Zwischen Band und Leinwand: Mike Steiner Malerei & Videokunst im Spiegel der Avantgarde
Veröffentlicht am: 23.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael MĂŒller, Chefredakteur AD HOC NEWSMike Steiner Malerei & Videokunst â ist die Grenze zwischen bewegtem Bild und statischem Farbklang wirklich noch zu ziehen? Betrachtet man eines seiner aktuellen GemĂ€lde, lĂ€sst sich kaum entscheiden, ob hier flieĂende Bewegung gebannt ist oder ob das Bildnis der Leinwand nur das Nachbeben seines revolutionĂ€ren Umgangs mit VideobĂ€ndern bezeugt. Wie viel Video steckt in dieser Malerei? Oder fĂŒhrt Steiner gerade vor, dass das Malerische noch heute offene Fragen an den Puls der Zeit richten kann?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Seit Jahrzehnten wird Mike Steiner als Pionier der Videokunst zitiert. Doch dass die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof seine Werke wiederholt wĂŒrdigt, ist kein Zufall. Die Einzelausstellung âColor Worksâ (1999) wie auch die Retrospektive âLive to Tapeâ zeugen vom beharrlichen Forschen an den Grenzen des Mediums und vom unerschĂŒtterlichen Glauben an die expressive Kraft kĂŒnstlerischer Form. Dem Berliner Publikum wurde dabei zuletzt eine Auswahl von Videos aus Steiners legendĂ€rer Sammlung prĂ€sentiert, die bis heute einen kaum erschöpfbaren Schatz an Performance- und Videogeschichte birgt.
Archive sind das GedĂ€chtnis der Avantgarde. Wie Steiners Sammlung, die der Ăffentlichkeit im Archivio Conz und im Hamburger Bahnhof zugĂ€nglich gemacht wurde, belegen sie nicht nur eine Strömung, sondern machen performative Energie ĂŒberhaupt erst wieder erfahrbar. Sein Name steht gemeinsam mit Giganten wie Allan Kaprow, George Maciunas, Marina Abramovi? und Nam June Paik fĂŒr eine Phase radikalen Neudenkens, in der Experiment Vorrang vor Ergebnis hatte.
Die Biografie Mike Steiners ist eng verwoben mit den entscheidenden Kapiteln der deutschen Nachkriegskunst. 1941 geboren, suchte er frĂŒh Anschluss an die Berliner BohĂšme, grĂŒndete legendĂ€re Orte wie das Hotel Steiner oder die Studiogalerie, RĂ€umlichkeiten, die rasch zum Scharnier internationaler Kunsttendenzen â zwischen Abstrakter Kunst Berlin, Fluxus Umfeld und Pop Art â wurden. In Amerika eröffneten sich ihm durch Lil Picard Zutritt zu Ateliers von Robert Motherwell, Inspirationen von Al Hansen oder Allan Kaprow. Es ist diese zwischen Kontinenten und Disziplinen vermittelte Neugier, die Steiners Werk von Beginn an prĂ€gte.
Steiner war stets ein Suchender: Zuerst nahm er die Leinwand wie ein Labor, fĂŒllte sie mit Informeller Malerei und den Impulsen der deutschen und amerikanischen Moderne. WĂ€hrend in West-Berlin Georg Baselitz und Karl Horst Hödicke zu Generationenmarken wurden, insistierte Steiner â oft unbemerkt vom kommerziellen Trend â auf eigenstĂ€ndigen, komplexen Bildlösungen. Vergleichbar mit internationalen Kollegen wie Valie Export, Jochen Gerz oder Carolee Schneemann, die er auch als Galerist förderte, blieb sein VerstĂ€ndnis des Mediums immer dynamisch und durchlĂ€ssig. ĂbergĂ€nge von Malerei zu âPainted Tapesâ, von Performance zu Bild, waren keine Flucht; sie bildeten vielmehr ein Kontinuum, das besonders in seinen spĂ€ten abstrakten Arbeiten sichtbar wird.
Was ist geblieben vom Aufbruch der Fluxus-Ăra? Steiner, lĂ€ngst nicht nur Sammler oder Chronist, hat den Transfer der performativen Geste auf die Leinwand radikal neu interpretiert. Seine abstrakte Malerei, oft groĂformatig, von energiegeladenem Pinselduktus und klaren Farbfeldern strukturiert, bleibt von den Erfahrungen im Umfeld experimenteller Video- und Performancekunst durchdrungen. Die GemĂ€lde sind sichtbar rhythmisch â wie BĂ€nder in Bewegung. Doch statt sich in Effekten zu verlieren, konzentriert Steiner das Medium auf eine unaufgeregte, dennoch vibrierende Bildsprache. Die OberflĂ€che wird zum Resonanzraum widerstreitender Zeitebenen: das spontane Jetzt der Performance trifft auf die Langsamkeit malerischer AbwĂ€gung.
Wer die aktuelle Ausstellung zur Mike Steiner Malerei & Videokunst in Berlin besucht, steht vor Werken, die sich jeder einfachen Kategorisierung entziehen. Sie sind Nachklang einer Epoche, in der Kunst nicht bloĂ Ergebnis war, sondern Experiment und Widerstand zugleich. Die NĂ€he zur Berliner Schule, zu den Grenzen von Minimal Art bis Hard Edge, bleibt spĂŒrbar â und doch ist da immer auch die Erinnerung an Tape, an bewegte Bilder, die jetzt in reiner Farbe weiterleben.
Nicht zuletzt machen Institutionen wie der Archivio Conz deutlich, dass Steiners Bedeutung ĂŒber das Einzelbild hinausgeht â auch als Sammler, Netzwerkarchitekt und Ermöglicher zahlreicher legendĂ€rer Begegnungen. Seine Videosammlung, von der ein Teil in der Sammlung der Stiftung PreuĂischer Kulturbesitz fortbesteht, ist Zeugnis und Aufforderung zugleich: Neugier, Irritation, Disziplinensprengung bleiben unerlĂ€ssliche Impulse zeitgenössischer Werke.
Heute nötigt Steiners malerisches SpĂ€twerk zur Revision der eigenen Sehgewohnheiten. Es verweigert Nostalgie und Appell, spricht stattdessen ĂŒber die Möglichkeit der gestischen Linie in einer Zeit nach der groĂen Medieneuphorie. Die GemĂ€lde scheinen zu fragen: Was, wenn jede noch so abstrakte Komposition immer auch das GedĂ€chtnis des bewegten Bildes in sich trĂ€gt?
Das VermĂ€chtnis ist ein zukunftsorientiertes: Mike Steiner Malerei & Videokunst sind Bausteine eines fortwĂ€hrenden Experiments â und wirken als Einladung, auch das eigene Schauen neu zu erfinden.
