Produktion/Absatz, Zusammenfassung

Start im Mini-Format: 1&1 gibt sein Handynetz frei

08.12.2023 - 06:35:02

Nach einer deutlichen Verzögerung beim Ausbau steht das vierte deutsche Handynetz nun endlich in den Startlöchern.

Der zu United Internet DE0005089031 gehörende Telekommunikationsanbieter 1&1 DE0005545503 will seine mobilen Dienste bei einer Feier in Montabaur am Freitagnachmittag offiziell in Betrieb nehmen, Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) wird als Gast erwartet. Das Netz existiert zunĂ€chst nur im Mini-Format: Ende September waren 60 Antennenstandorte bereit fĂŒr die Handyverbindungen, Anfang 2024 sollen 200 aktiviert sein. Gefunkt wird in StĂ€dten wie Montabaur, DĂŒsseldorf und Frankfurt. Zum Vergleich: O2 hat bundesweit mehr als 28 000 Standorte - 1&1 hat also noch eine weite Wegstrecke vor sich.

Bisher gibt es hierzulande Handynetze der Deutschen Telekom, von Vodafone GB00BH4HKS39 und von TelefĂłnica Deutschland (O2) DE000A1J5RX9 . Überall dort, wo 1&1 keine Antennen hat - also in den allermeisten Gegenden Deutschlands - werden Neukunden mit dem O2-Netz verbunden. Die Bestandskunden wiederum bekommen ohnehin O2-Netz, da die Firma bisher nur als virtueller Handynetzbetreiber tĂ€tig war. FĂŒr das eigene GeschĂ€ft wurden also KapazitĂ€ten der Konkurrenz angemietet, vor allem von O2.

Milliardenschwere Auktionsteilnahme

2019 entschied sich Firmenchef Ralph Dommermuth fĂŒr ein eigenes Netz, um den drei etablierten Handynetzbetreibern Deutsche Telekom DE0005557508, Vodafone und TelefĂłnica Deutschland (O2) auf Augenhöhe begegnen zu können. Damals ersteigerte 1&1 erstmals Frequenznutzungsrechte fĂŒr rund 1,1 Milliarden Euro. Dazu kommen Ausbaukosten - alles in allem plant 1&1 bis 2030 mit fĂŒnf Milliarden Euro fĂŒr das Netzvorhaben.

Wer schon jetzt 1&1-Kunde ist, fĂŒr den Ă€ndert sich zunĂ€chst nichts. Denn mit dem Netzstart haben zwar Neukunden Zugriff auf die Antennen, der Bestand an den rund 12 Millionen Vertragskunden wird hingegen erst schrittweise bis Ende 2025 auf das neue Netz umgebucht. Im Sommer oder Herbst 2024 greift zudem ein Vodafone-Vertrag zum National Roaming, also zur Funkverbindung abseits der 1&1-Standorte. Das heißt, vereinfacht gesagt: Wo heute 1&1 drauf steht, ist viel O2 drin. Und kĂŒnftig wird viel Vodafone drin sein.

1&1 setzt auf ein offenes Funkzugangsnetz (Open Ran). Diesem Konzept wird auch von der Konkurrenz großes Potenzial beigemessen: Im Gegensatz zu den von der Branche bisher genutzten geschlossenen Systemen, die an einzelne Hersteller gebunden sind, sind beim Open Ran Standards und Schnittstellen offen. Dadurch können Komponenten unterschiedlicher Firmen genutzt werden. Das innovative Netz soll eine sehr geringe Reaktionszeit (Latenz) haben.

Positive Folgen fĂŒr Verbraucher erwartet

Verkehrsminister Wissing wertet den Handynetz-Start von 1&1 positiv. "FĂŒr die Verbraucher und Unternehmen ist der Markteintritt eines vierten Netzbetreibers eine sehr gute Nachricht", sagt er. "Das bedeutet: mehr Auswahl, steigende NetzqualitĂ€t und attraktive Preise." Er erwarte, dass der Ausbau der Mobilfunknetze einen zusĂ€tzlichen Schub erhalte.

Auch der Daumen von VerbraucherschĂŒtzern zeigt nach oben. "Die bestehenden Netze der drei Anbieter werden zwar stetig verbessert und leistungsfĂ€higer, trotzdem sehen sich Verbraucherinnen und Verbraucher weiterhin Funklöchern und neuerdings auch leicht steigenden Preisen einiger Anbieter ausgesetzt", sagt Felix Flosbach von der Verbraucherzentrale NRW. "Der Start eines weiteren Netzes kann hier zu neuem Wettbewerb in einem etablierten Markt fĂŒhren, der in besseren Netzen und gĂŒnstigeren Preisen fĂŒr die Verbraucherinnen und Verbraucher mĂŒnden kann."

Jens-Uwe Theumer vom Vergleichsportal Verivox sagt, dass der vierte Netzbetreiber frischen Wind und mehr Wettbewerb in den Markt bringen werde. In Deutschland gab es lange Zeit vier Handynetze, 2014 fusionierten aber O2 und E-Plus. Nun steigt die Zahl der Handynetze wieder auf vier. "Fast zehn Jahre lang gab es drei etwa gleich große Anbieter, die kein Interesse an großen Verwerfungen hatten", sagt Branchenexperte Theumer. "1&1 bricht das jetzt auf." Der Markt werde dynamischer werden, mit mehr Wahlmöglichkeiten fĂŒr Verbraucher. "Dies ist dringend zu wĂŒnschen: Derzeit ist Deutschland mit einem durchschnittlichen Gigabyte-Preis von 2,50 Euro der drittteuerste Anbieter fĂŒr mobiles Internet in Europa."

Ausbau verlief bisher schleppend

Der Netzausbau war bisher keine Erfolgsgeschichte fĂŒr 1&1. Laut einer staatlichen Vorschrift hĂ€tte die Firma Ende 2022 1000 5G-Standorte aktiviert haben mĂŒssen, es waren aber nur fĂŒnf. Das begrĂŒndete 1&1 mit Lieferschwierigkeiten von Ausbaupartnern. Wegen der Verzögerung droht der Firma ein Bußgeld durch die Bundesnetzagentur.

Um einer anderen Vorschrift GenĂŒge zu tun, hatte 1&1 vor knapp einem Jahr seine wenigen Antennen fĂŒr ein Festnetz-Ersatzprodukt in Betrieb genommen: Haushalte in der NĂ€he der Standorte konnten Mobilfunk bekommen und brauchten daher keinen Festnetz-Vertrag. Wer mit seinem Smartphone an den Antennen vorbeilief, wurde aber nicht verbunden. Der Handynetz-Start wurde zunĂ€chst fĂŒr das Sommerquartal 2023 geplant, dann aber verschoben. Nun ist es so weit.

Blick nach vorn

Nach den Schwierigkeiten soll der Ausbau im kommenden Jahr Fahrt aufnehmen. Laut Auflagen der Bundesnetzagentur mĂŒssen die Antennen des Unternehmens bis Ende 2025 mindestens 25 Prozent der deutschen Haushalte erreichen und bis Ende 2030 mindestens 50 Prozent. Die restlichen Haushalte sollen mit Roaming Netz bekommen.

Enorm wichtig ist zudem die Frage, ob im nĂ€chsten Jahr eine weitere Mobilfunk-Auktion stattfindet. Denn bisher nutzt die Firma nur Frequenzblöcke in zwei FunkbĂ€ndern, fĂŒr ein optimales flĂ€chendeckendes Netz sind aber weitere Blöcke in anderen BĂ€ndern nötig. Daher will 1&1 nachkaufen. Nach vorlĂ€ufigen PlĂ€nen der Bundesnetzagentur soll die Versteigerung aber ausfallen und bisherige Nutzungsrechte sollen verlĂ€ngert werden - dann bliebe 1&1 hierbei außen vor und den bisherigen Platzhirschen Telekom, Vodafone und 1&1 wĂŒrde der RĂŒcken gestĂ€rkt. In Montabaur werden diese BehördenplĂ€ne sehr kritisch gesehen.

@ dpa.de | DE0005089031 PRODUKTION/ABSATZ