Russische Angriffe auf Kiew - berĂŒhmtes Höhlenkloster brennt
Veröffentlicht am: 15.06.2026 um 15:01 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAbsatz.)
KIEW (dpa-AFX) - Bei einer neuen Welle russischer Luftangriffe auf die Ukraine ist auch die Hauptkirche des zum Weltkulturerbe zÀhlenden Höhlenklosters in Kiew in Brand geraten. "Nach operativen Informationen gibt es ernsthafte SchÀden auf dem GelÀnde des Höhlenklosters", schrieb der MilitÀrgouverneur der Dreimillionenstadt, Tymur Tkatschenko, bei Telegram. Landesweit gab es ukrainischen Behördenangaben zufolge mindestens elf Tote und Dutzende Verletzte. Allein in Kiew sprachen die Behörden von 5 Toten und 35 Verletzten.
Russland habe die Hauptstadt Kiew mit mehr als 60 Raketen und Marschflugkörpern angegriffen, sagte der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj. Insgesamt seien gegen die Ukraine in der Nacht 611 Drohnen sowie 70 Raketen und Marschflugkörper eingesetzt worden.
Selenskyj klettert auf Kirchendach - und droht mit Antwort Kiews
Selenskyj kletterte selbst auf das Dach der massiv beschĂ€digten MariĂ€-Entschlafens-Kathedrale, um sich mit Geistlichen und Regierungsvertretern von den SchĂ€den zu machen, wie auf einem von ihm veröffentlichten Video zu sehen war. Russland habe den Stadtteil mit dem Kloster absichtlich mit zwei Drohnen angegriffen. Er Ă€uĂerte sich aber bei Telegram nicht dazu, ob - wie von Russland behauptet - eine Rakete der ukrainischen Flugabwehr in das Heiligtum krachte. Selenskyj drohte Moskau mit einer "gerechten Antwort" Kiews. Nach Regierungsangaben wird die Kirche wieder instand gesetzt.
Der ukrainische Geheimdienst SBU teilte am Nachmittag mit, es seien auf dem KlostergelÀnde Reste einer russischen Kamikaze-Drohne vom Typ Geran, einem Nachbau der iranischen Shahed-Drohne, gefunden worden. Der Geheimdienst veröffentlichte auch Fotos dazu.
Selenskyj rief die Gruppe der sieben groĂen Industrienationen (G7) zu einer entschlossenen Antwort auf die russischen Angriffe auf. Es brauche mehr Druck auf den Aggressor, mehr UnterstĂŒtzung fĂŒr die Luftverteidigung der Ukraine - vor allem zum Schutz vor Angriffen mit ballistischen Raketen, teilte Selenskyj bei Telegram mit. Er wird am Abend beim G7-Gipfel im französischen Ăvian erwartet.
EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen kĂŒndigte auf X an, dass beim G7-Gipfel ĂŒber nĂ€chste Schritte gesprochen werde, um den Druck auf Russland zu erhöhen, Kremlchef Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zu bringen und dieses sinnlose Töten zu beenden. "Europa will Frieden. Niemand mehr als das ukrainische Volk. Russland hingegen hat erneut gezeigt, dass es allein an Gewalt und Zerstörung interessiert ist."
Geistlicher: Alte Ikonen in Sicherheit
Bilder der SchĂ€den am jahrhundertealten Höhlenkloster in Kiew machten in sozialen Netzwerken schnell die Runde - wobei unklar blieb, ob die weltberĂŒhmte PilgerstĂ€tte wegen direkter EinschlĂ€ge russischer Geschosse oder durch herabfallende TrĂŒmmer nach dem Einsatz der ukrainischen Flugabwehr in Brand geraten war. Flammen zĂŒngelten aus dem Dach unter den vergoldeten Kuppeln der MariĂ€-Entschlafens-Kathedrale. Der ukrainische AuĂenminister Andrij Sybiha warf Putin auf X "Barbarei" vor.
Selenskyj sprach von einem der "gröĂten russischen Verbrechen gegen die christliche Kultur". Der Brand sei inzwischen gelöscht. Die alten Ikonen und anderen HeiligtĂŒmer des orthodoxen Christentums sind nach Kirchenangaben in Sicherheit. Es sei eine rasche Rettung liturgischer GegenstĂ€nde und der Reliquien organisiert worden, teilte Metropolit Awraamij auf Facebook mit. Sie hĂ€tten "nicht nur kirchlichen, sondern auch nationalen und universellen Wert", sagte der Vorsteher des Klosters.
Die Klosteranlage auf den HĂŒgeln am Fluss Dnipro steht unter dem Schutz der UN-Kulturorganisation Unesco und gehört seit 1990 zum Weltkulturerbe. Ihre UrsprĂŒnge reichen bis ins 11. Jahrhundert zurĂŒck. HerzstĂŒck ist die 1941 im Zweiten Weltkrieg zerstörte und erst Ende der 1990er Jahre wieder aufgebaute Kathedrale.
Im unteren Teil des KlostergelĂ€ndes mit mehreren Museen befindet sich das im Mittelalter angelegte Höhlensystem mit mumifizierten Ăberresten von Geistlichen. Dieser Teil wird weiterhin von der ukrainisch-orthodoxen Kirche genutzt, die sich bis zum russischen Einmarsch 2022 als Teil des Moskauer Patriarchats sah, danach jedoch von Moskau lossagte.
Explosionen in Kiew - fĂŒnf Tote in Charkiw
In der Innenstadt von Kiew waren in der Nacht zunĂ€chst knapp zwei Dutzend - mutmaĂlich von der Flugabwehr ausgelöste - Explosionen zu hören, wie ein Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur berichtete. BĂŒrgermeister Vitali Klitschko zufolge gab es in drei Stadtteilen EinschlĂ€ge. Demnach kam es auch zu weitflĂ€chigen StromausfĂ€llen und BrĂ€nden. Etwa 30 Fahrzeuge sollen in Flammen aufgegangen sein. MilitĂ€rgouverneur Tkatschenko sprach von mehr als 40 EinschlĂ€gen in der Hauptstadt.
Auch aus anderen ukrainischen Regionen wurde heftiger Beschuss gemeldet. Allein in Charkiw seien fĂŒnf RettungskrĂ€fte infolge der Luftangriffe getötet und vier weitere Menschen verletzt worden, teilte Gouverneur Oleh Synjehubow mit. In Dnipro habe es mindestens einen Verletzten gegeben, hieĂ es. Keine dieser Angaben lieĂ sich zunĂ€chst unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen. In Dnipro wurden laut Behörden ebenfalls eine Kirche und das Haus fĂŒr Orgel- und Kammermusik beschĂ€digt.
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion und wird nahezu tĂ€glich aus der Luft attackiert. Inzwischen greifen sich beide Kriegsparteien vor allem mit Drohnen an, deren Einsatz fĂŒr die jeweiligen StreitkrĂ€fte vergleichsweise einfach und gĂŒnstig ist.
Russen melden Tote bei ukrainischen Drohnenangriffen
Nach Angaben des Gouverneurs des russischen Gebietes Tula, Dmitri Miljajew, wurden in der Nacht drei Menschen infolge ukrainischer Drohnenangriffe getötet. Drei weitere seien verletzt worden, teilte er auf Telegram mit. Die Stadtverwaltung von Moskau teilte mit, es seien mehrere anfliegende Drohnen abgeschossen worden. Zu möglichen SchÀden oder Verletzten wurde zunÀchst nichts bekanntgegeben.
Moskaus Verteidigungsministerium bezeichnete die Angriffe auf die Ukraine als einen Vergeltungsschlag nach "terroristischen Angriffe des Kiewer Regimes" in Russland. Ziele seien unter anderem ProduktionsstĂ€tten fĂŒr Drohnen und Raketen in Kiew gewesen. Eine solche Anlage befand sich nach russischer Darstellung auch in einem ebenfalls getroffenen Nationalen Oleksandr-Dowschenko-Filmstudio in Kiew. Nach ukrainischen Angaben wurde dort die gröĂte und Ă€lteste KostĂŒmsammlung der Ukraine vernichtet.
Nach nicht ĂŒberprĂŒfbaren Angaben des Ministeriums in Moskau wurde das Höhlenkloster in Kiew von einer Patriot-Rakete der ukrainischen Flugabwehr getroffen. Westliche Staaten hĂ€tten Kiew solche Raketen mit abgelaufenem Verfallsdatum ĂŒbergeben, was zu der Situation auf dem KlostergelĂ€nde gefĂŒhrt haben könnte, erklĂ€rte das Ministerium. Das Höhlenkloster gilt fĂŒr das Moskauer Patriarchat der russisch-orthodoxen Kirche als Heiligtum.
