Moskau lÀsst EuropÀer und Ukraine abblitzen
08.06.2026 - 15:02:28 | dpa.de(neu: Mehr Details und Hintergrund.)
MOSKAU/LONDON/BERLIN (dpa-AFX) - Die russische FĂŒhrung hat ablehnend auf die neue Initiative der Ukraine und fĂŒhrender europĂ€ischer Staaten fĂŒr Verhandlungen ĂŒber ein Ende des Ukraine-Krieges reagiert. Kremlsprecher Dmitri Peskow warf den europĂ€ischen Staaten DoppelzĂŒngigkeit vor. "Macron, Starmer und Merz versuchen, von Frieden zu reden, und unterstreichen zugleich ihre Absicht, das Kiewer Regime bei der Produktion neuer Waffengattungen zu unterstĂŒtzen, um den Krieg fortzusetzen", sagte er der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Dies sei unlogisch, zeige aber die wahren Absichten in den europĂ€ischen HauptstĂ€dten.
Der russische PrÀsident Wladimir Putin habe seine Haltung zu neuen Verhandlungen schon vergangene Woche beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg klargemacht, sagte Peskow. Die Ukraine begehe derzeit "terroristische Verbrechen", was es schwer mache, sich irgendeine Vereinbarung mit ihr vorzustellen, zitierte Peskow den Kremlchef.
FĂŒnf-Punkte-Plan fĂŒr FriedensgesprĂ€che
Deutschland, Frankreich, GroĂbritannien und die Ukraine hatten Putin am Sonntagabend nach einem Gipfeltreffen in London zu einer sofortigen Waffenruhe und Verhandlungen ĂŒber ein Ende des Krieges aufgerufen. Ausgangspunkt dafĂŒr soll die derzeitige Frontlinie in der Ukraine sein.
Die USA sowie Europa sollten "aktiv" an den GesprĂ€chen beteiligt werden, heiĂt es in einer gemeinsamen ErklĂ€rung, die Kanzler Friedrich Merz, PrĂ€sident Emmanuel Macron, Premierminister Keir Starmer und PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj nach ihrem Treffen in London veröffentlichten. Darin nennen sie fĂŒnf Bedingungen fĂŒr einen "gerechten und dauerhaften Frieden":
1. Putin soll einer "sofortigen und vollstÀndigen Waffenruhe" zustimmen.
2. Die derzeitige Frontlinie soll zwar Ausgangspunkt fĂŒr Verhandlungen sein. Die Ukraine und die EuropĂ€er pochen aber gleichzeitig darauf, dass internationale Grenzen nicht mit Gewalt verĂ€ndert werden dĂŒrften. Knapp ein FĂŒnftel des ukrainischen Staatsgebiets ist derzeit unter russischer Kontrolle. Das Recht der Ukraine, ihre eigenen Sicherheitsvorkehrungen und BĂŒndnisse zu wĂ€hlen, mĂŒsse zudem "uneingeschrĂ€nkt" geachtet werden.
3. Die Ukraine mĂŒsse "robuste und rechtsverbindliche" Sicherheitsgarantien bekommen, sobald eine Waffenruhe in Kraft trete. Dazu gehöre der Einsatz einer multinationalen Truppe.
4. Die russischen Vermögenswerte wĂŒrden so lange eingefroren bleiben, bis Russland seinen Angriffskrieg beendet und die Ukraine fĂŒr die durch den Krieg verursachten SchĂ€den abfindet. In der EuropĂ€ischen Union sind etwa 210 Milliarden Euro der russischen Zentralbank festgesetzt.
5. Die europĂ€ischen Sicherheitsinteressen mĂŒssten in jedem Abkommen gewahrt werden. Verhandlungsergebnissen, die EU und Nato betreffen, mĂŒssten die Mitgliedstaaten zustimmen.
USA verlieren Interesse, EuropÀer springen ein
Die USA vermitteln seit Anfang vergangenen Jahres zwischen Russland und der Ukraine, scheinen aber inzwischen das Interesse daran zu verlieren. US-AuĂenminister Marco Rubio sagte vor zwei Wochen, aus US-Sicht könnten gerne auch andere versuchen, den Krieg in der Ukraine zu beenden.
Vor diesem Hintergrund versuchen nun die EuropĂ€er, die Initiative zu ergreifen. Deutschland, Frankreich und GroĂbritannien waren als sogenannte E3 schon im vergangenen Jahr involviert und nahmen die Rolle der europĂ€ischen UnterhĂ€ndler ein. Zuletzt waren sie aber nur noch Zuschauer an der Seitenlinie.
Doppelstrategie der E3: Waffen und GesprÀche
Anders als die USA sehen die EuropĂ€er sich nicht als Vermittler, sondern als VerbĂŒndete der Ukraine. Sie unterstĂŒtzen das Land massiv mit Waffenlieferungen und belegen Russland gleichzeitig mit Sanktionen, um Druck auf Moskau aufzubauen, den Krieg zu beenden.
Sie sicherten Selenskyj beim Londoner Gipfel daher auch weitere militĂ€rische UnterstĂŒtzung zu. DarĂŒber solle bei den im Juni und Juli stattfindenden Gipfeltreffen der G7 und der Nato sowie beim nĂ€chsten Treffen der "Koalition der Willigen" gesprochen werden, in der sich die VerbĂŒndeten der Ukraine zusammengeschlossen haben. Die Staats- und Regierungschefs betonten die dringende Notwendigkeit, die Raketenabwehr und die VerfĂŒgbarkeit weitreichender Waffen zu stĂ€rken.
Wie es nun weitergeht
Die E3 wollen bei den Gipfeln der G7 und der EU in der kommenden Woche weiter ĂŒber ihre Initiative sprechen. In der Bundesregierung ist man sich bewusst, dass der Weg zu Verhandlungen noch weit sein kann. "Ich glaube, die harten KĂ€mpfe dieser Woche, dieser Tage zeigen ja, dass es Wochen bis Monate dauern kann, auch eine GesprĂ€chsbereitschaft festzustellen", sagte Regierungssprecher Stefan Kornelius.
Die EuropĂ€er setzen aber darauf, dass die militĂ€rischen Erfolge der Ukraine Russland letztlich an den Verhandlungstisch zwingen werden. Darauf verweist auch Selenskyj. "Wir haben gelernt, wie man lebt und ĂŒberlebt", sagte er bereits am Sonntag in einem Interview des Senders Sky News. "Wir wollen nicht einfach still sterben."
Er sei zu GesprĂ€chen mit Moskau ĂŒber ein Kriegsende bereit - mit oder ohne Beteiligung der USA und Europas, sagte Selenskyj. Er betonte aber, dass diese "nicht in Moskau, nicht in Kiew und auch nicht in Minsk" stattfinden dĂŒrften. Minsk ist die Hauptstadt des mit Russland eng befreundeten Nachbarlands Belarus.
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