ROUNDUP, Nationalgarde-Streit

Nationalgarde-Streit in Chicago: Stoppt ein Gericht Trump?

09.10.2025 - 06:35:04

Nach der Ankunft von Nationalgardisten nahe Chicago wird mit Spannung erwartet, ob ein Gericht die PlĂ€ne von US-PrĂ€sident Donald Trump fĂŒr einen Einsatz der Soldaten in der Millionenstadt durchkreuzen wird.

FĂŒr Donnerstagvormittag (Ortszeit) ist eine Anhörung vor einem Bundesgericht in Chicago angesetzt. Der Bundesstaat Illinois und die drittgrĂ¶ĂŸte Stadt der USA klagen gegen Trump, weil sie einen Einsatz von Mitgliedern der Nationalgarde auf Geheiß der US-Regierung in Illinois fĂŒr rechtswidrig halten.

Eine EinschĂ€tzung, die in Chicago viele teilen: Hunderte zieht es am Mittwochabend (Ortszeit) zu einem Protest gegen einen Soldateneinsatz in die Innenstadt. "Morgen haben wir unseren Gerichtstermin und wir sind zuversichtlich, dass die Richterin unsere Demokratie verteidigen und entscheiden wird, dass die Nationalgarde nicht in unsere Stadt gehört", sagt eine lokale Politikerin bei der Demonstration. Nicht weit von ihr prangt vor der Skyline Chicagos in knalligem Orange der Schriftzug: "Keine Soldaten auf unseren Straßen".

Dort waren sie zunĂ€chst auch nicht zu sehen, doch etwa 200 Soldaten der Nationalgarde aus Texas sowie 300 Soldaten der Nationalgarde aus Illinois befinden sich nach MilitĂ€rangaben bereits im Großraum Chicago. Die Nationalgardisten aus Illinois wurden gegen den Willen des dortigen Gouverneurs, JB Pritzker, unter Bundeskontrolle gestellt, was eine massive Eskalation markiert. Vor Trump hatte seit 1965 kein US-PrĂ€sident mehr die Nationalgarde eines Bundesstaats gegen dessen erklĂ€rten Willen ĂŒbernommen.

In den USA haben im Normalfall die Bundesstaaten die Kontrolle ĂŒber die Nationalgarde, die eine militĂ€rische Reserveeinheit und Teil der US-StreitkrĂ€fte ist. Sie kann etwa bei Naturkatastrophen, Unruhen oder NotfĂ€llen im Inneren eingesetzt werden. In Kriegszeiten oder bei nationalen NotfĂ€llen kann der US-PrĂ€sident aber das Kommando ĂŒbernehmen.

Stimmung in Chicago kocht hoch

Chicago könnte zu einem Symbol fĂŒr den Widerstand gegen Trump werden. Stadtspitze und Bundesstaat wehren sich seit Wochen vehement gegen dessen Vorgehen. Dort kocht die Stimmung immer weiter hoch. Der BĂŒrgermeister von Chicago, Brandon Johnson, reagierte am Mittwoch auf eine verbale Attacke Trumps. Dieser hatte auf seiner Plattform Truth Social erklĂ€rt, Johnson und Pritzker, sollten "im GefĂ€ngnis sitzen", weil sie Beamte der Einwanderungsbehörde ICE "nicht schĂŒtzen" wĂŒrden.

Johnson nannte Trump beim Sender CNN einen "instabilen, unberechenbaren Menschen", der eine Bedrohung fĂŒr die Demokratie darstelle. "Es ist sicherlich nicht das erste Mal, dass Donald Trump ungerechtfertigt die Verhaftung eines schwarzen Mannes fordert", sagte der Demokrat. "Ich gehe nirgendwo hin. Ich werde als BĂŒrgermeister dieser großartigen Stadt standhaft bleiben."

Streit ĂŒber Machtbefugnisse

Die Trump-Regierung sagt, die Soldaten sollten Bundeseigentum und Bundesbeamte, etwa von der Einwanderungsbehörde ICE, gegen angeblich gewalttĂ€tige Demonstranten schĂŒtzen. Sie argumentiert außerdem, in Chicago und anderen von Demokraten regierten StĂ€dten sei die KriminalitĂ€t völlig außer Kontrolle, weshalb von Bundesebene "Stadt fĂŒr Stadt" eingegriffen werden mĂŒsse.

Pritzker spricht hingegen von "Trumps Invasion". Er und andere werfen dem PrÀsidenten vor, weitgehend friedliche Proteste gegen die Regierung absichtlich eskalieren zu wollen, um den Einsatz des MilitÀrs im Inneren schrittweise zu normalisieren und damit gegen politische Gegner vorzugehen.

Bereits vor Monaten hatte Trump in einem ersten umstrittenen Einsatz Soldaten nach Los Angeles geschickt mit dem erklĂ€rten Ziel, Proteste gegen ICE-Razzien zurĂŒckzudrĂ€ngen. Schon diesen Einsatz sahen Kritiker als Vorboten einer grĂ¶ĂŸer angelegten SelbstermĂ€chtigung der Regierung. Vor einigen Wochen veranlasste der US-PrĂ€sident dann einen Einsatz der Nationalgarde in der US-Hauptstadt Washington, der er ebenfalls ein ausuferndes KriminalitĂ€tsproblem attestierte - ohne dass Statistiken das in dieser Form belegen wĂŒrden.

Kritik an Einwanderungsbehörde ICE

In Chicago und anderen US-StĂ€dten gibt es auch heftige Kritik am Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE, das viele Menschen in betroffenen Gegenden schockiert. Videoaufnahmen zeigen, wie ICE-Beamte bei Razzien teils vermummt auftreten, Migranten festnehmen und sie in unmarkierten Fahrzeugen abtransportieren. Dabei ist unklar, ob es sich bei den Festgenommenen um Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus handelt - oder um gefĂ€hrliche Kriminelle, wie die Trump-Regierung es darstellt. Es gibt auch Berichte, dass bei ICE-Razzien schon US-StaatsbĂŒrger festgenommen wurden.

In der Millionenmetropole Chicago protestieren seit Wochen Menschen gegen Razzien von ICE. "Kein Trump, kein ICE, keine Soldaten", schallten am Mittwochabend Sprechchöre durch die Innenstadt - auf Spanisch riefe Demonstranten zudem: "Raus mit ICE".

@ dpa.de