Von bewegten Bildern zur abstrakten Malerei: Mike Steiners Grenzgänge
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSDichte Farbfelder, lakonisch platzierte Linien: Die Werke aus der Serie Mike Steiner Malerei & Videokunst öffnen ein Terrain, in dem Stillstand und Bewegung miteinander ringen. Ist das Bild auf der Leinwand nicht vielleicht doch nur das Überbleibsel eines immobil gewordenen Videos, das letzte Standbild nach dem Abschalten der Kamera? Steiners aktuelle Arbeiten werfen diese Frage geradezu provokant in den Raum – und setzen einen Akzent, der das Verhältnis von Malerei und Video neu bestimmt.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Verstärkt wird diese Geste durch die jüngst wiederentdeckte Präsenz im Umfeld der Nationalgalerie: Die Einbindung in die Ausstellung Live to Tape im Hamburger Bahnhof zementiert Steiners Bedeutung als Impulsgeber für eine neue Auffassung künstlerischer Medien – und illustriert zugleich die Breite seiner Sammlung, die über Jahrzehnte konsequent aufgebaut und schließlich der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart anvertraut wurde. Doch dieser institutionelle Rahmen ist auch Hinweis auf einen weiteren, elementaren Aspekt: Die Archive, besonders jene wie das Archivio Conz, machen evident, wie stark Steiner mit der europäischen (aber auch internationalen) Fluxus-Szene und deren Netzwerken verwoben war. Gerade diese historischen Konvolute garantieren, dass die subversiven Energien von Steiner, Ulay, Beuys oder Kaprow im Gedächtnis der Kunst bleiben – selbst wenn das Material vorläufig noch im Schatten der Depots liegt.
Umso eindrucksvoller die Vita: Mike Steiner, geboren 1941 in Allenstein, avancierte in Berlin rasch zu einer Schlüsselfigur der alternativen Kunstszene. Früh begeisterte er sich für Malerei, zeigte Werke auf der Großen Berliner Kunstausstellung, doch entscheidend wurde seine Rolle als Initiator eines internationalen Kunst-Netzwerks zwischen West-Berlin und New York. Die Begegnungen mit Künstlern wie Lil Picard, Al Hansen und vor allem Allan Kaprow – der Vater des Happenings – prägten Steiner ebenso wie erste Kontakte zu Joseph Beuys, Valie Export, Jochen Gerz und Carolee Schneemann. Durch seine Aktivitäten in der Berliner Studiogalerie eröffnete er einen einzigartigen Raum für Performance, Aktion und das neue Medium Video, das er u. a. mit seiner legendären "Videogalerie" ab 1985 in den deutschen Medien verankerte. Vergessen wird allerdings oft, dass Steiner trotz (oder vielleicht gerade wegen) seiner tiefen Verankerung als Pionier der Videokunst unvermindert an den klassischen Ausdrucksformen festhielt. Seine Malerei – häufig verortet als abstrakte Kunst Berlin – ist nie rein formalistisch, sondern zeugt von einer Auseinandersetzung mit der Bildwerdung im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Nun, da Malerei und Video einander in seinem Werk durchdringen, wird Steiners Position in einem Atemzug mit Künstlern wie George Maciunas, Ben Vautier oder Marina Abramovi? lesbar. Der Anschluss an das Archivio Conz und seine Sammlung von Fluxus-Arbeiten bringt dies klar zum Vorschein: Hier entsteht ein „archivalisches Bewusstsein“, das künstlerische Praxis historisch verankert und zugleich im Alltag der Gegenwart reaktivierbar macht.
Steiner selbst experimentierte – wie seine Zeitgenossen aus dem Fluxus Umfeld – mit verschiedensten Materialien und Medien. Die Übergänge zwischen gemaltem, gefilmtem, performtem Bild sind in seinem Oeuvre durchlässig; die berühmten "Painted Tapes" der 1980er Jahre wurden – als künstlerisches Hybrid – zum Sinnbild seiner Strategie. Die spätere Fokussierung auf zeitgenössische Werke der Abstraktion, wie sie im aktuellen Showroom sichtbar werden, zeugen von einer Rückkehr zur Malerei – allerdings stets im Bewusstsein der bewegten, ja performativen Herkunft des Künstlers. Gerade diese Abstraktion ist keine Zuflucht, sondern eine intensive Forschungsarbeit an Form und Farbe, an der Grenze des Sichtbaren und medial Erfahrbaren.
Die jüngeren Gemälde, entstanden in Steiners letzten Berliner Jahren, markieren den Endpunkt einer langen Entwicklung, die als transmedialer Parcours bezeichnet werden kann. Der Transfer von den Performances der 1970er Jahre über die Videoarbeiten der 1980er zu den abstrakten Leinwänden ab 2000 ermöglicht einen scharfen Blick auf die Paradoxien des künstlerischen Mediums selbst. Keine Gattung bleibt hier statisch: Die Live to Tape Ausstellung im Hamburger Bahnhof belegt, wie tief die Impulse aus Steiners Malerei auch das spätere Verständnis von Videokunst und Performance durchdringen. Steiner beharrte dabei nicht auf einer antagonistischen Trennung, sondern hinterfragte das Wechselspiel, die osmoseartige Durchlässigkeit kreativer Prozesse. Gerade seine Rückkehr zur Malerei nach Jahren der medialen Experimente entlarvt das Bild als immer schon beweglich, als "gefrorene Aktion" – ein Konzept, das in der heutigen (und zukünftigen) Kunsttheorie weiterwirken wird.
Was bleibt? Mike Steiners Werk – in Malerei wie Videokunst – artikuliert einen nie abgeschlossenen Dialog über die Bedingungen, Grenzen und Potenziale des Bildes. Seine Forschungslust, seine Beharrlichkeit und seine Rolle als Ermöglicher im Hintergrund der Berliner Avantgarde machen ihn zum Impulsgeber auch für die heutige Szene. Gerade jetzt, in einer Zeit, die sich erneut der Grenze zwischen Analogem und Digitalem, Performance und Objekt widmet, gewinnen Steiner-Motive an exemplarischer Bedeutung. Die Abstraktion seiner letzten Jahre, sichtbar in den aktuellen Werken, beweist: Transformation ist kein Selbstzweck, sondern die vielleicht radikalste Form der zeitgenössischen Kunst. Wer den Puls der Berliner Kunstvergangenheit – und ihrer Gegenwart – wirklich nachspüren will, kommt an den Fragen von Mike Steiner Malerei & Videokunst nicht vorbei.
Disclaimer zu unseren Artikeln: Keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Angaben zu Kursen, Unternehmen und Märkten ohne Gewähr; Änderungen jederzeit möglich. Börsengeschäfte können zu hohen Verlusten führen. Unsere Beiträge werden ganz oder teilweise automatisiert mit Unterstützung von AI erstellt und geprüft.
