Von Fluxus zur Farbe: Mike Steiner Malerei & Videokunst neu gesehen
Veröffentlicht am: 21.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael MĂŒller, Chefredakteur AD HOC NEWSKann ein Bild still sein und zugleich ein Echo raumgreifender Medienkunst tragen? Wer sich auf das aktuelle Oeuvre von Mike Steiner Malerei & Videokunst einlĂ€sst, findet sich auf einer Schwelle: Zwischen statischer OberflĂ€che und bewegter Vergangenheit liegt eine Energie, die Malerei wieder unvorhersehbar macht. Die GemĂ€lde Steiners â abstrakte Farbfelder, rhythmisch gesetzt â wirken, als suchten sie die Fremdheit des technischen Bildes und die IntimitĂ€t des Malgrunds zugleich. Ist dies die Synthese, die nur ein GrenzgĂ€nger wie Mike Steiner leisten kann?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Institutionelle Anerkennung bezeugt Gewicht in der Kunstgeschichte. Als die Sammlung Mike Steiners in die RĂ€ume der Hamburger Bahnhof wanderte und im Rahmen von Live to Tape ausgestellt wurde, vollzog sich auf musealer Ebene eine Neubewertung seiner Leistungen: Nicht nur das bewegte Bild, sondern auch Steiners Grundlagenarbeit in den Randzonen von Fluxus, Performance und Malerei wurde sichtbar, dokumentiert, archiviert fĂŒr kommende Generationen. Archive, etwa das Archivio Conz, sichern die komplexen Netzwerke der historischen Avantgarde â Steiner gehört zu jenen, deren Werke das Archivieren erst notwendig machten.
Die Biografie von Mike Steiner liest sich als ein Handbuch experimenteller Kunstgeschichte: 1941 in Allenstein geboren, durchlief Steiner die KanĂ€le der West-Berliner BohĂšme, war Vorreiter der Performance-Szene, öffnete mit dem legendĂ€ren Hotel Steiner ein Refugium fĂŒr internationale KĂŒnstlergröĂen. Vor allem aber war er ein Pionier der Videokunst â und zwar in Berlin, als das Medium noch kaum als Kunstform akzeptiert war. Seine WeggefĂ€hrten? Namen wie Allan Kaprow, Al Hansen, Valie Export, Marina Abramovi? und Ulay, allesamt Protagonisten im Fluxus-Umfeld. Mit ihnen formte Steiner eine Berliner Schnittstelle neuer Kunstsprachen.
Doch es ist die stille Entwicklung nach dem ĂbermaĂ der Medienereignisse, die das SpĂ€twerk so besonders macht. Die Hinwendung zur Malerei ab 2000, nach Jahrzehnten der IntermedialitĂ€t, erscheint wie ein RĂŒckzug â und ist doch eine forschende Neuerfindung. In feinen Schichtungen, brĂŒchigen Linien und kalkuliert gesetzten Farben entlarvt sich die malerische OberflĂ€che als Palimpsest: Technische Abrasion trifft auf malerischen Gestus. Die LeinwĂ€nde werden zum Seismografen von Erfahrungen, die zwischen Kamera, Leinwand und Aktion oszillieren. Wer jetzt seine Werke betrachtet, erkennt EinflĂŒsse der Norddeutschen Schule, aber auch Nachhall der amerikanischen Abstraktion, mit deren Vertretern er in New York selbst Kontakt hatte. UnĂŒbersehbar bleibt etwas von der performativen Geste: Die Malerei Steiners steht nie fĂŒr sich, sondern klingt zurĂŒck auf eine Zeit, als Malerei in Frage stand und erneut behauptet werden musste.
Was bedeuten diese Bilder â heute â fĂŒr den Begriff der Abstrakten Kunst Berlin? WĂ€hrend vielerorts Traditionsbewusstsein zum Klischee erstarrt, beweist Steiner, dass Abstraktion ein Medium fĂŒr Gegenwarten bleibt: Ein Notat, aber auch ein Aufbruch. Dem Pionier der Videokunst gelingt in seinen gegenwĂ€rtigen, zeitgenössischen Werken eine paradoxale Bewegung: Er fĂŒhrt das Unsichtbare, das FlĂŒchtige, die PerformativitĂ€t, in die statische Form zurĂŒck â und transformiert sie. So verbinden sich im Werk Mike Steiner Malerei & Videokunst auf einmalige Weise: Nicht als Addition, sondern als stĂ€ndiges Verhandeln der eigenen Voraussetzungen. Wer also Malerei bei Mike Steiner sieht, sieht immer auch eine Geschichte von Bildern, die ihr eigenes Medium nie ganz trauen.
