Börse Frankfurt-News: Normaler, aber lÀngst nicht langweilig (Anleihen 2024)
27.12.2024 - 14:04:31Staatsanleihen kamen gut an, ebenfalls viele Unternehmensanleihen. Solange die BonitÀt stimmte.
27. Dezember 2024. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Sinkende Inflation, sinkende Leitzinsen - das Jahr 2024 stand im Zeichen der Normalisierung nach der extremen Inflation und den starken Leitzinserhöhungen der Vorjahre. Zudem sind die Anleihekaufprogramme der Notenbanken beendet. "Risiken werden wieder richtig bewertet", erklÀrt Arthur Brunner von der ICF Bank. Normalisiert hat sich auch die Zinsstrukturkurve und ist nicht mehr invers. Die langfristigen Zinsen liegen also endlich wieder höher als die kurzfristigen.
"Das Thema Inflation hat den Markt bestimmt wie selten", bemerkt Gregor Daniel, der fĂŒr die Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank Anleihen handelt. Der deutliche InflationsrĂŒckgang ermöglichte es den Zentralbanken, die Leitzinsen wieder zu senken. Das Niedrig- oder Nullzinsumfeld wie vor der Corona-Pandemie ist aber nicht zurĂŒck - es gibt weiter Zinsen.
"Das Credo, dass Aktien quasi alternativlos sind, stimmt nicht, Anleihen sind eine Alternative", bemerkt Tim Oechsner von der Steubing AG. Gefragt gewesen seien 2024 vor allem Anleihen bekannter Unternehmen, meist mit Laufzeiten von zwei bis fĂŒnf Jahren - oder ganz langen. Auch die kleine StĂŒckelung von 1.000 oder 2.000 Euro sei wichtig. "Die Zinskupons mĂŒssen aber interessant, die BonitĂ€t muss gut und das GeschĂ€ftsmodelle intakt sein."
Steigende Inflationserwartungen fĂŒr die USA
Die EZB hat den Zinssatz fĂŒr das HauptrefinanzierungsgeschĂ€ft dieses Jahr in vier Schritten von 4,25 auf 3,15 Prozent reduziert, die US-Notenbank den Leitzins in drei Schritten, und zwar von 5,5 auf 4,5 Prozent. Die geldpolitischen Entscheidungen wirkten sich allerdings vor allem auf die kĂŒrzeren Laufzeiten aus, die im Jahresverlauf sinkende ZinssĂ€tze verzeichneten. FĂŒr zehnjĂ€hrige Bundesanleihen und auch US-Treasuries ergab sich in diesem Jahr unter dem Strich hingegen sogar ein Anstieg. Die Rendite fĂŒr zehnjĂ€hrige Bundesanleihen stieg von 2,14 auf aktuell 2,4 Prozent, bei Schwankungen zwischen 1,93 und 2,71 Prozent. Die Rendite zehnjĂ€hriger US-Treasuries erhöhte sich von 4,05 auf 4,62 Prozent, bei Schwankungen zwischen 3,60 und 4,74 Prozent. JĂŒngster Auslöser fĂŒr höhere Renditen: Sorgen, dass die Inflation unter US-PrĂ€sident Trump wieder steigen wird und die Leitzinsen nicht so stark sinken können.
Sorgenfrei war das Jahr ohnehin nicht, auch fĂŒr die Eurozone. Zweifel an der BonitĂ€t Frankreich kamen hoch. Aufgrund der Regierungskrise stieg der Spread gegenĂŒber zehnjĂ€hrigen Bundesanleihen auf das höchste Niveau seit der Finanzkrise. Mittlerweile hat sich die Lage etwas beruhigt. "Die AufschlĂ€ge sind im historischen Bereich aber immer noch sehr hoch", stellt Brunner fest.
Staatsanleihen: Argentinien als "Höhenflieger 2024"
Staats- und staatsnahe Anleihen blieben sehr gut nachgefragt, vor allem solche mit kurzen Laufzeiten. Dabei fungierten deutsche und US-amerikanische Anleihen immer wieder als "sicherer Hafen" in Zeiten eskalierender Krisen, etwa in der Ukraine oder Nahost. Meist gehandelte Anleihen an der Börse Frankfurt waren in diesem Jahr Bundesanleihen mit kurzen Laufzeiten, konkret bis 2024, 2025 oder 2026. Daneben standen Staatsanleihen Frankreichs und ?-sterreichs im Fokus, aber auch Bonds aus den USA, Irland oder den Niederlanden. Bei der Steubing AG verzeichneten Bonds des EuropÀischer StabilitÀtsmechanismus (EU000A1U9944), der European Financial Stability Facility (EU000A2SCAG3), der USA (US912810TV08) und Portugals (PTOTEKOE0011) das höchste Handelsaufkommen.
Neben US-Dollar waren auch andere FremdwĂ€hrungen gefragt. "FremdwĂ€hrungsanleihen - insbesondere in tĂŒrkischer Lira - sind in den letzten Wochen ?entdeckt? worden", berichtet Daniel. Ein Beispiel: Bonds der European Bank for Reconstruction and Development in tĂŒrkischen Lira mit Laufzeit bis 2036 (XS2795696108). Die Rendite liegt aktuell bei 34,5 Prozent. Die TĂŒrkei kĂ€mpft derzeit gegen die Inflation, durchaus mit Erfolg. Allerdings lag die Inflationsrate im November immer noch bei 47,1 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr.
"Absoluter Höhenflieger" am Staatsanleihenmarkt war Brunner zufolge allerdings Argentinien. Dank AusteritĂ€tskurs von PrĂ€sident Javier Milei ist das Vertrauen in die Staatsfinanzen des sĂŒdamerikanischen Staats enorm gestiegen. "Allein seit September ist der Risikoaufschlag fĂŒnfjĂ€hriger Argentinien-Anleihen gegenĂŒber US-Treasuries von 1.887 auf 661 Basispunkten geschrumpft", berichtet der HĂ€ndler. Die 2030 fĂ€llige Staatsanleihe, die vor Amtsantritt Mileis im Dezember 2023 noch unter 40 Prozent gehandelt wurde, notiert jetzt bei 77 Prozent (US040114HS26).
"Gute" Namen sind Renner
Im GeschÀft mit Unternehmensanleihen waren "gute" Namen beliebt, darunter zahlreiche DAX-Unternehmen. Die höchsten UmsÀtze im Gesamtjahr verzeichneten bei der Steubing AG Anleihen von Knorr-Bremse (XS1837288494), Mercedes-Benz (DE000A3LH6T7, DE000A2YNZX6), Porsche Automobil Holding (XS2615940215, XS2643320109), RCI Bank, VW, Grenke, Siemens, Deutsche Bank, Deutsche Telekom und Eon.
Allerdings machte die Krise in der Auto- und Immobilienbranche vor dem Anleihemarkt nicht halt: Immer wieder gerieten einzelne Bonds unter die RĂ€der, etwa von Autozulieferer Schlote Holding (DE000A2YN256). Auch die Anleihe des Eschborner Autozulieferers Standard Profil Automotive (XS2339015047) verlor deutlich. Betroffen war auch der Bond des Finanzinvestors fĂŒr Gewerbeimmobilien Publity, der jetzt nur noch bei 11 Prozent (DE000A254RV3) notiert. GegenĂŒber Anleiheemittent Preos Global Office wurde das Insolvenzverfahren eröffnet.
Auch in anderen Branchen geriet so manches Unternehmen ins Straucheln, etwa AgrarhĂ€ndler Baywa. Im Juli stĂŒrzte die Hybridanleihe (DE000A351PD9) nach ersten Meldungen um Probleme im Unternehmen von 95 auf unter 30 Prozent. Nach der ankĂŒndigten Sanierung sind es nun knapp 43 Prozent.
Mittelstandsanleihen: "Lage herausfordernd"
Ganz unterschiedlich entwickelten sich Mittelstandsanleihen. "FĂŒr den Mittelstand ist die Lage angesichts höherer Zinsen herausfordernd", meint Brunner. "Die letzten Quartalsberichte lagen in rund drei Viertel der FĂ€lle unter den Erwartungen." Einige Mittelstandsanleihen zeigen sich allerdings weiter sehr stabil und werden ĂŒber oder um 100 Prozent gehandelt, etwa Abo Energy, Deutsche Rohstoff, Hoermann Industries, Karlsberg Brauerei, Katjes International, Multitude, The Platform Group und Semper Idem.
Goldman und Grenke als Spitzenreiter
Im Bereich der Unternehmensanleihen wiesen an der Börse Frankfurt Anleihen von Goldman Sachs (XS2149207354), Grenke (XS2155486942), Wells Fargo (US949746SH57), VW (XS1865186677) sowie Mutares (NO0012530965) 2024 die höchsten UmsĂ€tze auf. Ebenfalls umsatzstark: Papiere von SĂŒdzucker, Mercedes Benz, Porsche, Lufthansa, BMW, Commerzbank, Siemens sowie Bayer und - in US-Dollar - Citigroup und John Deere. Bei den kleineren Adressen stechen Abo Energy, Semper Idem und Karlsberg heraus.
Viele Neuemissionen
Neuemissionen gab es 2024 zudem reichlich. Neues kam laut Gregor Daniel beispielsweise von groĂen deutschen Unternehmen wie MTU Aero Engines (XS2887896574), Deutsche Lufthansa (XS2892988275), Fraport (XS2832873355), Mercedes-Benz (DE000A3LSYG8, DE000A382962, DE000A382988) und Eon (XS2791960664), aber auch von auslĂ€ndischen wie RCI Banque (FR001400N3F1) und kleineren Adressen wie Semper idem Underberg (DE000A383FH4) und Karlsberg Brauerei (NO0013168005).
Von Anna-Maria Borse, 27. Dezember 2024, © Deutsche Börse
(FĂŒr den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die BeitrĂ€ge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

