'Erosion des Standorts droht'
11.12.2025 - 15:31:51(neu: Statement von Ifo-Chef Clemens Fuest ergĂ€nzt im neuen fĂŒnften Absatz.)
MĂNCHEN (dpa-AFX) - Die deutsche Wirtschaft wird nach EinschĂ€tzung des Ifo-Instituts in den kommenden Jahren nur langsam aus der Krise finden. FĂŒr 2026 und 2027 schraubten die MĂŒnchner Wirtschaftsforscher ihre Prognose deutlich herunter. Grund seien die Belastungen durch die Zollpolitik der USA, aber auch hausgemachte SchwĂ€chen. Der Arbeitsmarkt dĂŒrfte sich hingegen vergleichsweise robust halten.
FĂŒr 2026 und 2027 erwartet das einflussreichste deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 0,8 und 1,1 Prozent - das sind je 0,5 Prozentpunkte weniger, als vom Ifo im Herbst vorhergesagt. Dieses Jahr dĂŒrfte die Wirtschaft mit einem Plus von 0,1 Prozent (zuvor: 0,2 Prozent) de facto stagnieren.
Ifo pessimistischer als Bundesregierung
"Die deutsche Wirtschaft passt sich dem Strukturwandel durch Innovationen und neue GeschĂ€ftsmodelle nur langsam und kostspielig an", sagt Ifo-Konjunkturchef Timo WollmershĂ€user. "ZusĂ€tzlich werden Unternehmen und NeugrĂŒndungen im Besonderen durch bĂŒrokratische HĂŒrden und eine veraltete Infrastruktur behindert."
Mit seiner EinschĂ€tzung ist das Ifo deutlich pessimistischer als die Bundesregierung: Sie erwartet fĂŒr 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent und fĂŒr 2027 von 1,4 Prozent.
Ifo-Chef Clemens Fuest kritisierte die Politik. Der angekĂŒndigte Reformherbst sei zwar nicht ganz ausgefallen. "Aber das Schlimme ist: Die Reformen, die stattgefunden haben, steuern mehrheitlich in die falsche Richtung." So treibe das Rentenpaket die Kosten in die Höhe und reduziere Wachstum, da damit die Steuerlast wahrscheinlich steigen werde. Fuest forderte ein Reformkonzept, das bei Arbeitsmarkt, Investitionen und Bildung ansetzen mĂŒsse. "Diese drei Faktoren bestimmen letztlich die LeistungsfĂ€higkeit unserer Volkswirtschaft."
Unsicherheit durch Trumps Zölle
Die US-Zölle unter PrĂ€sident Donald Trump belasteten die deutschen Exporteure nach wie vor spĂŒrbar, schreibt das Ifo. Sie dĂ€mpften das Wachstum 2025 um 0,3 und 2026 um 0,6 Prozentpunkte. "Die Unsicherheit durch die Zölle bleibt hoch, auch wenn die akuten Konflikte zwischen den USA und der EU entschĂ€rft wurden", so WollmershĂ€user.
Zwar haben die EU und Trump im Sommer ein Zollabkommen erzielt und so eine Eskalation abgewendet. Doch die Einigung sieht deutlich erhöhte US-Zölle vor, etwa fĂŒr die Autoindustrie. Zudem gelten hohe Zölle auf Stahl und Aluminium, die etwa den Maschinenbau belasten.
IfW: strukturelle Probleme lassen Wirtschaft auf der Stelle treten
Mit seinem Pessimismus steht das Ifo nicht alleine da. Auch andere Institute wie das RWI Essen und das Kiel Institut fĂŒr Weltwirtschaft (IfW) senkten ihre Prognosen und erwarten 2026 nur ein Wachstum von 1,0 Prozent. Das Leibniz-Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung Halle (IWH) rechnet mit einer leichten Belebung.
"Die vielen strukturellen Probleme im Sozialsystem, die ĂberbĂŒrokratisierung oder der RĂŒckstand bei KĂŒnstlicher Intelligenz und anderen modernen Technologien lassen Deutschlands Wirtschaft auf der Stelle treten", sagt IfW-PrĂ€sident Moritz Schularick. Es sei enttĂ€uschend, dass fĂŒr das kommende Jahr nicht mehr Zuwachs zu erwarten sei, obwohl die Bundesregierung hohe Schulden aufnehme und die Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung erhöhe.
Arbeitsmarkt robust
Immerhin: Der Arbeitsmarkt dĂŒrfte laut Ifo robust bleiben. Die Arbeitslosigkeit werde zwar 2025 um 161.000 Menschen steigen auf eine Quote von 6,3 Prozent - 2026 werde diese aber stagnieren und 2027 leicht auf 5,9 Prozent sinken. Auch die Inflation bleibe moderat mit einer Rate von 2,2 Prozent dieses Jahr und 2026 sowie 2,3 Prozent 2027. So dĂŒrften die Energiepreise weiter sinken.
Wachstum der Weltwirtschaft geht an Deutschland vorbei
Besorgniserregend aus Sicht des Ifo: Die Weltwirtschaft wachse 2025 bis 2027 um durchschnittlich 2,5 Prozent pro Jahr, doch die deutsche Industrie profitiere davon nicht und verliere weiter an WettbewerbsfĂ€higkeit. Zwar will die Bundesregierung Milliarden fĂŒr Verteidigung und Infrastruktur ausgeben. Die geplanten Investitionen sowie weitere Entlastungen wirkten aber nur verzögert.
FĂŒr 2026 erwarten die Forscher einen Wachstumseffekt von 0,3 und 2027 von 0,7 Prozentpunkten. Die MaĂnahmen der Bundesregierung genĂŒgten nicht, um langfristig die ProduktionskapazitĂ€ten der deutschen Wirtschaft auszuweiten, die in den beiden vergangenen Jahren geschrumpft war.
Ifo: Milliardenpakete helfen ohne Reformen nur wenig
Dank der staatlichen Milliardenausgaben erwarten sowohl Ifo als auch andere Institute eine Belebung der Wirtschaft. Doch ohne Reformen könnte das 500 Milliarden-Euro-Sondervermögen fĂŒr Infrastruktur nach EinschĂ€tzung vieler Ăkonomen ein Strohfeuer bleiben.
GrĂŒnde sind strukturelle Probleme, darunter die hohen Energiekosten und Sozialabgaben sowie die BĂŒrokratie. Zudem bemĂ€ngeln Volkswirte, dass viel Geld nicht in neue Investitionen flieĂt, sondern in Konsumausgaben.
"Die deutsche Wirtschaft verliert an Dynamik, weil das ArbeitskrĂ€ftepotenzial, die Unternehmensinvestitionen und das ProduktivitĂ€tswachstum zurĂŒckgehen", sagt WollmershĂ€user. "Ohne strukturelle Reformen droht eine weitere Erosion des Wirtschaftsstandorts." Nötig seien Anreize etwa fĂŒr eine Ausweitung der Arbeitszeit und Reformen fĂŒr mehr ProduktivitĂ€t, etwa durch eine Digitalisierung des Staatswesens.

