WDH/ ROUNDUP 2: Machtkampf statt Neustart - Holpriger Wechsel an Bahn-Spitze
Veröffentlicht am: 22.09.2025 um 16:36 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(Im 2. Absatz, 3. Satz, wurden Vorname und Funktion von EVG-Chef Martin Burkert ergÀnzt.)
BERLIN (dpa-AFX) - Bei der Deutschen Bahn gerĂ€t die Neubesetzung des Chefpostens zum Streitthema. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG will in den zustĂ€ndigen AufsichtsrĂ€ten gegen die beiden Wunsch-Personalien von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) stimmen. Nur wenige Stunden zuvor hatte Schnieder die designierte neue Bahnchefin Evelyn Palla sowie Dirk Rompf als designierten neuen Chef der Infrastrukturgesellschaft DB InfraGo vorgestellt. Zudem prĂ€sentierte Schnieder eine neue Bahn-Strategie - die angesichts des drohenden Machtkampfes aber in den Hintergrund rĂŒckte.
Der Ărger der Gewerkschaft richtet sich vor allem gegen Rompf, der schon mal Chef von DB Netz war und vielen im Konzern noch bekannt ist. "Der Weg nach vorn kann niemals durch die Vergangenheit fĂŒhren. Professor Rompf war sechs Jahre lang Vorstandsvorsitzender der DB Netz und ist mit seinem Sparwahn mit Schuld an der heutigen Situation", sagte EVG-Chef Martin Burkert. "Jeder Fahrgast spĂŒrt heute noch die Auswirkungen seiner schlechten Bilanz." Die Personalie Rompf habe weit in den Bahnkonzern hinein fĂŒr Ablehnung gesorgt.
Schnieders Strategie rĂŒckt in den Hintergrund
Der mit viel Zuversicht von Schnieder und Palla ausgerufene Neustart bei der Bahn wird so nach nur wenigen Stunden zum Fehlstart. Unter anderem legte Schnieder mit seiner Strategie drei Sofortprogramme fĂŒr mehr Kundenzufriedenheit vor, Palla sprach von einer neuen Ăra, die mit mehr Fokus auf die Kernaufgabe Zugverkehr beginnen solle. Der Blick richtet sich aber nun auf die Sitzung des Aufsichtsrats des Konzerns am Dienstag.
Dieser ist fĂŒr die Berufung Pallas zustĂ€ndig, Rompf muss vom Aufsichtsrat der DB InfraGo berufen werden. Der Konzernaufsichtsrat der Deutschen Bahn ist paritĂ€tisch mit Vertretern des Bundes als Bahn-EigentĂŒmer und der Arbeitnehmerseite besetzt. Beide Seiten stellen jeweils neun Mitglieder. Daneben gibt es noch den Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Gatzer und seinen Stellvertreter Burkert.
Palla wird blockiert - kann die EVG Rompf so verhindern?
Die rechtlichen Details zur Berufung Pallas werden der EVG zufolge derzeit geprĂŒft. Sollte die nötige Mehrheit fĂŒr sie nicht zustande kommen, tritt Burkert zufolge der Vermittlungsausschuss zusammen - erstmals in der Geschichte der Deutschen Bahn. Nach Verhandlungen dort dĂŒrfte zu einem spĂ€teren Zeitpunkt eine einfache Mehrheit fĂŒr die Berufung der neuen Chefin ausreichen.
Pallas Berufung dĂŒrfte die Gewerkschaft also nicht dauerhaft verhindern können. Bei der Personalie Rompf ist die EVG weitaus optimistischer: Burkert geht davon aus, dass der Manager weder eine Zwei-Drittel-Mehrheit noch eine einfache Mehrheit erhalten wird.
Dirk Flege, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Verbands Allianz pro Schiene, monierte: "Wenn die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat im Vorfeld nicht so eingebunden worden ist, dass das vom Minister prĂ€sentierte Personal auf Zustimmung stöĂt, hat man hier offenbar in der Vorfeldkommunikation etwas falsch gemacht."
PĂŒnktlichkeitsziele der Bahn werden gelockert
Damit stellt sich, wie so oft, die Frage: Wie weiter mit dieser Deutschen Bahn? Herausforderungen gibt es genug fĂŒr den bundeseigenen Konzern: Die Bahn ist zu unpĂŒnktlich, die Schieneninfrastruktur zu kaputt fĂŒr einen zuverlĂ€ssigen Betrieb. Auch die wirtschaftlichen Zahlen sind viel zu oft rot statt schwarz.
In seiner Bahn-Strategie fordert der Verkehrsminister mehr ZuverlĂ€ssigkeit, mehr Sicherheit, mehr Sauberkeit. Die von der Bahn selbst gesetzten PĂŒnktlichkeitsziele lockerte er: Bis Ende 2029 sollen mindestens 70 Prozent der FernzĂŒge pĂŒnktlich fahren. Die alten, höheren Ziele (75 Prozent im Jahr 2027) kritisierte er als "jenseits aller RealitĂ€t" und als nicht annĂ€hernd erreichbar.
Mittelfristig soll die Quote laut Ministerium bei mindestens 80 Prozent liegen, langfristig bei mindestens 90 Prozent. Im Nahverkehr soll die PĂŒnktlichkeit dauerhaft mehr als 90 Prozent betragen. Ein konkreter Zeitraum fĂŒr diese Ziele geht aus der Strategie nicht hervor.
DarĂŒber hinaus fordert Schnieder drei Sofortprogramme:
* Das erste soll zu mehr Sicherheit und Sauberkeit an Bahnhöfen fĂŒhren. Ziel sei es, "eine objektiv wie subjektiv verbesserte Sicherheit und Sauberkeit durch einen Mix aus Personal und Technik" zu erreichen, etwa durch VideoĂŒberwachung.
* FĂŒr eine bessere Kundenkommunikation soll die Fahrgastapp DB Navigator verbessert werden. "Ziel ist, dass VerĂ€nderungen im Reiseverlauf in dem Augenblick weitergegeben werden, wenn diese Informationen innerhalb der DB vorliegen", heiĂt es in der Strategie.
* FĂŒr mehr Komfort im Fernverkehr soll die Sauberkeit in den ZĂŒgen verbessert werden. Auch das Angebot im Bordbistro soll sich verbessern.
Infrastruktursparte soll kĂŒnftig eigenstĂ€ndiger arbeiten können
Mit den Vorgaben zur PĂŒnktlichkeit oder zum Komfort im Fernverkehr nimmt der Bund die Bahn wie erwartet enger an die Leine. Im ersten Halbjahr war mehr als ein Drittel der FernzĂŒge der Bahn unpĂŒnktlich unterwegs. Im Juli habe es an drei Tagen in Folge weniger als 40 Prozent PĂŒnktlichkeit im Fernverkehr gegeben, betonte Schnieder. Das könne nicht so bleiben. Wie zur BestĂ€tigung der schlechten Lage kam es am Montag zu weitreichenden EinschrĂ€nkungen zwischen Hamburg und Berlin aufgrund von OberleitungsschĂ€den.
Hauptgrund fĂŒr die hohe UnzuverlĂ€ssigkeit ist das marode und ĂŒberlastete Schienennetz. Schnieder will dafĂŒr sorgen, dass die fĂŒr die Infrastruktur zustĂ€ndige DB InfraGo kĂŒnftig eigenstĂ€ndiger und unabhĂ€ngiger vom Gesamtkonzern agieren kann. DafĂŒr werde etwa geprĂŒft, ob der bisherige Beherrschungsvertrag zwischen Bahn und InfraGo fortbestehen soll. Eine Entscheidung darĂŒber soll im ersten Halbjahr 2026 fallen.
Die Sparte soll zudem eindeutiger auf das Gemeinwohl ausgerichtet werden. Gewinne sollen nur insofern erzielt werden, als dass sie diesem Ziel zugutekommen.
Konzept der Generalsanierungen soll fortgefĂŒhrt werden
Am eingeschlagenen Weg der sogenannten Generalsanierungen will Schnieder festhalten. Er sieht vor, dass bis 2036 mehr als 40 besonders wichtige Strecken grundlegend modernisiert werden. Ziel ist es, auf diese Weise die Zahl der Baustellen nach und nach zu reduzieren und die ZĂŒge wieder zuverlĂ€ssiger fahren zu lassen.
Dass die Infrastruktur in einen derart maroden Zustand verfallen konnte wie derzeit, wird von vielen im Konzern auch Dirk Rompf angelastet. Rompf war Netz-Chef unter dem damaligen Konzernvorstand Ronald Pofalla. In dieser Zeit verfiel die Infrastruktur zunehmend, weil zu wenig Geld investiert wurde.
