Was die SPD bei der Erbschaftsteuer plant
13.01.2026 - 17:56:28 | dpa.de14.)
BERLIN (dpa-AFX) - Jedes Jahr werden in Deutschland Vermögen von Hunderten Milliarden vererbt oder verschenkt. Die Steuern darauf haben Rekordhöhe erreicht - doch das System gilt politisch flĂŒgelĂŒbergreifend als reformbedĂŒrftig. Denn wer richtig viel erbt, zahlt hĂ€ufig gar nichts. Es sei höchste Zeit, "Fragen von Ungleichheit, von Ungerechtigkeit" anzugehen, findet SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil.
Nun prescht seine Bundestagsfraktion mit einem Konzept vor - und die Union winkt umgehend ab. Die SPD gibt sich kĂ€mpferisch: Das Konzept sei darauf angelegt, möglichst viel davon umgesetzt zu bekommen, meint Fraktionsvize Wiebke Esdar. EinwĂ€nde lĂ€sst Esdar nicht gelten. Auch nicht, dass ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts Schwarz-Rot ohnehin bereits in wenigen Monaten zu einer Neuregelung zwingen könnte. Die heute bestehende Steuerungerechtigkeit "ist fĂŒr uns nicht weiter hinnehmbar", so Esdar.
Wer zahlt bisher Erbschaftsteuer - und wie viel?
200 bis 400 Milliarden Euro wechseln nach SchĂ€tzungen jedes Jahr durch Erbschaften und Schenkungen den Besitzer. DafĂŒr kassierte der Staat, in dem Fall die LĂ€nder, vergangenes Jahr Erbschaft- und Schenkungsteuer in Höhe von 13,3 Milliarden - ein Rekord, aber fĂŒr Kritiker viel zu wenig. Steuerpflichtig ist jeder, der durch den Tod einer anderen Person Vermögen erhĂ€lt. Das kann Bargeld sein, aber auch ein Haus, eine Firma, Wertpapiere, Schmuck oder Unternehmensanteile. Mögliche Schulden des Gestorbenen werden abgezogen.
Vom Verwandtschaftsgrad und dem Wert des Erbes hÀngt ab, wie viel Erbschaftsteuer anfÀllt. Die SteuersÀtze liegen derzeit zwischen 7 und 50 Prozent. Kurz könnte man sagen: Je mehr man erbt und je entfernter man mit dem Gestorbenen verwandt ist, desto mehr Steuern muss man zahlen.
Muss man auf jedes Erbe Steuern zahlen?
Nein. Aktuell können sogar betrÀchtliche Summen ohne einen Cent Steuern vererbt werden. Die meisten Erbschaften und Schenkungen liegen laut Statistischem Bundesamt innerhalb von FreibetrÀgen. Ehepartner können bis zu 500.000 Euro, die eigenen Kinder bis zu 400.000 Euro steuerfrei erben.
Legal Steuern sparen kann man auch ĂŒber Schenkungen: Vermögen wird hier zu Lebzeiten ĂŒbertragen. Die FreibetrĂ€ge gelten alle zehn Jahre erneut: Wer frĂŒh anfĂ€ngt, kann also enorme Summen ĂŒbertragen, ohne den Staat zu beteiligen. Das Haus der Eltern kann man steuerfrei erben, wenn man fĂŒr mindestens zehn Jahre einzieht und die WohnflĂ€che 200 Quadratmeter nicht ĂŒbersteigt.
Was wird an dem System kritisiert?
Ausnahmen und Steuerbefreiungen. Beim Vererben von Betriebsvermögen will der Staat Betriebsaufgaben vermeiden, weil die neuen Besitzer die Steuer privat nicht zahlen können. Durch eine Regel zur Verschonung können Vermögen ab 26 Millionen Euro arm gerechnet werden - dann wird keine Steuer fĂ€llig. 463-mal wechselten in den vergangenen zehn Jahren Vermögen im Wert ab 100 Millionen Euro den Besitzer. In mehr als der HĂ€lfte der FĂ€lle wurden keine Steuern fĂ€llig. Dem Staat entgingen jĂ€hrlich Einnahmen von 8,8 Milliarden Euro. Wer ohnehin ein gut gefĂŒlltes Konto hat, erbt am hĂ€ufigsten und zugleich die höchsten BetrĂ€ge.
Was schlÀgt die SPD jetzt vor?
Sie will Erben groĂer Vermögen höher besteuern. Einen Steuersatz nennt sie noch nicht. FĂŒr die meisten Erben verspricht die SPD eine Steuersenkung: FĂŒr jeden Erben soll es einen sogenannten Lebensfreibetrag von rund einer Million Euro geben. Der Freibetrag soll aus 900.000 Euro bestehen, die innerhalb der Familie steuerfrei vererbt werden können. Weitere 100.000 Euro sollen bei Schenkungen und Vererbungen von anderen Personen steuerfrei dazukommen.
FĂŒr Unternehmen soll es einen neuen Freibetrag von fĂŒnf Millionen Euro geben. Darunter liegende kleine und viele mittlere Unternehmen sollen steuerfrei ĂŒbertragen werden können. Vermögenswerte ĂŒber fĂŒnf Millionen sollen ab diesem Betrag progressiv besteuert werden. FĂŒr Unternehmen mit ArbeitsplĂ€tze-Garantie sollen die Steuerzahlung auf bis zu 20 Jahre gestreckt werden können. Zehn-Jahres- und Verschonungsregeln fielen weg. Erwartete Milliarden-Mehreinnahmen der LĂ€nder sollen in die Bildung flieĂen.
MĂŒsste man damit auf das Elternhaus Erbschaftsteuer zahlen?
Nein. "Die Vererbung vom Wohnhaus oder dem GrundstĂŒck der GroĂeltern wird in den allermeisten FĂ€llen komplett steuerfrei möglich sein", so die SPD. Das sei "ein groĂer Fortschritt gegenĂŒber dem Status quo". Es bleibe dabei, dass das selbstbewohnte Heim der Eltern weiterhin steuerfrei vererbt werden könne.
Was sind die Argumente der Union?
"FĂŒr die CSU ist das ein No-Go", sagte CSU-Chef Markus Söder dem Nachrichtenportal "The Pioneer". "Eine solche Steuerreform ist eine Einladung zur Auswanderung. Ganz einfach", legte er spĂ€ter nach der CSU-Klausur im Kloster Banz nach. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann warnt vor "Vermögenszerschlagung". Der Parlamentarische UnionsgeschĂ€ftsfĂŒhrer Steffen Bilger (CDU) sagt: "FĂŒr uns ist ganz klar: keine Steuererhöhungen."
Unionsfraktionsvize Mathias Middelberg betont: "Nach vier Jahren wirtschaftlichem Stillstand sind nicht Steuererhöhungen, sondern Steuersenkungen dringend notwendig." FĂ€llige Korrekturen mĂŒssen aus Unionssicht vorsichtiger ausfallen. Söder schlĂ€gt vor, die Steuer gleich in die HĂ€nde der LĂ€nder zu legen.
Was sagen Wirtschaft und Opposition?
Bedroht sehen sich Handwerk und Familienunternehmen. "Finger weg vom Betriebsvermögen", warnt HandwerksprĂ€sident Jörg Dittrich. Der FĂŒnf-Millionen-Freibetrag sei "schnell erreicht, wenn man beispielsweise BetriebsgrundstĂŒcke oder Maschinen betrachtet". Laut DIHK-Chefanalyst Volker Treier wĂŒrden in den meisten FĂ€llen erhebliche Steuerzahlungen fĂ€llig. Die SPD drohe, "den Unternehmen weitere LiquiditĂ€t zu entziehen und Nachfolgen zu erschweren", warnt Marie-Christine Ostermann, PrĂ€sidentin des Verbands Die Familienunternehmer.
Es gibt aber auch andere Stimmen. Die PrÀsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, lobt das Konzept als "wichtige Chance, die Erbschaftsteuer gerechter zu gestalten". Stefan Körzell vom DGB-Vorstand wirft Kritikern Panikmache vor, AWO-PrÀsident Michael Groà reflexhafte Empörung.
"Warum nennt die SPD keine konkreten SteuersĂ€tze?", fragt der Chef der Linken, Jan van Aken. Die Richtung stimme - das Konzept bleibe nebulös. "Wie viel Geld bei der SPD am Ende rumkommt, bleibt völlig unklar - wegen des geplanten hohen Freibetrags fĂŒr Unternehmen könnten es sogar weniger Einnahmen sein als bisher", sagte van Aken der Deutschen Presse-Agentur. Das entsprechende Linke-Konzept sehe sechs Prozent Eingangssteuersatz vor - der bei ĂŒber drei Millionen Euro auf 60 Prozent ansteigen solle.
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