Merz will Ukraine-Waffenstillstand mit absichern
06.01.2026 - 21:04:44(neu: Details)
PARIS (dpa-AFX) - Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat eine militĂ€rische Beteiligung Deutschlands an der Absicherung eines möglichen Waffenstillstands in der Ukraine in Aussicht gestellt. "Dazu kann zum Beispiel gehören, dass wir nach einem Waffenstillstand KrĂ€fte fĂŒr die Ukraine auf benachbartem Nato-Gebiet einmelden", sagte er nach einem Treffen der in der sogenannten "Koalition der Willigen" vereinten VerbĂŒndeten der Ukraine in Paris.
"Ăber Art und Umfang eines deutschen Beitrags mĂŒssen und werden Bundesregierung und Deutscher Bundestag entscheiden, sobald die genannten Bedingungen geklĂ€rt sind", sagte der CDU-Vorsitzende. "Ich will fĂŒr mich sagen und auch fĂŒr die Bundesregierung: Wir schlieĂen dabei grundsĂ€tzlich nichts aus." Das bedeutet, dass auch eine Stationierung von Bundeswehrsoldaten in der Ukraine selbst nicht ausgeschlossen ist.
Frankreich und GroĂbritannien treibende KrĂ€fte
Bereits seit Monaten wird unter den VerbĂŒndeten darĂŒber diskutiert, wie ein möglicher Waffenstillstand oder Frieden abgesichert und die Ukraine vor neuen Angriffen Russlands geschĂŒtzt werden kann. Frankreich und GroĂbritannien waren dabei bisher die treibenden KrĂ€fte und erklĂ€rten sich zum Entsenden eigener Truppen bereit. Deutschland hat dagegen die Position eingenommen, dass sich die Frage erst stelle, wenn die Bedingungen eines Waffenstillstands geklĂ€rt seien.
Jetzt Ă€ndert Merz diesen Kurs. Er erklĂ€rt seine grundsĂ€tzliche Bereitschaft zu einer militĂ€rischen Beteiligung Deutschlands. Wie viele deutsche Soldaten sich beteiligen und welche Aufgaben sie ĂŒbernehmen wĂŒrden, bleibt aber zunĂ€chst offen. Neben Merz stellte auch Spaniens Regierungschef Pedro SĂĄnchez bei dem Pariser Gipfel erstmals das Entsenden von Truppen in Aussicht. Die spanische Regierung werde vorschlagen, die TĂŒr fĂŒr eine Beteiligung militĂ€rischer KapazitĂ€ten in der Ukraine zu öffnen, sagte SĂĄnchez in Paris.
Verbindliche Sicherheitsgarantien mit MilitÀrhilfe
Die westlichen UnterstĂŒtzer stellten der Ukraine in einer gemeinsamen ErklĂ€rung bei dem Pariser Gipfel erstmals verbindliche Sicherheitsgarantien in Aussicht, was ein starkes Signal und Engagement ist. "Wir sind bereit, uns zu einem System politisch und rechtlich verbindlicher Garantien zu verpflichten, das in Kraft tritt, sobald eine Waffenruhe in Kraft tritt", teilte EU-RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa nach den Beratungen mit.
Ein zentraler Punkt dabei ist der Plan, der Ukraine politisch und rechtlich verbindlich zuzusichern, sie im Fall eines erneuten russischen Angriffs nicht allein zu lassen. "Diese Verpflichtungen können den Einsatz militĂ€rischer KapazitĂ€ten umfassen", hieĂ es ausdrĂŒcklich in der gemeinsamen ErklĂ€rung. Die USA sicherten der Koalition bei dem Pariser Gipfel ihre UnterstĂŒtzung zu und werden laut der AbschlusserklĂ€rung bei der Ăberwachung eines Friedensabkommens eine SchlĂŒsselrolle einnehmen.
An den Beratungen in Paris waren Vertreter aus 35 LĂ€ndern beteiligt, darunter 27 Staats- und Regierungschefs. Auch der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj und Nato-Chef Mark Rutte nahmen an dem Gipfel teil. FĂŒr die USA waren der US-Sondergesandte Steve Witkoff und Jared Kushner, Schwiegersohn von US-PrĂ€sident Donald Trump, dabei.
Multinationale Truppe nimmt Form an
Bei den GesprĂ€chen der von Frankreich und GroĂbritannien angefĂŒhrten Koalition ging es auch um die geplante multinationale Truppe zur Absicherung eines Friedens zwischen Russland und der Ukraine. Wie es in der gemeinsamen ErklĂ€rung hieĂ, soll diese Truppe unter europĂ€ischer FĂŒhrung stehen und eine Kommandozentrale in Paris erhalten. Die USA wollen diese Truppe demnach etwa mit ihrem Nachrichtendienst und logistisch unterstĂŒtzen.
Nach einem Waffenstillstand wollten GroĂbritannien und Frankreich MilitĂ€rstĂŒtzpunkte in der Ukraine aufbauen und geschĂŒtzte Anlagen fĂŒr Waffen und militĂ€rische AusrĂŒstung bauen, sagte der britische Premierminister Keir Starmer. Frankreich könne mehrere tausend Soldaten fĂŒr eine Friedenssicherung in Richtung Ukraine entsenden, sagte PrĂ€sident Emmanuel Macron nach dem Gipfel dem Sender France 2.
Worauf hat sich die Koalition bereits verstÀndigt?
26 westliche LĂ€nder hatten sich im September bereit erklĂ€rt, Truppen zur Absicherung eines Waffenstillstands oder Friedens zwischen Russland und der Ukraine zu entsenden. Dabei geht es um Bodentruppen oder KrĂ€fte in der Luft oder auf See, die nicht unbedingt in der Ukraine selbst, sondern auch in GrenznĂ€he beziehungsweise der Region zum Einsatz kommen können. Der Truppeneinsatz soll jede neue gröĂere Aggression verhindern und zur dauerhaften Sicherheit der Ukraine beitragen. Frankreich hatte mehrfach klargestellt, dass es nicht um einen Fronteinsatz, sondern eine Friedenswahrung von weiter weg gehe.
Auch nach den Pariser Beratungen blieb unklar, was die USA konkret zur Wahrung eines Friedens in der Ukraine beisteuern wollen. Zuvor hatte es von einem hochrangigen US-Beamten geheiĂen, dass kein Einsatz von US-Bodentruppen geplant sei. US-PrĂ€sident Donald Trump hatte vor Monaten noch versprochen, dass es keinen Einsatz von US-Truppen in der Ukraine geben werde. Die Vereinigten Staaten seien aber bereit, die verbĂŒndeten EuropĂ€er zu unterstĂŒtzen - etwa aus der Luft.
Der US-Sondergesandte Steve Wittkoff sagte nach dem Treffen nur, Trump wolle fĂŒr die von der US-Seite in Aussicht gestellten Sicherheitsgarantien einstehen. "Der PrĂ€sident weicht nicht von seinen Zusagen ab", sagte Wittkoff. Trump setze sich "entschieden" fĂŒr die Ukraine und ein Friedensabkommen ein. Witkoff zeigte sich zuversichtlich, dass die USA im Falle neuer Angriffe Russlands die Sicherheitsgarantien leisten wĂŒrden.
AuĂerdem ist weiterhin offen, welche LĂ€nder sich konkret mit wie vielen Soldaten und MilitĂ€rgerĂ€t an der in Paris nun vereinbarten Friedenstruppe beteiligen wollen.
Wie blickt Moskau auf die "Koalition der Willigen"?
Russland lehnt eine mögliche PrĂ€senz auslĂ€ndischer Truppen in der Ukraine - zumal aus Nato-Staaten - strikt ab. Solche Einheiten seien fĂŒr die russische Armee ein legitimes Angriffsziel, heiĂt es.
Aus Moskauer Sicht ist die "Koalition der Willigen" ein europĂ€isches Projekt und wird deshalb abgelehnt. Kremlchef Wladimir Putin und seine FĂŒhrung setzen darauf, Konfliktfragen bilateral mit Trump zu lösen. Den europĂ€ischen Staaten wirft der Kreml vor, sie wollten den Krieg verlĂ€ngern und seien Russland feindlich gesonnen - auch wenn dieses sie gar nicht angreifen wolle.

