro Woche zu gehen. Bei einer recht anregenden Umgebung wie etwa in Chicago oder Philadelphia, so berechnet die Gruppe, wĂ€ren es ĂŒber 29 Prozent, im Falle von New York City sogar fast ein Drittel, 32,5 Prozent.

Zwar seien die Nutzer der App wohl nicht reprĂ€sentativ fĂŒr die US-Bevölkerung, rĂ€umt das Team selbst ein. Dennoch: "Die Ergebnisse unserer Analyse liefern Forschenden und Politik-Verantwortlichen Informationen, um die Auswirkungen zielgerichteter Verbesserungen der FußgĂ€ngerfreundlichkeit abzuschĂ€tzen", schreibt die Gruppe.

Angestrebt: die Stadt der kurzen Wege

Die Studie biete "zwingende Belege dafĂŒr, dass die bauliche Umgebung kausal beeinflusst, wie viel wir gehen", betont Althoff. "Viele Dinge beeinflussen die Zahl der tĂ€glichen Schritte, und die bauliche Umgebung gehört eindeutig dazu."

Experte Siedentop, der an der FakultĂ€t Raumplanung der TU Dortmund lehrt, spricht von einer sehr spannenden Studie, die mit Hilfe der App-Daten ganz neue Einblicke gebe - auch wenn die USA nur eingeschrĂ€nkt mit Deutschland vergleichbar seien. "Es hat eine große Bedeutung fĂŒr Bewegung, wo ich lebe und welche Angebote ich habe", sagt der Experte fĂŒr Stadtentwicklung.

DiesbezĂŒglich gebe es auch in Deutschland betrĂ€chtliche Unterschiede. So legten Menschen in deutschen Metropolen einer Studie zufolge etwa 31 Prozent ihrer Wege zu Fuß zurĂŒck, in KleinstĂ€dten und Dörfern dagegen seien es nur 21 Prozent, so Siedentop.

Aus Frankreich stammt demnach das auch in Deutschland diskutierte Konzept der Stadt der kurzen Wege - auch 15-Minuten-Stadt genannt: Demzufolge sollten alle wichtigen Orte fĂŒr den tĂ€glichen Bedarf binnen 15 Minuten zu Fuß oder per Rad erreichbar sein. Von den deutschen Metropolen schneiden gemĂ€ĂŸ einer Studie hier vor allem Frankfurt, Mannheim und MĂŒnchen gut ab, aber auch Hannover, DĂŒsseldorf, Berlin und Stuttgart.

Vorzeigeprojekt in Darmstadt

Generell, so Siedentop, sei es Aufgabe der Raum- und Stadtplanung, das fußlĂ€ufige Angebot zu verbessern, allerdings gebe es auch andere Interessen - etwa wirtschaftliche. "Solche Studien sind eine Argumentationsgrundlage fĂŒr Planende", sagt der Experte. Das könne auch zur angestrebten MobilitĂ€tswende beitragen.

Als Beispiel fĂŒr ein Vorzeigeprojekt nennt Siedentop die Lincoln-Siedlung in Darmstadt. Bei dem frĂŒher von der US-Armee genutzten Areal ist die Förderung der NahmobilitĂ€t ein zentraler Baustein.

@ dpa.de