ROUNDUP, Warkens

Was kommt in Warkens 'Werkzeugkasten' fĂŒr stabile BeitrĂ€ge?

30.03.2026 - 18:05:20 | dpa.de

Eine höhere Zuzahlung fĂŒr Medikamentenpackungen, Bremsen fĂŒr Ärztehonorare, eine Steuer auf gezuckerte GetrĂ€nke: Eine Expertenkommission der Bundesregierung schlĂ€gt Eingriffe bei den Ausgaben und Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) vor, um neue Beitragsanhebungen abzuwenden.

Das Gremium stellte 66 Empfehlungen vor, die Einsparungen von bis zu 42 Milliarden Euro fĂŒr 2027 ermöglichen wĂŒrden. Gesundheitsministerin Nina Warken strebt an, bis zum Sommer GesetzesplĂ€ne ins Kabinett bringen.

Die CDU-Politikerin sagte in Berlin, sie sei dankbar, dass die Kommission "einen gut gefĂŒllten Werkzeugkasten" vorgelegt habe, aus dem man jetzt die besten herausnehmen werde. Es werde mit ihr "keine einseitigen Reformen zulasten der Versicherten" geben. "Einnahmen und Ausgaben mĂŒssen wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden, und zwar nachhaltig, ohne Jahr fĂŒr Jahr neue Sparpakete schnĂŒren zu mĂŒssen", betonte sie. Dazu mĂŒssten alle Beteiligten beitragen. Ziel sei, vor allem "die Beitragsspirale nach oben zu stoppen."

LĂŒcke von 15 Milliarden Euro im nĂ€chsten Jahr

Akut geht es um eine absehbare FinanzlĂŒcke fĂŒr 2027, die die Kommission nun auf 15 Milliarden Euro beziffert. Sie muss geschlossen werden, damit nicht wie in diesem und im vergangenen Jahr schon wieder höhere ZusatzbeitrĂ€ge fĂŒr Millionen Versicherte kommen. Die VorschlĂ€ge trĂŒgen insbesondere dazu bei, dass die Kassen nicht mehr ausgeben als sie einnehmen, sagte der Vorsitzende des Gremiums, der Bielefelder Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner. Und sie eröffneten der Politik breiten Handlungsspielraum fĂŒr die Ausgestaltung.

Der Katalog, den die Kommission mit zehn Professorinnen und Professoren seit dem Herbst erarbeitete, schlĂ€gt "Belastungen auf vielen Schultern vor". Der grĂ¶ĂŸte Block mit Einsparungen von bis zu 19 Milliarden Euro könnte demnach bei Leistungserbringern wie Praxen und Kliniken sowie Herstellern liegen - vor allem dadurch, dass deren VergĂŒtungen nicht stĂ€rker steigen als die Einnahmen der Kassen. Weitere VorschlĂ€ge betreffen Pharmahersteller und Apotheken.

Höhere Zuzahlung fĂŒr Medikamente?

Ein Teil der Empfehlungen wĂŒrde bei Patientinnen und Patienten ankommen. Die Kommission ermittelte dafĂŒr insgesamt ein Sparpotenzial fĂŒr die Kassen von bis zu 4,1 Milliarden Euro. Im Blick stehen zum Beispiel die seit 22 Jahren geltenden Zuzahlungen von mindestens 5 Euro und höchstens 10 Euro, wenn man ein verschriebenes Medikament in der Apotheke abholt - diese BetrĂ€ge könnten auf 7,50 Euro und 15 Euro angehoben werden, erlĂ€uterte die stellvertretende Kommissionschefin Leonie Sundmacher von der Technischen Uni MĂŒnchen.

Ein Teil der Empfehlungen könnte nicht nur Geld sparen, sondern soll auch die Versorgung verbessern - zum Beispiel ein generelles Angebot an Patienten, vor dem Einsetzen eines kĂŒnstlichen Kniegelenks zunĂ€chst eine zweite Ă€rztliche Meinung einzuholen. Das könnte in vielen FĂ€llen eine unnötige OP vermeiden, wie Kommissions-Vize Ferdinand M. Gerlach von der UniversitĂ€t Frankfurt deutlich machte. Gestoppt werden sollte demnach auch, dass man alle zwei Jahre auf Kassenkosten zur Hautkrebs-Vorsorge gehen kann. Deutschland biete es als einziges Land fĂŒr alle ohne Symptome an. Dies habe sich aber nicht bewĂ€hrt. Die Kommission schlĂ€gt vor zu prĂŒfen, ob es fĂŒr Risikogruppen sinnvoller ist.

Modell fĂŒr Limosteuer auf gezuckerte GetrĂ€nke

Manche Forderungen aus den vergangenen Wochen prĂŒfte das Gremium, griff sie dann aber nicht als zielfĂŒhrend auf - etwa eine Erhöhung der Grenze beim Einkommen, bis zu der BeitrĂ€ge abgefĂŒhrt werden mĂŒssen, oder eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Medikamente. Auch eine "KontaktgebĂŒhr" fĂŒr jeden Praxisbesuch steht erst einmal nicht im Katalog. Die Kommission schlĂ€gt aber vor, dass eine beitragsfreie Mitversicherung fĂŒr 1,6 Millionen Erwachsene ohne Kinderbetreuung entfĂ€llt. Insgesamt profitieren davon 16 Millionen Menschen, darunter 13 Millionen Kinder.

FĂŒr Einnahmen und auch zum Vermeiden von Erkrankungen mit Kosten fĂŒr das Gesundheitssystem empfiehlt die Kommission eine Zuckersteuer auf Limonaden und Colas - und zwar schon mit einem Modell fĂŒr gestaffelte AufschlĂ€ge: 26 Cent pro Liter bei einem Zuckergehalt von 5 bis 8 Gramm pro Milliliter und 32 Cent bei mehr als 8 Gramm Zucker. Gesundheitsexperten fordern eine solche Steuer seit langem. Ein CDU-Bundesparteitag lehnte sie gerade erst ab, auch BundesernĂ€hrungsminister Alois Rainer (CSU) erteilte ihr schon eine Absage. Die Kommission empfiehlt auch Anhebungen der Tabak- und Alkoholsteuer.

Koalition demonstriert Gemeinsamkeit

Warken will den 483 Seiten starken Bericht jetzt auswerten und bewertete die einzelnen Empfehlungen zunĂ€chst ausdrĂŒcklich nicht. Sie will daraus dann ein Paket schnĂŒren, das man auch "nicht ganz auf Kante nĂ€hen" sollte, um wirklich zu stabilen BeitrĂ€gen zu kommen. Angestrebt ist, dass der Gesetzentwurf spĂ€testens im Juli ins Kabinett kommt - und wohl auch nicht ohne Gegenwind. "Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass wir die notwendigen Maßnahmen ohne eine kontroverse Diskussion jetzt beschließen können", sagte Warken.

Die schwarz-roten Koalitionsfraktionen reagierten demonstrativ gemeinsam auf die VorschlĂ€ge. Man werde die notwendigen Entscheidungen jetzt treffen und die Reformen zĂŒgig auf den Weg bringen, erklĂ€rten der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Christos Pantazis, und Unionskollegin Simone Borchardt (CDU). GrĂŒnen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagt, 66 konkrete VorschlĂ€ge lĂ€gen auf dem Tisch. "Jetzt geht es ums Handeln."

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