WOCHENAUSBLICK: Ende der Turbulenzen wegen Trumps Zöllen nicht in Sicht
07.04.2025 - 05:50:02Bis sich die Auswirkungen des Zollkriegs klarer herauskristallisieren, mehr ĂŒber Gegenzölle bekannt wird oder mit den Kontrahenten ĂŒber erste Deals gesprochen wird, rechnen Marktbeobachter weiter mit gröĂeren Kursschwankungen. Nach den heftigen Verlusten der vergangenen Tage könnten diese die MĂ€rkte auch noch weiter nach unten fĂŒhren.
Hatte der Dax DE0008469008 zu Zeiten des MĂ€rz-Rekords noch ein Jahresplus von knapp 18 Prozent vorzuweisen, droht dieses mit weiteren Abgaben ganz aufgezehrt zu werden. Nach dem Kursdesaster vom Donnerstag ging die Verkaufswelle am Freitag weiter. Mit dem Rutsch unter bereits drei Tausendermarken wurde viel Porzellan zerschlagen. Nun dĂŒrfte dem Erhalt der 20.000er-Marke umso gröĂere Bedeutung zukommen.
In den USA fehlen dem technologielastigen Nasdaq 100 US6311011026 seit seinem Februar-Rekord nur noch wenige Prozent, um in einen BĂ€renmarkt zu geraten. Per gelĂ€ufiger Definition passiert dies mit einem RĂŒckgang um mehr als 20 Prozent.
Die US-Aktienstrategin Lori Calvasina von der kanadischen RBC sieht derzeit eine Wachstumsangst Ă€hnlich jener zu Zeiten der EinbrĂŒche in den Jahren 2010, 2011, 2015/16 und 2018. Mit Blick auf den marktbreiten US-Index S&P 500 US78378X1072 senkte sie ihr Kursziel nun deutlich von 6.200 auf 5.550 Punkte - und macht damit ihr bisheriges Negativ- zum Basisszenario. WĂ€hrend einige am Glauben festhalten, dass die US-Börsen das Jahr 2025 noch mit Kursgewinnen beenden können, suggeriert ihr neues Kursziel dies nicht mehr.
"US-PrĂ€sident Trump hat die nĂ€chste Eskalationsstufe seiner Zollpolitik gezĂŒndet. Die Rhetorik macht ein ZurĂŒckrudern schwierig", kommentierte die LBBW die Zölle aus Washington, denen zufolge Importe aus der EU beispielsweise mit 20 Prozent besteuert werden sollen. "SpĂ€testens jetzt ist klar, dass es dem WeiĂen Haus nicht um die Wiederherstellung fairer Wettbewerbsbedingungen, sondern um die Entfesselung eines Handelskrieges geht."
Robert Halver von der Baader Bank sprach gar von "aktiver Wohlstandsvernichtung", die der US-PrĂ€sident betreibe. Seiner EinschĂ€tzung nach destabilisiert der neuerliche Zollschlag "die Statik der Globalisierung als bislang zuverlĂ€ssiges Fundament der Weltwirtschaft". Dabei sprĂ€chen die Bewegungen an den FinanzmĂ€rkten eine deutliche Sprache. Der sogenannte "Trump-Trade", der nach Trumps Wahlsieg zunĂ€chst die Kurse beflĂŒgelt hatte, habe sich vollstĂ€ndig in Luft aufgelöst.
"Die laufende AbwĂ€rtsbewegung kann durchaus noch ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum anhalten", geben sich die LBBW-Experten skeptisch. Doch Halver glaubt, dass aufgrund des dramatischen Stimmungsverfalls bereits viel Negatives in den Aktienkursen enthalten ist. "Auch wenn es schwerfĂ€llt, sollte man sich nicht vollstĂ€ndig von den Börsen verabschieden." Anleger mit lĂ€ngerfristigem Horizont könnten sich bei einer fortgeschrittenen Korrektur allmĂ€hlich wieder Zyklikern nĂ€hern.
Wie es politisch weiter geht, steht in den Sternen. "Die USA sehen sich in einer Position der StĂ€rke und wollen industrielle Wertschöpfung ins eigene Land zurĂŒckholen. Sie laufen aber Gefahr, im Gegenteil ihre Stellung als fĂŒhrende Wirtschaftsmacht zu unterminieren", heiĂt es von der LBBW. Gegenzölle, wie sie am Freitag aus China vermeldet wurden, drohen den Handelskrieg zu verschĂ€rfen. Laut dem Börsenbrief-Autor Hans Bernecker hat Europa in der möglichen Besteuerung der groĂen US-Technologiekonzerne ein "ĂŒberzeugendes Druckmittel".
Entlastung könnte es geben, wenn Trump seinem Ruf als "Deal-Maker" gerecht wird. "Sinkende Umfragewerte und schwache FinanzmĂ€rkte sollten Trump unter normalen Bedingungen sowieso bewegen, seine unorthodoxe Handelspolitik zu ĂŒberdenken", glaubt der Baader-Fachmann Halver. "Noch allerdings geht er All In", gibt er sich in diesem Punkt verhalten. Der Zeitpunkt einer Erkenntnis sei noch nicht absehbar.
Laut der Commerzbank hat sich vor allem das Bild in der US-Realwirtschaft deutlich eingetrĂŒbt, wĂ€hrend höhere Inflationserwartungen die Sorgen vor einer Stagflation verstĂ€rkten. Das Wort beschreibt eine Situation, in der die Wirtschaft nicht wĂ€chst, wĂ€hrend die Preise anziehen. Dann stehen Notenbanker vor dem schwierigen Spagat, die Inflation mit höheren Zinsen zu bekĂ€mpfen, wĂ€hrend die Wirtschaft eigentlich mit Zinssenkungen gefördert werden mĂŒsste. DiesbezĂŒgliche Bedenken könnten am Donnerstag von den anstehenden Inflationszahlen aus den USA nochmals verstĂ€rkt werden.
Ăkonomen der Bank of America glauben, dass die angekĂŒndigten Zollerhöhungen das Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um mindestens 0,5 Prozentpunkte senken könnten. Dabei glauben sie an die gröĂte Bremswirkung um 1,0 bis 1,5 Prozentpunkte in den USA, gefolgt von einem Prozentpunkt in China und 0,4 bis 0,6 Prozentpunkten in der EuropĂ€ischen Union. Der Stratege der US-Bank, Sebastian Raedler, erwartet daher weiterhin eine relative StĂ€rke defensiver Werte, wĂ€hrend er wie schon zuletzt besonders groĂe AbwĂ€rtsrisiken im Bankenbereich sieht.
Was deutsche Unternehmen betrifft, sehen auch die Commerzbank-Fachleute einen betrĂ€chtlichen Risikofaktor fĂŒr die Gewinnperspektiven. Von einer derzeit stattfindenden Konsolidierung nach der im MĂ€rz absolvierten Fiskalpaket-Rally zeigen sie sich daher nicht ĂŒberrascht. Mit Blick auf die kommenden Quartale dĂŒrfte das enorme Fiskalpaket der deutschen Regierung die Gewinnperspektiven der Dax-Werte aber dann stĂŒtzen, glauben sie. Auch diesbezĂŒglich sind die tatsĂ€chlichen Auswirkungen aber noch nicht klar absehbar./tih/ag/ajx/men/nas
--- Von Timo Hausdorf, dpa-AFX ---

