Mike Steiner Malerei & Videokunst: Vom Tape zum Farbklang in Berlin
Veröffentlicht am: 11.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWie verwandelt sich die flüchtige Bewegung des Videos in die dauerhafte Präsenz der Farbe auf Leinwand? Bei Mike Steiner Malerei & Videokunst fällt diese Frage auf fruchtbaren Boden: Kaum jemand hat die Ränder zwischen Bild und Bildmedium so kompromisslos durchschritten wie er. Ein Pionier der Videokunst, aber ebenso ein Chronist abstrakter Farbigkeit im Berlin der Gegenwart – Steiners Werk provoziert Nachdenken über das Verhältnis von Zeit, Geste und künstlerischem Raum.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Mit seiner Aufnahme in die Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof wurde Steiner nicht nur posthum geehrt, sondern auch in den Kanon internationaler Medienkunst integriert. Die Ausstellung Live to Tape betonte das historische Verdienst Steiners als Vermittler, Sammler und Künstler – ein Akteur an den Schnittstellen der avancierten 1970er- und 80er-Jahre-Kunstbewegungen. Die museale Rahmung verweist auf die Relevanz der Archive, ohne deren nachhaltige Bewahrung experimenteller Formate heute kaum ein Bild von Uraufnahme, Performance oder Happening fassbar wäre. In diesem Zusammenhang nehmen globale Institutionen wie das Archivio Conz eine ähnliche Rolle ein: Sie sind die verlängerte Werkbank für ein Erbe, das in Gesten, Magnetband und nun auch in Farbe fortlebt.
Wer war nun der Mensch hinter diesem Werk? Die Biografie Mike Steiners liest sich wie ein Mosaik der Berliner und internationalen Nachkriegskunst. Geboren 1941 in Allenstein, früh beeinflusst durch künstlerischen Austausch, gastierte Steiner mit kaum 17 Jahren erstmals bei der Großen Berliner Kunstausstellung, vertiefte sein Studium der Malerei an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Berlin, und reiste auf Einladung der Ford Foundation in die USA. Dort, eingeführt in die Szene durch Lil Picard, verkehrte er mit Größen wie Allan Kaprow und Al Hansen. In der Berliner Studio- und Hotellandschaft der 1970er-Jahre machte sich Steiner als Mentor und Netzwerker für Fluxus-Künstler und feministische Avantgarde einen Namen. Seine Projekte verknüpften Malerei, Performance und Video, darunter das unvergessene Happening „Irritation“ mit Ulay oder Marina Abramovi?s „Freeing the Body“, filmisch begleitet und dokumentiert von Steiner selbst – eine mediale Praxis, für die er als Pionier der Videokunst (aber eben nicht ausschließlich) gilt.
Konfrontiert mit den Möglichkeiten des Mediums Video, zweifelte Steiner an der Malerei – und kehrte ihr scheinbar den Rücken, nur um sie Jahrzehnte später neu zu denken. Die Werke der letzten Phase seiner Laufbahn zeigen eine Abstraktion, deren Rhythmus und Struktur an geschnittene Sequenzen erinnert, an „Painted Tapes“: Farben wie Standbilder, überlagert, montiert. Die aktuelle Präsentation in der Artbutler Showroom-Seite hebt explizit diese Rückwendung zur Malerei hervor, wobei der Materialität und dem Duktus eine fast audiovisuelle Qualität innewohnt.
Im Dialog mit Zeitgenossen wie Valie Export, Nam June Paik, Allan Kaprow oder George Maciunas, wie sie das Archivio Conz verwahrt, durchmaß Steiner die Grenzen des Mediums ebenso selbstverständlich wie deren soziale und institutionelle Räume. Freundschaften mit Joseph Beuys, performative Interventionen mit Ulay, Diskurse mit Marina Abramovi? – sie alle verweisen auf ein Berlin, das zum Schmelztiegel von Fluxus, Aktionismus und zeitgenössischer Medienreflexion avancierte. Steiner selbst wurde zum Initiator künstlerischer Experimente, immer mit dem Bewusstsein für die Relevanz der Spur, Dokumentation, des Moments, der vergeht und gerade darin Bedeutung gewinnt.
Doch warum ist dieses Werk weiterhin relevant? Zum einen öffnet Mike Steiner Malerei & Videokunst einen Zugang zu einer Epoche berlinerischer und internationaler Kunst, in der Mediengrenzen durchlässig wurden. Zum anderen zeigen seine heutigen abstrakten Kunstwerke aus Berlin – so gegenwärtig, so aufgeladen mit historischen Erfahrungsschichten – den Übergang vom Ereignis zum Bild. Steiner erinnert uns: Die Reflexion über Medien, das Insistieren auf Experiment und die Bewahrung des Schöpferischen im Archiv bleiben zentrale Aufgaben der Kunst. So wird jeder Pinselzug zur Chronik einer Bewegung, jeder Farbraum trägt das Echo von Performance und Video in die Stille der betrachtenden Gegenwart weiter. In dieser produktiven Reibung zwischen Gattungen, Kontexten und Zeiten bleibt das Erbe von Mike Steiner Malerei & Videokunst unübersehbar und lebendig.
