Expertin: Grönland war Moment der Wahrheit, Iran-Krieg ein VerstÀrker
06.07.2026 - 06:22:22 | dpa.de"Der Moment der Wahrheit war fĂŒr viele EuropĂ€er die Grönlandkrise", sagte Claudia Major, Expertin fĂŒr Sicherheitsfragen der US-amerikanischen Denkfabrik German Marshall Fund, der Nachrichtenagentur dpa. Der Iran-Krieg habe den Eindruck dann bestĂ€tigt und letztlich verstĂ€rkt, dass die USA unilateral und gegen europĂ€ische Interessen handele.
Was die Grönlandkrise verÀndert hat
US-PrĂ€sident Donald Trump hatte Anfang des Jahres offen mit einer Ăbernahme der zum Nato-Partner DĂ€nemark gehörenden Arktisinsel geliebĂ€ugelt - notfalls auch gewaltsam. Nach einem Sturm der EntrĂŒstung unter den europĂ€ischen Nato-Partnern sah er davon zwar wieder ab. Er beharrte jedoch auf Verhandlungen zu dem Thema.
"Ein Alliierter bedroht die territoriale IntegritĂ€t und SouverĂ€nitĂ€t eines anderen Alliierten" - so stelle sich die Grönland-Frage fĂŒr viele EuropĂ€er dar, erklĂ€rte Sicherheitsexpertin Major. "Aus Sicht vieler EuropĂ€er haben de facto die USA Grönland das angedroht, was Russland mit der Ukraine macht - nĂ€mlich SouverĂ€nitĂ€t und territoriale IntegritĂ€t notfalls mit militĂ€rischen Mitteln infrage zu stellen." Bei ganz vielen EuropĂ€ern sei dadurch etwas gekippt: "Es entstand der Eindruck: Das soll unsere Lebensversicherung sein und sie wendet sich gegen uns."
Bis Trump seine BesitzansprĂŒche auf Grönland unverhohlen Ă€uĂerte, haben viele EuropĂ€er laut der Expertin geglaubt, dass sie Trump mit Schmeicheleien in der Nato halten könnten. "Mit Grönland ist fĂŒr viele EuropĂ€er der Eindruck entstanden, dass ein Halten der USA in der Nato um jeden Preis nicht bedeutet, dass auch die Nato ĂŒberlebt." Ein Um-jeden-Preis-in-der-Nato-Halten der USA könne die Nato auch von innen zerlegen, fĂŒhrte Major aus.
Was der Iran-Krieg verÀndert hat
Der Iran-Krieg wiederum schien ihrer EinschĂ€tzung nach zu zeigen, "dass die Grönlandkrise keine Ausnahme war, sondern die neue NormalitĂ€t sein könnte". Er sei ohne Absprache mit VerbĂŒndeten entschieden worden - gleichzeitig habe Washington dann aber UnterstĂŒtzung gefordert.
Trump und andere Vertreter seiner Regierung Ă€uĂerten zuletzt immer wieder Unmut ĂŒber die aus ihrer Sicht mangelnde UnterstĂŒtzung von Alliierten fĂŒr den US-Krieg gegen den Iran.
Eine Lehre aus dem Iran-Krieg ist laut Expertin Major auch, dass die USA VerbĂŒndete notfalls hĂ€ngen lieĂen, in diesem Fall Israel. "FĂŒr die europĂ€ischen VerbĂŒndeten stellt sich die Frage, wie lange sie sich auf die UnterstĂŒtzung der USA verlassen können - natĂŒrlich ist die Nato ein anderes BĂŒndnis, aber die Frage der langfristigen VerlĂ€sslichkeit stellt sich."
Israel und die USA hatten den Krieg gegen den Iran Ende Februar gemeinsam begonnen - im Verlauf des Kriegs traten die unterschiedlichen Interessen der VerbĂŒndeten aber immer mehr zutage. WĂ€hrend Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu fĂŒr eine Fortsetzung der militĂ€rischen Offensive war, drĂ€ngte Trump auch angesichts innenpolitischen Drucks auf ein Ende des in den USA unpopulĂ€ren Kriegs.
Was die HÀufung vermeintlicher Ausrutscher verÀndert hat
Sicherheitsexpertin Major zufolge waren die EuropĂ€er gewillt, viele Ereignisse als unglĂŒckliche Ausrutscher zu behandeln: etwa das Beschimpfen von Spanien fĂŒr geringe Verteidigungsausgaben oder fehlende Kritik an Russland. "Aber dann kommt man zur Schlussfolgerung, dass sieben unglĂŒckliche Ausrutscher nacheinander vielleicht System haben."
