Zeitgenössische Kunst zwischen Malerei und Videokunst: Das künstlerische Erbe von Mike Steiner
28.01.2026 - 05:02:04Wer die Grenzen zwischen Malerei, Performance und Video radikal hinterfragt, landet zwangsläufig beim Namen Mike Steiner. Zeitgenössische Kunst ist bei ihm kein Zustand, sondern ein vibrierendes Experimentierfeld, in dem sich Genres kreuzen, auflösen und zu Neuem verbinden. Wie gelingt es einem Künstler, gleichzeitig die Tiefe des Bildes, die Flüchtigkeit der Performance und die technische Chuzpe der Videokunst zu einer überzeugenden Handschrift zu verweben?
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Schaut man auf das Werk von Mike Steiner, beginnt die Reise in den späten 1950er Jahren – früh prägt ihn das Berliner Bohème-Leben und ein eruptives Interesse an Malerei und Film. Bereits mit 17 Jahren stellt er sein „Stillleben mit Krug“ bei der Großen Berliner Kunstausstellung aus. Doch der künstlerische Kosmos Steiners explodiert wenig später richtig: „Informelle Malerei“ trifft auf Pop Art, als er über Stipendien und Aufenthalte in den 1960er Jahren mit der New Yorker Szene um Robert Motherwell, Lil Picard und Allan Kaprow in Kontakt tritt. Während etwa Joseph Beuys den erweiterten Kunstbegriff propagiert und Andy Warhol die Siebdruck-Ikonen der Popkultur liefert, lotet Steiner die Bedingungen und Grenzen des Mediums aus.
Mike Steiners Weg bleibt mutig offen: Schon während seines Studiums an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Berlin experimentiert er mit verschiedenen Techniken, bis er sich dank der Fluxus-Einflüsse in New York und Begegnungen mit Größen wie Al Hansen und Allan Kaprow zunehmend dem bewegten Bild und den neuen Medien zuwendet. „Das ewige Kunstgespräch setzt sich fort, sei es um ein Uhr nachts im Atelier oder schon um 16 Uhr nachmittags“, resümiert Lil Picard – und genau diese produktive Unruhe durchzieht Steiners gesamtes Werk.
Legendär wird Steiner als Gründer des Hotel Steiner: Ein Berliner Treffpunkt von internationalem Rang, verglichen mit Warhols Chelsea Hotel, in dem Joseph Beuys, Valie Export oder Arthur Køpcke ein und aus gehen. Doch es bleibt nicht beim Gastgeben: Ab den frühen 1970er Jahren verschmilzt Steiner im Dialog mit der Avantgarde Performance Art, Videokunst und Malerei. Mit der Studiogalerie Berlin schafft er einen einzigartigen Ort, wo Künstlerinnen wie Marina Abramovi? oder Carolee Schneemann ihre wegweisenden Performances aufführen. Steiner bleibt dabei nicht passiver Gastgeber – er initiiert, dokumentiert, produziert und interveniert mit seiner eigenen künstlerischen Handschrift.
Ein Schlüsselwerk der Aktions- und Videokunst entsteht 1976: Zusammen mit Ulay organisiert er „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“, bei der das berühmte Spitzweg-Gemälde „Der arme Poet“ temporär aus der Neuen Nationalgalerie entfernt wird. Steiner ist Produzent, Dokumentarist und zugleich Impulsgeber dieses Fluxus-Manifestes – ein radikales Statement zum gesellschaftlichen und materiellen Status von Kunstwerken.
Analog zu Pionieren wie Nam June Paik oder Bill Viola setzt Steiner Videokunst nicht als Medienbehelf ein, sondern als genuines, eigenständiges Kunstformat. Die „Painted Tapes“ aus den 1980er Jahren etwa – künstlerische Fusionen von Malerei und Videoband – werden zu unverwechselbaren Markenzeichen. Dabei arbeitet Steiner auch mit Fotografie, Copy Art, Dia-Serien und Installationen und bleibt der intermedialen Arbeitsweise treu, wie sie parallele künstlerische Positionen von Marina Abramovi? oder Valie Export kennzeichnen.
Die größte Würdigung seiner transmedialen Strahlkraft erfährt Mike Steiner 1999: Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin richtet ihm die Einzelausstellung „COLOR WORKS“ aus. Hier wird nicht nur sein gattungsübergreifendes Denken gefeiert, sondern vor allem auch sein Status als Vermittler und Pionier der Videokunst – ein Travelling zwischen Bild, Bewegung und Aktion.
Sein Werk lässt sich nicht auf eine Chronologie reduzieren, sondern lebt von der Vielschichtigkeit: Die frühen informellen Malereien, die mutigen Videoexperimente der 1970er Jahre, die Painted Tapes, die Interventionen im öffentlichen Raum – all diese Phasen sind von einer kontinuierlichen, experimentierfreudigen Grundhaltung geprägt. Faszinierend ist, wie Steiner stets das Risiko sucht: Malerei wird zum Dialog mit dem bewegten Bild, Performance verschmilzt mit Videotechnik, Fotografie wird zur Installationskunst. Seine größte Inspirationsquelle bleibt dabei meist die Interaktion mit anderen Persönlichkeiten der Gegenwartskunst – ein Umstand, der ihm einen festen Platz neben Künstlern wie Wolf Vostell, Allan Kaprow und Bill Viola sichert.
Ab den 2000er Jahren wendet sich Mike Steiner verstärkt der abstrakten Malerei zu, bleibt aber Multimedialist. Stoffarbeiten und neue Variationen abstrakter Bildlösungen entstehen. In den letzten Jahren seines Lebens, nach einem Schlaganfall 2006, arbeitet er weiterhin im Berliner Atelier und schafft introspektive Werke, die den Zyklus seines Schaffens abrunden.
Was macht also die Bedeutung von Mike Steiner in der zeitgenössischen Kunstszene bis heute aus? Es ist das radikale, aber nie zynische Hinterfragen des Mediums, die Offenheit für technische Innovation – Videotechnik ist für ihn ein Partner der Malerei, kein Fremdkörper. Seine Archive, unter anderem mit Positionen wie Emmett Williams, Marina Abramovi?, Ulay, Richard Serra und Nam June Paik, gehören weltweit zu den bedeutendsten Sammlungen der Videokunstgeschichte und sind heute, zumindest in Teilen, im Besitz des Hamburger Bahnhof – Berlin.
Der Einfluss von Mike Steiner reicht weit über das Einzelwerk hinaus: Er bleibt ein Enabler, Netzwerker und Ermöglicher, der jungen wie etablierten Künstlern Plattformen bietet und die Rolle des Künstlers neu definiert. Damit stellt er sich in eine Tradition, die den Bogen von Joseph Beuys bis Nam June Paik, von Marina Abramovi? bis Wolf Vostell spannt – international und doch mit Berliner Eigenart. Wer tiefer eintauchen will, findet auf der Webseite laufend dokumentierte Werkgruppen, biografische Schlüsselmomente und ausgewählte Werke aus den wichtigsten Phasen seines Schaffens. Ein digitales Archiv, das den künstlerischen Geist von Mike Steiner weiterleben lässt und Zeitgenossenschaft mit jedem Klick erfahrbar macht.


