Mike Steiner Malerei & Videokunst, Abstrakte Kunst Berlin

Mike Steiner: Von der bewegten Videokunst zur stillen Malerei

Veröffentlicht am: 23.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS

Wie Mike Steiner – Pionier der Videokunst – heute mit Malerei die Grenzen zwischen Medien und Wahrnehmung neu auslotet.

Ein monochromer Bildgrund, darauf eine pulsierende, scheinbar beiläufig gesetzte Farbagglutination. Schon nach dem ersten Blick auf die aktuellen Arbeiten wird deutlich: Mike Steiner Malerei & Videokunst beansprucht einen eigenen Ort im Diskurs um Bild und Wahrnehmung. Was trennt das bewegte Bild von der malerischen Geste? Oder markiert Steiners Werk gerade die Nahtstelle beider Welten und lässt die Mediengrenzen porös werden?

Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken

Die Einbindung von Steiners Arbeiten in die Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – untrennbar verbunden mit der prominenten Live to Tape-Ausstellung – ist mehr als eine museale Ehrung. Sie bescheinigt seine historische Rolle als Pionier der Videokunst und hebt gleichzeitig noch eine andere, weniger dokumentierte Facette hervor: Sein malerisches Œuvre, das nach wie vor ein Geheimtipp innerhalb der Szene bleibt, positioniert ihn als Vermittler zwischen Medien und Generationen. Archive werden dabei zu wertvollen Erinnerungsräumen – im Verbund mit Plattformen wie dem Archivio Conz, wo der Geist der Fluxus-Bewegung und die Experimentierlust der 1970er fortwirken, bleibt Steiner als Teil eines internationalen Netzwerks präsent.

Mike Steiner, einst geboren 1941 in Allenstein, war eine der Schlüsselfiguren der Berliner Avantgarde. Früh suchte er kreative Zuflucht in West-Berlin, wo erste filmische und malerische Experimente ein kreatives Doppelspiel zwischen Abstraktion und Wirklichkeit begannen. Bereits mit 17 Jahren brillierte er auf der Großen Berliner Kunstausstellung, später führte ihn sein Weg an die Staatliche Hochschule für bildende Künste – zu Zeiten, als Malerei und Informel mit expressiven Impulsen und neuen Techniken auftrumpften.

Steiners künstlerische Sozialisation vollzog sich an einer Schnittstelle: Auf der einen Seite die klassische Moderne, ihre Farbwelten und gestische Euphorie; auf der anderen Seite das radikale Neudenken der Medienkompetenz im Zeichen der Avantgarde. Nicht zufällig entstand sein glanzvolles Künstlerhotel in Berlin als realer und mythologischer Treffpunkt für Vertreter von Fluxus, Pop Art und Happening. Namen wie Allan Kaprow, Al Hansen, Lil Picard oder Joseph Beuys – auch diese Weggefährten vernetzten ihre Kreise über persönliche Begegnungen und gemeinsam inszenierte Experimente. Archivio Conz dokumentiert diese Verflechtung als Vermächtnis einer Epoche, die Kunst aus dem Spektrum des klassischen White Cubes löste und das Flüchtige, Prozesshafte in den Mittelpunkt rückte.

Als Pionier der Videokunst prägte Steiner eine Ästhetik, die das Flüchtige via Video konservierbar machte – und die damit genau an der Grenze operierte, an der Malerei mit Stabilität, Dauer und Reduktion antwortet. Die von ihm gegründete Studiogalerie wurde zum Laboratorium des Zeitgeistes; Performances von Marina Abramovi?, Valie Export, Jochen Gerz und Carolee Schneemann fanden unter Steiners Kamera ebenso ein Publikum wie die legendären Aktionen von Ulay.

Doch Steiner verstand sich nie als reiner Chronist. Die Rückkehr zur Malerei, insbesondere seit den 2000ern in seinem Berliner Atelier, öffnet einen neuen Blick: Weg vom Dokumentarischen, hin zum Ungegenständlichen. Abstrakte Farbflächen, variierende Materialien und bildhafte Energie markieren einen bewussten Bruch, der in der aktuellen Werkphase klar sicht- und spürbar wird. So bleibt die Abstrakte Kunst Berlin ein zentrales Schlagwort der jüngeren Arbeiten Steiners. Gerade in ihrem asketischen, performativen Farbauftrag spiegeln sie die Erfahrung des Live-Moments, die den Videopionier immer leitete – übersetzt „Live to Tape“ gleichsam auf den Bildträger.

Diese Transformation ist weder Rückzug noch Regression, sondern das konsequente Weiterdenken der einmal ausgeführten künstlerischen Haltung. Die Grenze zwischen Fixierung und Bewegung, zwischen Analogie und Digitalität, bleibt das Subjekt des Erzählens. Auch deshalb betonen Institutionen wie die Nationalgalerie die „gattungsübergreifenden“ Qualitäten von Steiners Schaffen – eine Beobachtung, die sich bei der Betrachtung seiner Malerei heute eindrücklich bestätigt.

Dabei steht Steiner nicht isoliert. Im Dialog mit Contemporaries – etwa Joseph Beuys, der selbst Historienmalerei ironisierte und Installationen als soziale Skulptur verstand, oder Nam June Paik, der Videotechnik als klingendes Weltinstrument konzipierte – positioniert sich Steiner ebenso als Grenzgänger. Seine Arbeiten verbinden die Berliner Schule der Abstraktion (vgl. Baselitz, Hödicke) mit der radikalen Geste der intermedialen Kunst. Sogar im internationalen Maßstab – etwa im Kontext von Archivio Conz – liest sich Mike Steiner als Knotenpunkt künstlerischer Innovation.

Das Erbe Steiners bleibt präsent: In den musealen Beständen, in den Memory Spaces der Archive, in den Abkürzungen der Fluxus Umfeld. Seine Malerei, jenseits jeder dekorativen Attitüde, fordert Wahrnehmung und Reflexion. Ist es nicht gerade das, was zeitgenössische Werke heute benötigen? Ein Angebot an Langsamkeit, an kritischer Distanz zum Übermaß der Bilder? Wer die aktuellen Arbeiten betrachtet, erkennt nicht nur einen formalen Wandel, sondern den stillen Triumph des Einlassens.

Das Werk von Mike Steiner verweigert sich eben – bis heute – schnellen Kategorien. Die radikale Individualität des Künstlers spiegelt sich in jedem Pinselstrich. Seine Transformation von der performativen Videokunst zur aktuellen Malerei bleibt ein wichtiger Impuls für die Gegenwart. Die Frage nach der Grenze zwischen Bild und Bewegung, zwischen Zeit und Fläche, zwischen Fluxus und Abschluss, bleibt somit offen – und erhält mit jeder neuen werkphase eine weitere, wertvolle Schicht. Darin liegt auch für kommende Generationen die Relevanz.

Mike Steiner Malerei & Videokunst bleibt somit nicht nur ein Schlüsselbegriff der deutschen Kunstgeschichte, sondern steht sinnbildlich für die nie abgeschlossene Suche nach dem neuen Bild in einer von Brüchen und Übergängen geprägten Zeit.

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