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Amazon Aktie: 53,4-Milliarden-Papiergewinn aus Anthropic

Veröffentlicht am: 07.08.2026 um 21:59 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Amazon erzielt Rekordgewinn dank KI-Beteiligungen, investiert aber massiv in Infrastruktur. Der freie Cashflow ist negativ, während die Aktie neue Höchststände erreicht.

Amazon: KI-Beteiligungen treiben Gewinn, Investitionen explodieren
Abstrakte Darstellung neuronaler Netzwerke und künstlicher Intelligenz in blauem und goldenem Licht. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Ein Konzern verdient in einem einzigen Quartal 62,64 Milliarden Dollar Nettogewinn – und trotzdem fließt operativ weniger Geld in die Kasse, als draußen abfließt. Genau das ist bei Amazon gerade passiert, und es erzählt mehr über den Umbau der Tech-Branche als jede Kurszahl allein. Der Konzern investiert derzeit so aggressiv in Rechenzentren und künstliche Intelligenz, dass die eigenen Beteiligungen an KI-Start-ups mittlerweile einen größeren Beitrag zum Ergebnis leisten als das Kerngeschäft selbst.

Der Bilanztrick, der keiner ist

Ende Juli meldete Amazon für das zweite Quartal einen Umsatzsprung um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden Dollar, nach 167,7 Milliarden Dollar ein Jahr zuvor. Die Cloud-Sparte AWS wuchs um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar, das operative Ergebnis der Sparte kletterte auf 16,6 Milliarden Dollar. Das war das schnellste AWS-Wachstum seit 18 Quartalen. Der eigentliche Ausreißer aber steckt tiefer in der Bilanz: Die jüngste Unternehmensmeldung bewertet die 13-Milliarden-Dollar-Beteiligung an Anthropic inzwischen mit 190,4 Milliarden Dollar – ein Papiergewinn von 53,39 Milliarden Dollar, der allein für einen Großteil des Nettogewinns sorgte. Anthropic selbst plant für Oktober den Börsengang, nach einer Mai-Finanzierungsrunde mit einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar und einem angepeilten IPO-Wert von mindestens einer Billion Dollar. Sollte das eintreten, könnte Amazons 21-Prozent-Anteil laut einer Analyse von Motley Fool auf über 210 Milliarden Dollar steigen. Wohlgemerkt: Das ist eine Bewertung, kein Cashflow.

Die Wette auf die nächste Cloud-Generation

Parallel dazu hat Amazon seine Investitionsplanung für 2026 von 200 auf rund 220 Milliarden Dollar angehoben. CEO Andy Jassy nannte steigende Speicherpreise als Treiber. Im Earnings-Call ließ das Management durchblicken, wie knapp die Kapazitäten inzwischen sind: Rechenzentrumsflächen für 2027 seien größtenteils reserviert, erste Zusagen reichten sogar bis 2028. Man erwarte, für die nächsten zwei bis drei Jahre spürbar weiter zuzubauen. Diese Aussage passt zum jüngsten Deal mit OpenAI: Amazon hat die im Februar angekündigte 50-Milliarden-Dollar-Investition inzwischen vollständig ausgezahlt, zuletzt 21,3 Milliarden Dollar nach dem 30. Juni. Im Gegenzug hat OpenAI AWS zum exklusiven externen Cloud-Anbieter für sein Frontier-Programm gemacht und die Infrastrukturvereinbarung um weitere 100 Milliarden Dollar über acht Jahre ausgeweitet, verbunden mit einer Zusage über zwei Gigawatt AWS-Trainium-Rechenkapazität. Wer noch zweifelte, ob Amazon im KI-Rennen vorne mitspielt, bekommt hier eine deutliche Antwort.

Die Börse honorierte das mit einem neuen Rekordhoch, die Marktkapitalisierung übersprang erstmals die Marke von drei Billionen Dollar. Im deutschen Handel notiert die Aktie aktuell bei 240,45 Euro, ein Plus von 1,76 Prozent auf Tagesbasis, und liegt damit nur noch 3,43 Prozent unterhalb ihres bisherigen 52-Wochen-Hochs. Die Rekordreaktion zeigt: Anleger blenden die Kehrseite – den freien Cashflow der vergangenen zwölf Monate, der ins Negative gedreht ist – derzeit weitgehend aus.

Wachstum hat einen Preis, nicht nur einen Nutzen

An der Wall Street überwiegt die Zuversicht. JPMorgan-Analyst Douglas Anmuth bekräftigte am 5. August seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 365 Dollar und bezeichnete AWS als verlässlichen Wachstumsmotor. Benchmark hatte sein Kursziel bereits am 31. Juli von 370 auf 400 Dollar angehoben und begründete dies mit beschleunigtem AWS-Wachstum und wachsendem Margenpotenzial durch KI-Monetarisierung. Institutionelle Investoren wie Vanguard, State Street und Geode Capital Management bauten ihre Positionen zuletzt weiter aus – zugleich meldeten mehrere kleinere Vermögensverwalter Anfang August Reduzierungen, ein gemischtes Bild also, während gleichzeitig zahlreiche Insider-Transaktionen der vergangenen Zeit eher in Richtung Verkauf tendierten.

Nicht alles läuft reibungslos. New Jerseys Generalstaatsanwältin Jennifer Davenport verklagte Amazon am Montag wegen mutmaßlichen Missbrauchs seiner Marktmacht gegenüber Zustellpartnern im Delivery-Service-Partners-Programm – nach Angaben ihres Büros die erste Klage eines Bundesstaates dieser Art wegen sogenannten Monopson-Verhaltens. Ein Amazon-Sprecher wies die Vorwürfe zurück. Es ist nicht der einzige Rechtsstreit: Klagen der US-Handelsaufsicht FTC und Kaliforniens wegen mutmaßlicher Monopolisierung des Online-Handels laufen bereits.

Amazon steht damit exemplarisch für ein Spannungsfeld, das die gesamte Tech-Branche gerade durchlebt: enorme Bewertungsgewinne aus KI-Beteiligungen, ambitionierte Infrastrukturwetten – und parallel dazu wachsender regulatorischer Gegenwind sowie eine Kasse, die dem Tempo der Investitionen erst einmal folgen muss. Ob sich diese Rechnung am Ende trägt, wird sich zeigen, wenn Anthropic tatsächlich an die Börse geht und aus Papierwert reale Liquidität wird.

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