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HINTERGRUND/ Irans Angriffe: Warum die Golfstaaten nicht zurĂŒckschlagen

03.03.2026 - 12:50:32 | dpa.de

Es ist ein Szenario, das die arabischen Golfstaaten lang befĂŒrchtet hatten: ein Krieg zwischen den USA und Israel mit dem Iran - der auch die arabischen LĂ€nder mit in den Konflikt hineinzieht.

Mit Hunderten Raketen und Drohnen greift der Iran seit Samstag unter anderem Kuwait, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate an. Mit jedem weiteren Angriff drĂ€ngt sich die Frage auf: Warum schlagen diese LĂ€nder nicht zurĂŒck?

Zwischen Abschreckung und ZurĂŒckhaltung

Die Golfstaaten mĂŒssten eine "vorsichtige Balance" schaffen zwischen Abschreckung - also militĂ€rischer StĂ€rke gegenĂŒber dem Iran - und ZurĂŒckhaltung, sagt Ahmed al-Chusaje, politischer Berater in Bahrain, der Deutschen Presse-Agentur. Denn sie dĂŒrfen nicht als passiv oder schwach dastehen, wollen aber einen grĂ¶ĂŸeren Krieg auf eigenem Boden unbedingt vermeiden.

Dabei geht es vor allem um einen symbolischen Faktor, der aber auch direkte wirtschaftliche Folgen hat. LĂ€nder wie die Emirate, Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und Oman haben sich einen Ruf aufgebaut, Inseln der StabilitĂ€t zu sein in einer von vielen Konflikten geplagten Region - nicht nur fĂŒr die eigenen BĂŒrger und ihrer Zufriedenheit wegen, um wiederum politische StabilitĂ€t und die eigene Herrschaft zu erhalten. Es geht auch um Touristen und Investoren aus aller Welt, die man nicht verschrecken will. Denn diese sollen helfen, den Umbau der stark von Öl und Gas abhĂ€ngigen Wirtschaften zu finanzieren.

Schon begrenzte Angriffe sind eine Katastrophe

Nun greift der Iran nicht nur US-MilitĂ€rstĂŒtzpunkte am Golf an, Ziel sind auch US-Botschaften, Hotels, FlughĂ€fen, Wohn- und Industriegebiete. FĂŒr Metropolen wie Doha, Dubai oder Manama sind auch nur begrenzte Angriffe an solchen Orten und der Image-Schaden eine Katastrophe. In den Emiraten spazierte PrĂ€sident Mohammed bin Sajid demonstrativ durch ein Einkaufszentrum in Dubai, als wolle er sagen: Habt keine Sorge, ein paar Raketen halten uns nicht vom Shoppen ab. Auch der Flugverkehr lĂ€uft nach Flugstopps vorsichtig wieder an.

Augenzeugen berichten in diesen StĂ€dten seit Tagen von lauten Explosionen, die zu hören sind, wenn Raketen und Drohnen am Himmel abgeschossen werden. Die Behörden lassen dabei so wenig Details wie möglich nach außen dringen und sprechen von "begrenzten Attacken" oder "kleinen BrĂ€nden", die schnell unter Kontrolle gebracht worden seien. Wer Fotos oder Videos der angegriffenen Orte verbreitet, riskiert, strafrechtlich verfolgt zu werden. Kritik an der Regierung ist in den Emiraten und in anderen Golfstaaten strafbar.

Die Flugabwehr leistet unter anderem in den Emiraten beeindruckende Arbeit - verursacht aber auch astronomische Kosten. Eine Forscherin am Stimson Center in den USA rechnete vor, dass die Emirate allein am Samstag und Sonntag bis zu 2,2 Milliarden US-Dollar fĂŒr die Luftabwehr mit Patriot-Raketen zahlte. Demnach lagen die Kosten fĂŒr Irans Angriffe auf das Land dagegen nur bei bis zu 360 Millionen Euro. Der Finanzdienst Bloomberg berichtete, dass der Bestand an Abwehrraketen Katars beim aktuellen Tempo, mit dem iranische Angriffe abgewehrt werden, in nur vier Tagen aufgebraucht sei. Katar und die Emirate wiesen den Bericht als falsch zurĂŒck.

US-Truppen lassen Golfstaaten zur Zielscheibe werden

Die Golfstaaten stecken in einem Dilemma: Als Gastgeber Zehntausender US-Truppen sind sie auch durch ihre geografische NĂ€he zum Iran ein leichtes Ziel fĂŒr Teherans Vergeltungsangriffe. Greifen sie den Iran ihrerseits an, werden sie zu aktiven Parteien eines Krieges, den sie mit allen Mitteln verhindern wollen.

MilitĂ€risch hĂ€tten die Golfstaaten wohl am ehesten gemeinsam eine Chance gegen den Iran - angefĂŒhrt von Saudi-Arabien, das 2024 nach Angaben des Friedensforschungsinstituts Sipri am meisten Geld fĂŒr Waffen im Nahen Osten ausgab. FĂŒr ihre Sicherheit setzten die LĂ€nder bisher aber vor allem auf Hilfe von außen, insbesondere vom US-MilitĂ€r und dessen am Golf stationierten Truppen und Waffensysteme. Die AufrĂŒstung hatte ĂŒber Jahrzehnte vor allem einen Hintergrund: die empfundene Bedrohung durch den wachsenden Einfluss Irans in der Region.

Der Balanceakt gegenĂŒber Teheran spiegelt sich in der Rhetorik: Die Angriffe werden auf das SchĂ€rfste verurteilt, mit direkten Drohungen halten sich die GolflĂ€nder aber weitgehend zurĂŒck. Die Angriffe dĂŒrften nicht ohne Antwort bleiben und mĂŒssten einen "Preis" haben, sagte Katars Außenamtssprecher Madschid al-Ansari CNN, bleibt mit dieser Drohung bisher aber weitgehend allein. Die Golfstaaten werden aber kaum wochenlang Angriffe abfangen können, ohne selbst zurĂŒckzuschlagen.

Irans Strategie hinter den Angriffen

Am vierten Tag des Krieges sieht aber nichts nach einer Entspannung aus. Nach EinschĂ€tzung iranischer Analysten, die Sicherheitskreisen nahestehen, verfolgen die iranischen Revolutionsgarden eine Strategie in mehreren Phasen. ZunĂ€chst nehmen sie in den Golfstaaten stationierte US-Radarsysteme ins Visier und feuern dann kostengĂŒnstige Drohnen und Raketen ab, um die Flugabwehr zu erschöpfen. Anschließend könnten fortschrittlichere Waffen zum Einsatz kommen.

FĂŒr die iranische StaatsfĂŒhrung gebe es wenige Anreize, sich in einem Überlebenskampf zu mĂ€ĂŸigen und den Konflikt geografisch zu begrenzen, heißt es in einer Analyse der Denkfabrik Chatham House. Mit Gegenangriffen weit ĂŒber Israel hinaus dĂŒrfte Teheran vor allem versuchen, die Kosten des Krieges in die Höhe zu treiben - und ĂŒber die mit den Vereinigten Staaten verbĂŒndeten Golfstaaten Druck auf Washington fĂŒr ein Ende der Angriffe auszuĂŒben.

Der Iran hatte bereits versucht, mit Drohungen vor einem regionalen Krieg die Angriffe Israels und der USA zu verhindern - vergeblich, wie man jetzt weiß. Auch jetzt könnte sich Teheran verkalkuliert haben, schreibt der frĂŒhere US-Diplomat Dennis Ross fĂŒr das Washington Institute. Die Gegenangriffe sorgten vielmehr fĂŒr "die Isolation Irans und ein ZusammenrĂŒcken der Golfstaaten gegen das Regime"./jot/DP/mis

--- Von Johannes Sadek und Arne BĂ€nsch, dpa ---

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