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Schweizer Forscher entwickeln feuerfeste Bauplatten aus SĂ€gemehl

20.03.2026 - 00:00:34 | boerse-global.de

Forschende entwickeln einen leichten, feuerfesten Baustoff aus SÀgemehl und Mineralien, der Zementplatten ersetzen und Kohlenstoff langfristig binden könnte.

Schweizer Forscher entwickeln feuerfeste Bauplatten aus SĂ€gemehl - Foto: ĂŒber boerse-global.de
Schweizer Forscher entwickeln feuerfeste Bauplatten aus SĂ€gemehl - Foto: ĂŒber boerse-global.de

ETH ZĂŒrich revolutioniert das Bauwesen mit einem neuartigen Verbundstoff aus HolzabfĂ€llen und einem Mineralbinder. Das Material kombiniert Brandschutz mit Nachhaltigkeit und könnte Zementplatten ersetzen.

WĂ€hrend die Bauindustrie weltweit nach sicheren und klimafreundlichen Alternativen sucht, kommt der Durchbruch aus der Schweiz. Forschende der ETH ZĂŒrich und der Empa haben einen hochfesten, feuerresistenten Verbundwerkstoff aus IndustriesĂ€gemehl und einem speziellen Mineral entwickelt. Die Innovation verwandelt Millionen Tonnen Holzabfall in selbstschĂŒtzende Bauelemente und bietet eine nachhaltige Alternative zu schweren, CO?-intensiven Materialien.

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Vom Abfall zum Hochleistungsbaustoff

Die globale Holzindustrie produziert jĂ€hrlich gewaltige Mengen an SĂ€gemehl. Bislang wird der Großteil dieses Nebenprodukts verbrannt, um Energie zu gewinnen. Dabei wird jedoch der ĂŒber Jahrzehnte gespeicherte Kohlenstoff sofort als CO? freigesetzt. Der neue Prozess bindet diesen Kohlenstoff stattdessen in einem stabilen Baumaterial – und bietet zugleich hervorragenden Brandschutz. Ein großer Schritt fĂŒr die Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft.

Der SchlĂŒssel zum Erfolg liegt im Bindemittel. Das Team um Professor Ingo Bungert vom Lehrstuhl fĂŒr Holzwissenschaften der ETH ZĂŒrich setzte auf das Mineral Struvit. Dieses farblose Ammonium-Magnesium-Phosphat ist fĂŒr seine natĂŒrlichen Brandschutzeigenschaften bekannt. Die große Herausforderung: Struvit ließ sich bisher nicht homogen mit Holzpartikeln verbinden.

Doktorand Ronny KĂŒrsteiner fand eine biologische Lösung. Ein Enzym aus gewöhnlichen Wassermelonensamen steuert den Kristallisationsprozess des Minerals prĂ€zise. In einer wĂ€ssrigen Suspension des VorlĂ€uferminerals Newberyit sorgt das Enzym dafĂŒr, dass sich große Struvit-Kristalle bilden. Diese durchdringen die Holzfasern, fĂŒllen die HohlrĂ€ume zwischen den SĂ€gespĂ€nen und verkleben sie fest. Nach zweitĂ€giger Pressung in einer Form und Trocknung bei Raumtemperatur entsteht eine stabile Platte – ganz ohne energieintensive HĂ€rtung.

Überlegener Brandschutz durch Selbstschutz-Effekt

Wie schlÀgt sich das neue Material im Ernstfall? Tests mit einem Kalorimeter an der Polytechnischen UniversitÀt Turin lieferten beeindruckende Ergebnisse. WÀhrend unbehandeltes Fichtenholz unter simulierter Hitzeeinwirkung nach etwa 15 Sekunden entflammt, hielt die Struvit-Platte durchschnittlich 51 Sekunden stand.

Noch entscheidender ist der aktive Selbstschutz-Mechanismus. Bei Hitze zersetzt sich das Struvit endotherm. Dieser chemische Prozess setzt Wasserdampf und nicht brennbare Gase wie Ammoniak frei. Die Gase kĂŒhlen die OberflĂ€che und verdrĂ€ngen den fĂŒr die Verbrennung nötigen Sauerstoff. Gleichzeitig verkohlt die HolzoberflĂ€che. Zusammen bilden Mineralzersetzung und Verkohlung eine schĂŒtzende, anorganische Kruste.

Diese Kruste wirkt als hocheffizienter WĂ€rmeisolator. Sie schĂŒtzt die tieferen Schichten des Materials und verhindert die weitere Ausbreitung des Feuers. Erste EinschĂ€tzungen deuten darauf hin, dass die Platten damit Brandschutzklassen erreichen könnten, die den strengsten Normen fĂŒr innere GebĂ€udetrennwĂ€nde entsprechen.

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Leichter, stabiler und vollstÀndig recycelbar

Die kommerziellen Vorteile zeigen sich im Vergleich zu herkömmlichen zementgebundenen Spanplatten. Diese bestehen zu 60 bis 70 Prozent aus Zement – einem der grĂ¶ĂŸten Verursacher von Industrie-CO?-Emissionen. Zudem sind die Platten extrem schwer, was Transport und Einbau erschwert.

Die SĂ€gemehl-Verbundplatte kommt dagegen mit nur 40 Prozent Mineralbinder aus. Sie ist deutlich leichter, aber dennoch stabiler. Labortests ergaben, dass das Material unter Druck quer zur Faserrichtung fester ist als das ursprĂŒngliche Fichtenholz.

Ein weiterer großer Vorteil ist die Recyclability. Herkömmliche Zementplatten landen nach einem GebĂ€uderĂŒckbau meist auf der Deponie. Die Struvit-Platten lassen sich dagegen vollstĂ€ndig wiederverwerten. Der Binder kann chemisch aufgelöst und als frisches Newberyit zurĂŒckgewonnen werden. Platten aus recyceltem Material erreichen nahezu die gleiche Druckfestigkeit wie Neuware – der geschlossene Kreislauf ist machbar.

Die Zukunft: Rohstoff aus der KlÀranlage

FĂŒr eine globale Vermarktung muss die Wirtschaftlichkeit stimmen. Hochreines Struvit ist derzeit noch teurer als gĂ€ngige Binder wie Zement. Die Lösung fĂŒr dieses Problem könnte buchstĂ€blich aus der Kanalisation kommen.

Struvit bildet sich in großen Mengen in kommunalen KlĂ€ranlagen, wo es als Problemstoff gilt. Das Mineral setzt sich in den Rohren ab und verursacht kostspielige Verstopfungen. Die Forschenden schlagen vor, diese Ablagerungen zu ernten und als gĂŒnstige Rohstoffquelle fĂŒr die feuerfesten Platten zu nutzen. Das wĂŒrde ein Entsorgungsproblem lösen und gleichzeitig eine preiswerte, nachhaltige Binder-Alternative schaffen.

Als nĂ€chste Schritte plant das Team, den enzymgesteuerten Herstellungsprozess fĂŒr die industrielle Großproduktion zu optimieren. Anschließend stehen großformatige Brandschutztests an raumgroßen TrennwĂ€nden an, um die offizielle Zulassung zu erhalten. Sollten diese PrĂŒfungen die Laboratory-Ergebnisse bestĂ€tigen, könnte der SĂ€gemehl-Verbundstoff bald zu einem Grundbaustein fĂŒr nachhaltige und brandsichere Architektur werden.

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