RĂŒckkehr zum Zivildienst? Warum SozialverbĂ€nde nicht jubeln
Veröffentlicht am: 04.08.2026 um 14:56 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDas Familienministerium befragte nach eigenen Angaben vorsorglich 23 groĂe VerbĂ€nde, ob PlĂ€tze fĂŒr etwaige Wehrdienstverweigerer zur VerfĂŒgung stĂŒnden. Unionsfraktionschef Thorsten Frei bestĂ€tigte bei RTL/ntv, dass sich die Regierung auf "EventualitĂ€ten" vorbereitet. Doch SozialverbĂ€nde reagierten skeptisch.
So erklĂ€rte der ParitĂ€tische Gesamtverband auf eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, man trete fĂŒr eine StĂ€rkung der Freiwilligendienste ein. "Die mögliche WiedereinfĂŒhrung eines neuen Zivildienstes im Zuge einer Bedarfs-Wehrpflicht darf nicht zulasten der Freiwilligendienste gehen." Ăhnlich Ă€uĂerte sich der Sozialverband Deutschland. "Statt auf Zwang zu setzen, mĂŒssen freiwilliges Engagement und Ehrenamt gestĂ€rkt und der Bundesfreiwilligendienst sowie das Freiwillige Soziale Jahr verlĂ€sslich gefördert werden", sagte SoVD-Chefin Michaela Engelmeier der Funke Mediengruppe.
Ende des Zivildienstes 2011
Die Wehrpflicht in Deutschland war 2011 ausgesetzt worden - damit endete auch der zivile Ersatzdienst fĂŒr junge MĂ€nner, die aus GewissensgrĂŒnden den Dienst bei der Bundeswehr verweigerten. 2010 hatten noch rund 80.000 Wehrpflichtige als "Zivi" Dienst in sozialen Einrichtungen wie Pflegeheimen, Rettungsdiensten oder Jugendzentren abgeleistet. Ăber die Jahre der Wehrpflicht waren es nach offizieller Statistik insgesamt rund 2,7 Millionen. Als Ersatz wurde im Juli 2011 der sogenannte Bundesfreiwilligendienst mit jĂ€hrlich etwa 35.000 PlĂ€tzen gegrĂŒndet.
Ob und wie die Wehrpflicht wieder aktiviert werden könnte, ist offen. Seit Anfang dieses Jahres gilt zunĂ€chst eine verpflichtende Musterung fĂŒr junge MĂ€nner ab dem Jahrgang 2008, um Freiwillige fĂŒr den angekĂŒndigten Ausbau der Bundeswehr zu rekrutieren. Sollten die Ziele verfehlt werden, kann der Bundestag ĂŒber eine "Bedarfs-Wehrpflicht" entscheiden. Dann wĂŒrde auch wieder die Grundgesetz-Klausel greifen: "Wer aus GewissensgrĂŒnden den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden."
KĂŒnftige Bedingungen unklar
ZunĂ€chst hatte "Bild" ĂŒber die Vorkehrungen fĂŒr die mögliche RĂŒckkehr zum Zivildienst berichtet. Eine Sprecherin des Familienministeriums bestĂ€tigte dpa die Informationen. Demnach wurden bereits im Winter die VerbĂ€nde kontaktiert, die bis 2011 im Zivildienst oder spĂ€ter bei Freiwilligendiensten aktiv gewesen seien. Ihnen wurden "sehr grundsĂ€tzliche Fragen ĂŒbermittelt zur AbschĂ€tzung von Möglichkeiten, als Verband im Falle der Wiedereinsetzung einer allgemeinen Wehrpflicht WehrersatzdienstplĂ€tze anzubieten", teilte die Ministeriumssprecherin mit. 22 der 23 VerbĂ€nde hĂ€tten angegeben, grundsĂ€tzlich ein Angebot machen zu können.
"Solange wir keine allgemeine Wehrpflicht haben, gibt es auch ein keinen neuen Zivildienst", erklĂ€rte die Sprecherin. "Sollte die allgemeine Wehrpflicht allerdings wieder eingesetzt werden, muss die Basis fĂŒr einen modernen Zivildienst vorbereitet sein." Wie ein Wehrersatzdienst aussehen wĂŒrde, daran "arbeiten wir gerade mit dem Bundesgesellschaftsdienstegesetz". Die Zahl der Zivis werde davon abhĂ€ngig sein, "ob, wann und in welchem Umfang die Wehrpflicht nach § 2a Wehrpflichtgesetz angeordnet wird".
Caritas dÀmpft Erwartungen
Obwohl es keine Entscheidung fĂŒr eine Wehrpflicht gibt, steigt bereits die Zahl der AntrĂ€ge auf - vorsorgliche - Verweigerung. Im ersten Halbjahr gingen nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland 5.862 AntrĂ€ge beim Bundesamt fĂŒr Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein. Im gesamten Jahr 2025 waren es 3.867 AntrĂ€ge, 2024 nur 2.998.
Trotzdem dĂŒrfte es nach EinschĂ€tzung des Caritas-Verbands im Fall der FĂ€lle vergleichsweise wenige Zivis geben. Caritas-PrĂ€sidentin Eva Welskop-Deffaa argumentierte, mit einer Bedarfs-Wehrpflicht wĂŒrden nur so viele junge MĂ€nner eingezogen, wie die Bundeswehr benötige, und zwar auf Grundlage sachlicher Kriterien. Folglich wĂŒrden wohl nur wenige junge MĂ€nner den Wehrdienst verweigern. Ein Zivildienst wĂ€re unter diesen Bedingungen "eine Randnotiz", meinte die VerbandsprĂ€sidentin. "Wer den Eindruck erweckt, auf diesem Weg lieĂen sich die Personalprobleme sozialer Einrichtungen lösen, weckt völlig falsche Erwartungen."
Bufdis fĂŒllten die LĂŒcke
Vor der Aussetzung von Wehr- und Ersatzdienst 2011 hatten SozialverbĂ€nde groĂe Bedenken geĂ€uĂert, dass die Zivis an allen Ecken und Enden fehlen und vor allem die Pflege stark unter Druck geraten wĂŒrde. Der Bundesfreiwilligendienst werde das nicht wettmachen können, hieĂ es damals.
Ulrich Schneider, damals GeschĂ€ftsfĂŒhrer des ParitĂ€tischen und einer der Kritiker, denkt inzwischen anders. Zwar habe die Aussetzung des Zivildienstes tatsĂ€chlich LĂŒcken gelassen, sagte Schneider der dpa. Die jungen MĂ€nner hĂ€tten zum Beispiel in der Pflege die Zeit gehabt, die FachkrĂ€ften oft fehle. Doch habe der Bundesfreiwilligendienst das "doch zumindest zu einem groĂen Teil kompensiert", sagte Schneider, heute Vorstandsmitglied der Linken. "Da waren wir ganz glĂŒcklich." Dass dieser Dienst freiwillig und nicht Pflicht sei, habe groĂe Vorteile. "Das hat zum groĂen Teil das System gestĂŒtzt."
Schneider wagt auch die These, dass es nicht zur Wiederbelebung von Wehrpflicht und Zivildienst kommen werde. FrĂŒher hĂ€tten viele die Wehrpflicht als gegeben hingenommen, jetzt werde sie aktiv hinterfragt. "Das kann man nicht mehr zurĂŒckdrehen, das ist ausgeschlossen."
