Ukraine bestreitet Attacke - Moskau droht mit harter Reaktion
30.12.2025 - 15:16:59(neu: Details)
MOSKAU/KIEW (dpa-AFX) - Der Kreml verbreitet mit Hochdruck die Geschichte von einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Residenz von Staatschef Wladimir Putin und droht mit einer hĂ€rteren Haltung in FriedensgesprĂ€chen. Auf Gehör stieĂen die Moskauer VorwĂŒrfe vor allem bei US-PrĂ€sident Donald Trump. "Das ist nicht gut", sagte Trump. Er bestĂ€tigte, dass Putin ihn am Telefon informiert habe. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj wies die Anschuldigungen zurĂŒck. Moskau suche einen Vorwand, um den Krieg fortzusetzen und erneut RegierungsgebĂ€ude in Kiew anzugreifen.
Der ukrainische AuĂenminister Andrij Sybiha schrieb im Netzwerk X, Russland habe seit Montag keine Belege fĂŒr den angeblichen Angriff vorgelegt. "Denn es gibt sie nicht. Es gab keinen solchen Angriff", erklĂ€rte der Minister. Er kritisierte, dass Staaten wie Indien, Pakistan oder die Vereinigten Arabischen Emirate sich wegen der angeblichen Attacke besorgt gezeigt hĂ€tten. Putin lieĂ sich nach Kreml-Angaben auch von seinen Kollegen aus Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan SolidaritĂ€t zusichern.
Kreml spricht von Terror der Ukraine
Kremlsprecher Dmitri Peskow trieb am Dienstag die VorwĂŒrfe weiter voran und sprach von Terror. "Das ist ein terroristischer Akt, der auf einen Abbruch des GesprĂ€chsprozesses zielt", sagte er der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Der Angriff richte sich nicht nur gegen Putin, sondern auch gegen Trumps FriedensbemĂŒhungen.
Der Kreml macht sich bei seiner Argumentation zunutze, dass die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg tÀglich Ziele in dem Land angreift. Es gibt schwere SchÀden, Tote und Verletzte. Auch bei Bombenattentaten des ukrainischen Geheimdienstes in Russland wurden schon GenerÀle und Propagandisten getötet. Zudem lÀsst sich Selenskyj gern vor einem GemÀlde in seinem Amtssitz fotografieren, das einen Kreml in Flammen zeigt.
Wie zuvor Putins auĂenpolitischer Berater Juri Uschakow drohte auch Peskow damit, dass Russland nun eine hĂ€rtere Haltung bei den laufenden GesprĂ€chen ĂŒber ein Kriegsende einnehmen werde. Es sei aber nicht zielfĂŒhrend, Details dazu zu nennen. Der Kremlsprecher verneinte, dass Moskau ganz aus dem Prozess aussteigen wolle. "Russland wird natĂŒrlich den GesprĂ€chsprozess fortsetzen und den Dialog, vor allem mit den Amerikanern", sagte er.
Hinweise auf Abwehr eines Drohnenangriffs fehlen
Der angebliche Angriff hatte nach russischen Angaben eine Residenz Putins im Waldai zum Ziel. Das ist eine waldige HĂŒgelkette zwischen Moskau und St. Petersburg im Verwaltungsgebiet Nowgorod. Der russische Staatschef hat in seinem Riesenreich mehrere Residenzen, aber speziell im Waldai soll er sich nach inoffiziellen Berichten mit seiner Familie treffen. Nach Medienrecherchen ist die Flugabwehr um das groĂe Anwesen im Sommer verstĂ€rkt worden.
Aus bisherigen Mitteilungen des russischen MilitĂ€rs lieĂ sich der Angriff nicht genau herauslesen. Das Verteidigungsministerium in Moskau sprach am Montagmorgen erst von 89 ukrainischen Drohnen, die ĂŒber verschiedenen Regionen abgefangen worden seien - davon 18 ĂŒber dem Gebiet Nowgorod. SpĂ€ter wurde der Abschuss von 23 weiteren Drohnen ĂŒber dem Gebiet ergĂ€nzt.
Die russische Internetplattform "Sota" verwies darauf, dass nach Angaben von Bewohnern der Region kein Flugabwehrfeuer zu hören gewesen sei. Nach Angaben des US-Instituts fĂŒr Kriegsstudien (ISW) fehlten auch die sonst bei Drohnenangriffen ĂŒblichen Internet-Berichte ĂŒber TrĂŒmmer oder BrĂ€nde am Boden. "Die UmstĂ€nde dieses angeblichen Angriffs entsprechen nicht dem beobachteten Muster von Beweisen, wenn ukrainische StreitkrĂ€fte Angriffe auf Russland durchfĂŒhren", hieĂ es dort.
Eine Drohung in Selenskyjs Weihnachtsansprache?
Als Beleg dafĂŒr, dass Selenskyj Putin nach dem Leben trachte, zitierten Peskow und andere russische Vertreter die Weihnachtsansprache des Ukrainers. Selenskyj hatte zu Heiligabend gesagt, wenn jeder Ukrainer einen Wunsch habe, wĂ€re das wohl, "dass er stirbt". Er nannte keinen Namen, doch lieĂ sich dies auf Putin beziehen. Selenskyj fuhr fort: "Aber wenn wir uns an Gott wenden, bitten wir natĂŒrlich um mehr. Wir bitten um Frieden fĂŒr die Ukraine."
Der frĂŒhere russische Staatschef Dmitri Medwedew stieĂ deshalb Todesdrohungen gegen Selenskyj aus. Dieser werde sich zeitlebens verstecken mĂŒssen, schrieb er auf Englisch auf X. FĂŒr ein heimisches Publikum schrieb Medwedew auf Russisch, dass Selenskyj nicht nur Putin, sondern alle Russen töten wolle. Auf Telegram prophezeite er dem Ukrainer einen baldigen gewaltsamen Tod.
Putin ruft zweimal bei Trump an
Die Moskauer Informationskampagne folgt auf ein Treffen Trumps mit Selenskyj in Florida vom Sonntagabend. UnterhĂ€ndler der USA und der Ukraine haben in den vergangenen Wochen intensiv an einem Plan gearbeitet, wie der Krieg beendet werden könnte und welche Sicherheitsgarantien die Ukraine kĂŒnftig erhĂ€lt. Russland wurde nur ĂŒber den jeweiligen Stand informiert.
Putin brachte sich wieder ins Spiel, indem er am Sonntag kurz vor dem Treffen in Florida beim US-PrĂ€sidenten anrief. Trump ĂŒberraschte dann Selenskyj mit Aussagen wie der, dass der Kremlchef eigentlich einen Erfolg der Ukraine wolle. Alle Seiten sprachen nach dem Gipfel zwar von Fortschritten, tatsĂ€chlich blieben aber konkrete Ergebnisse aus. Am Montag telefonierte Putin erneut mit Trump, Hauptthema war dann schon der angebliche Drohnenangriff.
In dem seit fast vier Jahren dauernden russischen Angriffskrieg haben beide Seiten Luftangriffe auf das gegnerische Staatsoberhaupt bislang vermieden. Russische SpezialkrÀfte machten in den ersten Kriegstagen 2022 Jagd auf Selenskyj. Danach sind nach Angaben ukrainischer Sicherheitsdienste mehrere russische AttentatsplÀne vereitelt worden. Im September dieses Jahres schlug eine russische Rakete im GebÀude des Ministerrates in Kiew ein.
EuropÀer und Kanadier beraten
EuropĂ€er und Kanadier stimmten sich am Dienstag erneut ĂŒber weitere BemĂŒhungen um einen Frieden in der Ukraine ab. Das schrieben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen (CDU) auf der Plattform X. "Wir treiben den Friedensprozess voran. Transparenz und Ehrlichkeit sind nun von allen gefordert, einschlieĂlich Russland", schrieb Merz auf Englisch.

