Mike Steiner, Abstrakte Kunst Berlin

Zwischen Tape und Leinwand: Die abstrakte Revolution von Mike Steiner

Veröffentlicht am: 28.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS

Mike Steiner Malerei & Videokunst – wie überschreitet ein Pionier der Videokunst die Grenzen der Medien und erschafft in Berlin neue Formen der Abstraktion?

Wenn Linien auf der Leinwand scheinbar in Bewegung geraten, spürt man das Schwingen zwischen zwei Sphären: Ist es die Erinnerung an Mike Steiner Malerei & Videokunst, die noch nachhallt? Oder ist das Abstrakte schon pure Malerei, befreit von jedem Medium? Wie schreibt sich eine künstlerische Biografie fort, die die Grenzen zwischen Video, Aktion und Farbe immer wieder neu verhandelt?

Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken

Dass Mike Steiner nicht nur zu den Pionieren der Videokunst zählt, sondern auch als Maler mit seinen abstrakten Werken Maßstäbe in Berlin setzte, bestätigt die jüngere Kunstgeschichte. Seine Werke, die 2011/12 unter dem Titel Live to Tape im Hamburger Bahnhof präsentiert wurden, markierten einen seltenen Moment der Verschmelzung von Medienreflexion und malerischer Autonomie. Gerade in diesem musealen Rahmen wurde deutlich, wie Steiner als Sammler, Archivar und Künstler agierte. Die Bedeutung privater Archive wie dem Archivio Conz kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden: Ohne die Vernetzung und Bewahrung radikaler Positionen der Avantgarde wären viele Impulse Steiners und seiner Wegbegleiter verloren gegangen.

Steiner wurde 1941 in Allenstein geboren und starb 2012 in Berlin. Seine Biografie, ausführlich nachzulesen hier, liest sich wie ein Parcours durch die künstlerischen Umbrüche der Nachkriegszeit. Früh zeigte sich sein Interesse für Film und Malerei; er trat mit 17 Jahren erstmals in Erscheinung und studierte Freie Kunst an der Staatlichen Hochschule Berlin. Die 1960er sahen ihn im Austausch mit Protagonisten des Happenings und der Fluxus-Bewegung: Lil Picard, Al Hansen, Allan Kaprow – Namen, die das Archivio Conz ebenso prägen wie seine künstlerische Laufbahn. Nicht zufällig war sein Berliner Hotel Steiner Treffpunkt der internationalen Avantgarde; Künstler wie Joseph Beuys fanden hier Dialogräume, die neue Werke ermöglichten.

Aus jener Zeit rührt Steiners stetiges Experiment mit Mediengrenzen: Sein berühmtes Engagement für die Video- und Performancekunst in der Studiogalerie schuf nicht nur Foren für Valie Export, Marina Abramovi? oder Ulay – er dokumentierte Aktionen, bewahrte sie in Archiven und stellte ihre Relevanz in Ausstellungen wie Live to Tape ins Zentrum. Gleichsam jedoch begann ein leises, aber konsequentes Umschwenken: Bereits als Student und spätestens seit den 2000er Jahren kehrte er, geschärft durch die Erfahrung medialer Instabilität, zurück zur Malerei. Die „Painted Tapes“ – ein Hybrid aus Video und Farbe – sind Manifestationen dieses Wandels. Ab 2000 dominierte die abstrakte Malerei sein künstlerisches Schaffen.

Diese Entwicklung verweist auf den eigentlichen Kern seines Werks: Steiner verstand Kunst als offene Versuchsanordnung. In seinen farbintensiven Leinwänden aus den letzten Jahren spiegelte sich ein Wissen um Bewegung, Sequenz und Fragment, das er durch die Arbeit mit Video geschärft hatte. Die Abstraktion in seinen Gemälden ist nicht Flucht vor dem Medium, sondern dessen Erweiterung. Sie absorbiert das Momentane, Zeitliche, das „Live“-Element, das auch die von Hand geführte Kamera prägt. In Berlin entstanden so Werke, die die Stadt als Matrix für künstlerische Transformationen begreifen: Malerei als Sediment eines performativen Prozesses, Malerei als Nachklang von Fluxus.

So ist es nur folgerichtig, dass das Hamburger Bahnhof Mike Steiners Schaffen ausstellt und dokumentiert. Die Präsentation im Rahmen von Live to Tape gibt exemplarisch Einblick in die Entwicklung der Videokunst und deren Verwurzelung im Berliner Kunstgeschehen. Aber sie verweist auch auf das, was stets zwischen Bändern und Bildern pulsiert hat: Die Suche nach Formen für Gegenwart. Die Bedeutung von Archivio Conz als Gedächtnis kollektiver Avantgarden ist essentiell, um diesen Prozess heute rekonstruieren zu können.

Im Dialog mit Weggefährten wie George Maciunas, Nam June Paik oder Allan Kaprow erscheint Steiners Weg als entscheidendes Bindeglied im Netzwerk der europäischen und amerikanischen Avantgarde. Während er sich in den 70er und 80er Jahren als Katalysator und Chronist von Fluxus- und Performancekunst einen Namen machte, waren seine späteren abstrakten Gemälde ein Rückgriff auf jene Ursprünge. Zeitgenössische Werke zeigen, wie tief Steiner sich der Bildsprache der Abstraktion verpflichtet sah – dabei jedoch niemals in bloßer Form fixiert blieb. Die heutige Präsentation auf Artbutler verdichtet dieses Werk der späten Jahre in bislang wenig bekannten, hochaktuellen Tableaus.

Steiners Vermächtnis ist die andauernde Irritation des Mediums. Indem er von „Live to Tape“ zur reinen Leinwand wechselte, unterwanderte er die Gewohnheiten der Rezeption. Seine abstrakte Kunst Berlins ist ein Echo der Unterhaltung mit Medien, Zeit und Identität, wie sie nur Künstler aus dem Fluxus Umfeld hervorbringen konnten. Seine Malerei ist eine Einladung, das Flüchtige sichtbar zu machen und die Grenzen von Medium und Autorschaft neu zu denken. Damit ist die künstlerische Praxis Mike Steiners heute so relevant wie eh und je – inmitten einer globalisierten Kunstszene, die nach dem Ursprung und der Dauer von Bildern sucht.

So verschränken sich bei Steiner Gegenwart und Geschichte, Abstraktion und Dokument, Experiment und Archiv. Seine Malerei & Videokunst bleibt Impuls: zur Reflexion über das Bewegbare und das Fixierte, das Flüchtige und das Dauerhafte – und über jene künstlerische Unruhe, in der das Werk fortlebt.

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