ROUNDUP, Auftragsplus

Auftragsplus sorgt für Hoffnungsschimmer in deutscher Industrie

06.07.2026 - 13:38:07 | dpa.de

WIESBADEN - Hoffnungsschimmer für die angeschlagene deutsche Industrie: Nach dem Rückschlag im April hat der Auftragseingang im Mai wieder zugelegt.

(neu: Volkswirte und Details)

WIESBADEN (dpa-AFX) - Hoffnungsschimmer für die angeschlagene deutsche Industrie: Nach dem Rückschlag im April hat der Auftragseingang im Mai wieder zugelegt. Der Anstieg fiel zudem deutlich höher aus als von Experten im Schnitt erwartet. Die Aufträge stiegen im Mai im Vergleich zum Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 1,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Montag in Wiesbaden mitteilte. Von Bloomberg befragte Volkswirte hatten nur mit einem Plus von 1,1 Prozent gerechnet.

Allerdings machten die Aufträge den Rückgang aus dem Vormonat bei weitem nicht wett. Im April waren die Aufträge um revidierte 3,2 Prozent gesunken. In einer ersten Schätzung war noch ein Rückgang um 3,8 Prozent ermittelt worden.

"Zuletzt scheinen die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe jedoch ihrem Aufwärtstrend, der in der zweiten Jahreshälfte 2025 eingesetzt hat, wieder fortzusetzen", kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium die Zahlen. "Allerdings ist die Entwicklung aufgrund von Großaufträgen nach wie vor sehr volatil." So profitierte die Industrie im Mai von Großaufträgen. Ohne die Berücksichtigung dieser Orders ist der Auftragseingang um 1,0 Prozent im Vergleich zum Vormonat gestiegen.

Gestützt wurde die Auftragsentwicklung auch durch Auslandsaufträge. Diese stiegen um 2,2 Prozent. Die Nachfrage aus den 21 Ländern der Eurozone legte um 11,2 Prozent zu. Die Aufträge außerhalb der Eurozone sanken hingegen um 3,2 Prozent. Aufträge aus dem Inland stiegen um 1,3 Prozent.

"Insgesamt machen die heutigen Zahlen Hoffnung auf eine moderate Erholung der deutschen Industrie, die nach einer langen Stagnationsphase zuletzt auch noch vom Iran-Krieg gebeutelt wurde", kommentierte Commerzbank-Ökonom Marco Wagner. Er verweist auf die Öl- und Gaspreise die zuletzt deutlich gefallen sind. Die Ölpreise fielen zuletzt unter das Niveau, das vor Kriegsbeginn Ende Februar herrschte. Ende März war der Ölpreis noch bis auf fast 120 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen. Am Montag kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent rund 72 Dollar.

VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel erwartet keine kräftige Erholung in diesem Jahr. "Der schrumpfende Automobilbau belastet viele Zulieferer, besonders der Maschinenbau leidet darunter", heißt es in einer Analyse. "Der Iran-Krieg dämpft die positiven Effekte der staatlichen Rüstungs- und Infrastrukturausgaben."

Entscheidend dürfte für die Industrie die Entwicklung im Nahen Osten sein. Die Hoffnung auf eine nachhaltige Lösung im Iran-Krieg hatte die Ölpreise zuletzt stark gedrückt. Die Entspannung am Ölmarkt entlastet auch die Industrie. Zudem sinkt bei fallenden Ölpreisen die Wahrscheinlichkeit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen weiter anhebt. Zuletzt hatte die Notenbank im Juni den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Steigende Zinsen verteuern Kredite. Dies wirkt sich negativ auf Investitionen aus und belasten die Nachfrage.

Allerdings ist die Lage im Nahen Osten weiter durch große Unsicherheiten geprägt. Eine erneute Verschärfung kann die Ölpreise wieder nach oben treiben. Auch das Wirtschaftsministerium verweist auf die hohe Unsicherheit bis zu einem endgültigen Abschluss der Friedensverhandlungen.

Ökonomen sehen aber neben den Folgen des Iran-Kriegs weiterhin strukturelle Faktoren, die eine Erholung erschweren. "Die Kosten sind zu hoch, das Regulierungsdickicht ist üppig und der Fachkräftemangel eine reale Herausforderung", kommentierte Jens-Oliver Niklasch, Volkswirt bei der Landesbank Baden-Württemberg. "Die Frage ist, ob die jüngsten Reformvereinbarungen der Bundesregierung den Knoten platzen lassen." Nach seiner Einschätzung stimme aber die Richtung.

Eine starke Erholung sei aber angesichts der "Erosion der Standortqualität" in Deutschland nicht zu erwarten, schreibt Commerzbank-Ökonom Wagner. "Auch wenn das Reformpaket der Bundesregierung in einzelnen Punkten Fortschritte gebracht hat, dürfte es aber keinen Durchbruch in der Breite darstellen."

Die Spitzen der Koalition aus CDU, CSU und SPD hatten am Mittwoch ein umfangreiches Reformpaket beschlossen. Es umfasst vor allem eine Steuerreform mit der Entlastung niedriger und mittlerer Einkommen, eine Rentenreform, eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung und einen Bürokratieabbau.

Etwas Hoffnung macht der vom Institut Sentix erhobene Konjunkturindikator für die Eurozone. Dieser erholte sich im Juli den dritten Monat in Folge. Der Anstieg war auch stärker als erwartet. "Rückenwind liefert die deutliche Aufhellung der deutschen Konjunktur", heißt es in der Mitteilung. "Die neuesten politischen Maßnahmen scheinen bei den Anlegern Eindruck zu machen."

Zuvor hatten sich auch andere wichtige Frühindikatoren verbessert. So hatte sich im Juni auch das viel beachtete Ifo-Geschäftsklima erholt. Auch hier wurde auf die Entspannung im Nahen Osten verwiesen. An den Finanzmärkten wird aber weiterhin nur ein schwaches Wirtschaftswachstum erwartet. Die Commerzbank prognostiziert für das laufende Jahr nach den Daten weiterhin nur ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent. Die Deutsche Bundesbank hatte ihre Prognose Mitte-Juni auf 0,5 Prozent reduziert.

Weiteren Aufschluss über die Entwicklung der Industrie dürften die am Dienstag anstehenden Produktionsdaten für Mai liefern. Hier erwarten Ökonomen im schnitt einen leichten Anstieg.

de | boerse | 69705053 |