Siemens leitet Trennung von Medizintechnik-Tochter Healthineers ein
12.11.2025 - 19:54:11 | dpa.de(neu: Managementwechsel, VorstandsvertrÀge)
MĂNCHEN (dpa-AFX) - Der Technologiekonzern Siemens DE0007236101 will sich mittelfristig von seiner Medizintechniktochter Siemens Healthineers DE000SHL1006 trennen. In einem ersten Schritt sollen 30 Prozent an dem ebenfalls im Dax DE0008469008 notierten Unternehmen vorzugsweise in Form einer Abspaltung an die AktionĂ€re der Siemens weitergereicht werden, teilte der Konzern am Mittwochabend im Vorfeld seines Investorentags an. Der Schritt war erwartet worden.
Die Entkonsolidierung biete das Potenzial, langfristigen Wert fĂŒr Siemens-AktionĂ€re als stĂ€rker fokussiertes Technologieunternehmen zu schaffen, hieĂ es. AktionĂ€re hatten schon lĂ€nger eine Trennung gefordert, da Healthineers zu den anderen GeschĂ€ften keine Synergien aufweist und viel Kapital bindet. Siemens hatte zuletzt bereits immer wieder Aktien verkauft und hĂ€lt derzeit noch circa 67 Prozent. Mittelfristig strebt Siemens eine reine Finanzbeteiligung an. Zudem bekrĂ€ftigte Siemens seine progressive Dividendenpolitik, die auch nach der Entkonsolidierung von Siemens Healthineers fortgefĂŒhrt werden soll.
Siemens Healthineers begrĂŒĂte die Entwicklung. "Wir schĂ€tzen die Klarheit. Das ist eine gute Nachricht fĂŒr Siemens Healthineers. Wir setzen damit unseren Weg zu einem vollkommen unabhĂ€ngigen Unternehmen fort, den wir mit unserem Börsengang im Jahr 2018 begonnen haben", sagte Vorstandsvorsitzender Bernd Montag. Healthineers wird danach von einem deutlich höhere Streubesitz profitieren und dĂŒrfte so am Kapitalmarkt attraktiver werden, wie es von Siemens hieĂ.
"Der heutige Tag markiert den Beginn der nĂ€chsten Wachstumsphase fĂŒr Siemens. Mit der Abgabe der Kontrollmehrheit an Siemens Healthineers fokussieren wir uns auf ein hochgradig synergetisches Siemens-Portfolio", sagte Siemens-Chef Roland Busch.
Die Trennung der beiden Unternehmen sei ein letztlich konsequenter Schritt - auch wenn er nicht leicht falle, heiĂt es von IG Metall und Betriebsrat. Wichtig fĂŒr die Arbeitnehmer sei gewesen, fĂŒr die Trennung tragfĂ€hige Bedingungen zu erreichen. Dazu gebe es Zusagen der Firmenseite: Unter anderem eine unverĂ€nderte Tarifbindung, Standort- und BeschĂ€ftigungssicherung sowie den Verbleib der Unternehmenszentrale in Deutschland.
"Wir tragen das Konzept der integrierten One Tech Company mit, weil es aus heutiger Sicht langfristig die besten Aussichten fĂŒr Siemens bietet", sagt der 2. Vorsitzende der IG Metall, JĂŒrgen Kerner. Denke man das konsequent weiter, passe Healthineers technologisch "auf Dauer nicht wirklich zu den Kernelementen Digital Industries, Smart Infrastructure und Mobility und hat obendrein eigenstĂ€ndig bessere Chancen. Sich wider besseres Wissen an der aktuellen Struktur festzuklammern, geht dann nicht mehr - stattdessen kommt es auf bestmögliche Gestaltung der VerĂ€nderung an."
Siemens hatte seine Medizintechniksparte im MÀrz 2018 unter dem Namen Healthineers an die Börse gebracht, dabei aber eine komfortable Mehrheit behalten. Aktuell hÀlt Siemens noch rund 67 Prozent der Healthineers-Anteile und muss die Tochter daher voll konsolidieren. Zu Kursen um 45 Euro pro Healthineers-Aktie, wie sie zuletzt gezahlt wurden, wÀre der gesamte Siemens-Anteil um die 34 Milliarden Euro wert.
Healthineers, gefĂŒhrt vom ehemaligen Basketball-Bundesligaspieler Bernd Montag als CEO, gehört zu den weltgröĂten Herstellern von Medizintechnik. Das Unternehmen, inzwischen selbst ein Dax DE0008469008-Konzern, stellt unter anderem bildgebende MedizingerĂ€te wie Kernspin- und Computertomografen her und versorgt KrankenhĂ€user mit Komplettlösungen.
Die Sparte Labordiagnostik - dazu zĂ€hlen etwa technische Möglichkeiten fĂŒr Bluttests - galt zunĂ€chst als HoffnungstrĂ€ger, zuletzt aber eher als Verkaufskandidat. 2021 hatte Healthineers den hochprofitablen US-Strahlentherapie-Spezialisten Varian ĂŒbernommen.
Im abgelaufenen GeschĂ€ftsjahr hat Healthineers knapp 2,2 Milliarden Euro Gewinn gemacht und damit einiges zum Jahresergebnis der Mutter beigetragen. Das Unternehmen gilt insgesamt als profitabel, wenn auch die Wachstumsprognosen nicht immer alle Hoffnungen von Investoren erfĂŒllten. Nach eigenen Angaben beschĂ€ftigt das Unternehmen mit Hauptsitz am alten Siemens-Standort Erlangen weltweit mehr als 70.000 Menschen.
Die geplante Transaktion steht den Angaben zufolge unter dem Vorbehalt abschlieĂender regulatorischer KlĂ€rungen sowie der Zustimmung durch die Hauptversammlungen beider Unternehmen. In den kommenden Monaten werde Siemens an der konkreten Ausgestaltung der Struktur und des Zeitplans arbeiten. Weitere Details hierzu will der Konzern Anfang des zweiten Quartals des Kalenderjahres 2026 bekannt gegeben.
Die Entkonsolidierung erweitere fĂŒr Siemens SpielrĂ€ume, erlĂ€uterte Finanzvorstand Ralf Thomas. Sie erhöhe die Transparenz und reduziere KomplexitĂ€t fĂŒr den Kapitalmarkt. "Zudem ist die Abspaltung eine marktfreundliche AnteilsĂŒbertragung." Der langjĂ€hrige Finanzchef Thomas steht vor seinem Abschied bei Siemens. Die Weichen fĂŒr die Nachfolge stellte der Aufsichtsrat am Mittwoch ebenfalls. So soll Vorstandsmitglied Veronika Bienert im Verlauf des GeschĂ€ftsjahres 2026 das Amt ĂŒbernehmen. Thomas soll danach Aufsichtsratschef bei Siemens Healthineers bleiben.
Das Management um Busch und Thomas will auf dem Kapitalmarkttag am Donnerstag die Investoren ĂŒber die neue mittelfristige Strategie informieren. Siemens befindet sich dabei in einer Transformation zu einem integrierten Technologiekonzern mit einem gröĂeren Digital- und Software-Anteil. Dazu leistete sich Siemens zuletzt mit den US-Unternehmen Altair und Dotmatics milliardenschwere Ăbernahmen.
Siemens hat in der Vergangenheit immer wieder Teile abgespalten - sei es die Halbleitersparte, die heute unter dem Namen Infineon DE0006231004 lĂ€uft, sei es Osram oder die 2020 an die Börse gebrachte Energietechniksparte Siemens Energy DE000ENER6Y0. Dass der Konzern ĂŒber mehr als sieben Jahre eine so hohe Beteiligung wie bei Healthineers hĂ€lt, kam dabei aber nicht vor.
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