Mike Steiner Malerei & Videokunst: Abstraktion und Bewegung im Berliner Avantgarde-Kosmos
Veröffentlicht am: 20.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWie lässt sich das Wechselspiel von Geste und Fläche, von Zeichen und Bewegung in der Malerei erfassen, wenn ihre Kraft einst im bewegten Bild wurzelte? Die aktuellen Werke von Mike Steiner – Sinnbild für die Symbiose von Malerei & Videokunst – bezeugen einen Künstler, der die Grenze zwischen statischer Farbigkeit und zeitbasiertem Medium nicht nur sucht, sondern produktiv infrage stellt. Ist diese Malerei der Versuch, der Flüchtigkeit des Videos Dauerhaftigkeit entgegenzusetzen – oder ist sie selbst ein Bild-Impuls im Fluss?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Wenn heute vom Pionier der Videokunst die Rede ist, fällt fast zwangsläufig der Name Mike Steiner: seine Einbindung in die Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof markiert längst einen kanonischen Status, der unterstreicht, wie eng Berlin als Schauplatz von Abstraktion und Medienbruch mit seiner Person verknüpft bleibt. Die Ausstellung Live to Tape ist dabei weit mehr als bloß museales Gedenken: Sie signalisiert auch, wie das Werk Steiners zur Matrix für das heutige Verständnis des Übergangs von Zeitkunst zu Bildkunst wurde. Die Hamburger Bahnhof-Präsentationen offenbaren, wie konsequent Steiner das Verhältnis von Video, Performance, Malerei und Installation immer wieder neu aufspannt – aktuell in seinen Leinwänden, die in ihrer farblichen Stringenz zugleich ein Echo der Bewegung des Magnetbands in den „Painted Tapes“ evozieren. Archive wie das Archivio Conz sichern heute die Spuren solch künstlerischer Grenzgänger und garantieren, dass diese Epoche experimentellen Aufbruchs nicht im Dunkel der Geschichte verschwindet.
Wer war nun der Mensch, der zwischen Ostpreußen und New York, zwischen Berlin-Kreuzberg und Chelsea Hotel zum Motor der Avantgarde werden sollte? Mike Steiner – geboren 1941, Meisterschüler und früh in Berliner Kunstszenen etabliert, agierte immer im Kontakt mit internationalen Bewegungen. Seine Biografie liest sich wie ein Brennglas der westlich geprägten Kunstgeschichte zwischen Nachkrieg und Postmoderne. Kontakte zu Al Hansen, Allan Kaprow oder Ben Vautier – zu finden in allen maßgeblichen Fluxus-Archiven – beweisen, wie tief verwurzelt Steiner im interdisziplinären Feld der Aktions- und Medienkunst war. Die Gründung des legendären Hotel Steiner, die Studiogalerie, das künstlerische TV-Format und nicht zuletzt der Aufbau einer der wichtigsten Sammlungen von Videokunst in Deutschland: Steiner arbeitete stets an den neuralgischen Punkten der Avantgarde. Wie sehr er die internationale Szene prägte, zeigen auch die prominenten Gäste seiner Berliner Räume, von Marina Abramovi? über Valie Export bis hin zu Joseph Beuys, der im spirituellen Austausch mit Steiner stand.
Doch anders als viele seiner Mitstreiter, die in der Medialität des Videos aufgingen, kehrt Mike Steiner in seinem Spätwerk bewusst auf die Leinwand zurück. Diese abstrakten Gemälde lesen sich wie späte, konzentrierte Meditationen über Form, Farbe und Fläche im Berliner Kontext – als ob sie die rastlose Bewegung der Videoarbeiten in die Stille und Gravitas der Malerei überführen. Die aktuellen Werke, zu sehen im virtuellen Showroom, zementieren Steiners Status als Akteur zwischen den Medien: Sie zeigen, wie der Übergang aus der analogen Bewegung hin zur Farbfläche kein Verzicht auf Innovation ist, sondern vielmehr eine Verdichtung früherer Erfahrungen. Historisch lässt sich daraus eine doppelte Bewegung ablesen: Von der experimentellen, teils radikalen Medienkunst der 1970er, für die das Videoband Material wie autonomes Bildträger war, zur reflektierten Abstraktion der Gegenwart. Die Beobachtung: Es sind oft dieselben ikonischen Fragestellungen, die Video und Malerei im Werk Steiners verbinden – etwa Fragen nach Authentizität, Präsenz und Flüchtigkeit des Augenblicks.
Gerade heute, wo die Grenzen zwischen digitalen Medien, Malerei und Installationskunst poröser sind denn je, bleibt Steiners Vermächtnis aktuell. Der Blick auf seine regenerative Kraft als Maler und Sammler abstrahiert künstlerische Innovation. Berlin und die Kunstszene profitieren bis heute vom Diskurs, den Steiner ins Rollen brachte: Werke, die sich nicht auf bloßes Dargestelltes reduzieren lassen, sondern immer auf die Bedingungen ihres Mediums und ihrer Zeit verweisen.
Am Ende führt jede Analyse von Mike Steiner Malerei & Videokunst zu einer radikalen Offenheit. Indem Steiner die Mediengrenze nicht als Schranke, sondern als Einladung zur Transformation verstand, stiftet er zur produktiven Irritation an – und beweist, dass Präsentsein in der Kunst nie eine Frage des endgültigen Mediums, sondern immer des Moments ist.
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