AUSBLICK 2024: Dax muss auf Rekordniveau Vorschusslorbeeren rechtfertigen
20.12.2023 - 10:13:49Leitzinssenkungen dĂŒrften 2024 ausgemachte Sache sein, doch offen bleibt, wann diese tatsĂ€chlich kommen und wie viele es geben wird. Der deutsche Leitindex Dax DE0008469008 und das Eurozonen-Leitbarometer EuroStoxx 50 EU0009658145 mĂŒssen daher ihr hohes Niveau erst einmal rechtfertigen.
Experten sind sich jedoch ĂŒberwiegend einig, dass an den Börsen auch 2024 weitere Kursgewinne drin sind. "Trotz der sehr starken Aktienentwicklung in den letzten Wochen sind wir auch fĂŒr das Gesamt-Aktienjahr 2024 positiv eingestellt", blickt etwa Analyst Frank Wohlgemuth von der National-Bank optimistisch voraus.
Grundlegende Treiber sind fĂŒr Wohlgemuth wohl wieder eine expansivere Geldpolitik der US-Notenbank Fed und der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB). "Es hat sich in der Historie deutlich gezeigt: Die LiquiditĂ€tsversorgung der Wirtschaft und der KapitalmĂ€rkte seitens der Zentralbanken ist die zentrale Messlatte fĂŒr die Performance an den AktienmĂ€rkten - oftmals noch vor den Unternehmenszahlen", erklĂ€rt Wohlgemuth. Unter diesen UmstĂ€nden stĂŒnden "die Ampeln fĂŒr das Aktienjahr 2024 eindeutig auf GrĂŒn".
Allerdings muss der Dax das Jahresplus, das in einer Jahresendrally auf zuletzt rund ein FĂŒnftel angewachsen ist, zunĂ€chst behaupten. 2023 war ein sehr gutes Börsenjahr, denn ZuwĂ€chse im 20-Prozent-Bereich gab es seit 2014 nur einmal. WĂ€hrend der deutsche Leitindex mit einem kurzzeitigen Sprung ĂŒber die Marke von 17 000 Punkten Rekordniveau erreicht hat, bleiben Unsicherheiten vor allem mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung.
Wann die Zinsen wieder sinken, hĂ€ngt neben der Inflation vor allem von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. FĂŒr 2024 erhoffen sich Experten in Deutschland ein zumindest kleines Wirtschaftswachstum. Die Deutsche Bank rechnet mit einem Ăbergangsjahr, in dem die Wirtschaft ihr neues Gleichgewicht suche. Die Ăkonomen des Bankhauses gehen davon aus, dass eine mögliche, zwischenzeitliche Rezession milde verlĂ€uft und schnell vorĂŒbergeht.
"Bis zur Jahresmitte dĂŒrfte das Wachstum wieder positiv sein und die Inflation dĂŒrfte schneller als von der EuropĂ€ischen Zentralbank erwartet auf den Zielwert sinken", heiĂt es im Ausblick der Deutschen Bank. Im November hatte sich die Inflation in der Eurozone deutlich auf 2,4 Prozent abgeschwĂ€cht, der Zielwert liegt bei zwei Prozent.
Investmentchef Jan Viebig von der Bank Oddo BHF warnte aber davor, dass Marktteilnehmer "gerne von einem Extrem ins andere fallen". Zinssenkungen um 1,25 Prozentpunkte in den USA und 1,5 Prozentpunkte im Euroraum, die zuletzt am Markt bereits eingepreist wurden, hĂ€lt er fĂŒr etwas zu aggressiv angesichts immer noch recht hoher Kern-Inflationsraten, die schwankende Preise fĂŒr Nahrungsmittel und Energie auĂen vor lassen. Zuletzt hatte die EZB so manch einem zu optimistischen Investor einen Denkzettel verpasst: Anders als die US-Notenbank Fed gaben die EuropĂ€er noch nicht offen zu, ĂŒber Zinssenkungen zu diskutieren.
Viebig glaubt an "ausgewogene Chancen und Risiken bei Aktien" und rÀt Anlegern, selektiv vorzugehen und auch Anleihen wegen verbesserter Renditen beizumischen. Der Experte bevorzugt etwa QualitÀtstitel aus den Sektoren Technologie, Gesundheit und Luxus. Chef-Anlagestratege Ulrich Stephan von der Deutschen Bank prÀferiert hingegen Industriewerte, zyklische Konsumaktien und Finanzwerte.
Charttechnisch stehen dem Dax auf seinem Rekordniveau keine WiderstĂ€nde im Weg. Der lĂ€ngerfristige AufwĂ€rtstrend-Kanal und Projektionen lassen durchaus Luft bis gut 19 000 Punkte erwarten. Allerdings gibt es entsprechende Risiken. Die Kanaluntergrenze liegt aktuell bei etwa 14 200 ZĂ€hlern, Tendenz steigend. ZuwĂ€chse im GröĂenbereich von nochmals mehr als 20 Prozent erscheinen also schwierig. Seit der Jahrtausendwende hat der Dax es nur selten geschafft, in aufeinander folgenden Jahren eine solch krĂ€ftige Dynamik zu zeigen.
Prognosen lassen fĂŒr den Dax eher Steigerungen im einstelligen Prozentbereich erwarten. Die DZ Bank und die Landesbank Helaba sehen den deutschen Leitindex in einem Jahr jeweils bei 17 500 Punkten, was auf dem Stand kurz vor Weihnachten ein eher mĂ€Ăiges Plus von 4,3 Prozent impliziert. An den EuroStoxx gehen die DZ-Experten mit einem Ziel von 4800 Punkten etwas zuversichtlicher heran. Dies entsprĂ€che einer Steigerung um 5,7 Prozent.
Geopolitischen Spannungen wie den Kriegen in Gaza und der Ukraine messen Börsianer fĂŒr die Kursentwicklung in den kommenden Monaten keine auĂergewöhnlich groĂe Bedeutung zu - zumindest auf Basis der aktuellen Entwicklungen. Laut dem National-Bank-Experten Wohlgemuth sorgen diese meist nur in ersten Reaktionen fĂŒr Kurs-AusschlĂ€ge, da sie zunĂ€chst ĂŒberschĂ€tzt wĂŒrden. "Die KapitalmĂ€rkte reagieren im Regelfall diesbezĂŒglich nur auf unmittelbare Katastrophennachrichten, im weiteren Verlauf spielen solche Anspannungen nur eine untergeordnete Rolle", sagt der Experte.
Ein politisches GroĂereignis, welches spĂ€ter im Jahr an den KapitalmĂ€rkten eine Rolle spielen dĂŒrfte, ist im November die PrĂ€sidentenwahl in den USA - mit zurzeit völlig ungewissem Ausgang. Eine RĂŒckkehr von Donald Trump ins WeiĂe Haus wĂŒrde sicherlich nicht nur an den KapitalmĂ€rkten, aber auch da zu einer deutlich höheren NervositĂ€t fĂŒhren, erklĂ€rt Wohlgemuth. Beim Trump-Wahlsieg im Jahr 2016 waren die Irritationen dies- wie jenseits des Atlantiks aber nur kurzlebig: Danach hatte der Dax binnen zwölf Monaten um mehr als 3000 Punkte zugelegt./tih/ajx/mis/stk
--- Von Timo Hausdorf, dpa-AFX ---

