Was stabilisiert Europas Wirtschaft?
12.02.2026 - 22:43:35Nach einem Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs zu Wegen aus der Krise schloss Bundeskanzler Friedrich Merz von Paris geforderte gemeinsame Schulden weiter klar aus. "Ich will das nicht", sagte Merz. Der französische PrÀsident Emmanuel Macron hingegen beharrte auf öffentlicher Finanzierung, um Investitionen in die Wirtschaft anzukurbeln.
Bei dem Treffen von 27 Staats- und Regierungschefs der EU in einem Wasserschloss im flĂ€mischen Teil Belgiens ging es darum, die europĂ€ische Wirtschaft wettbewerbsfĂ€higer zu machen. Sie Ă€chzt angesichts von BĂŒrokratie, HĂŒrden im Binnenmarkt, hohen Energiepreisen und Konkurrenz vor allem aus China und den USA.
Schon vorher stand fest, dass Merz und Macron dabei andere Wege verfolgen. Nach wohl bewusst gesetzten Signalen der Einigkeit - etwa durch einen gemeinsamen Auftritt vor Kameras zu Beginn des Treffens - verlieĂen beide das Schloss nahe dem niederlĂ€ndischen Maastricht aber auch mit unterschiedlichen Auffassungen.
Knackpunkt gemeinsame Schulden
Nach dem informellen Gipfel betonte Merz, dass es ihm nicht möglich sei, einer Finanzierung von Vorhaben der EuropĂ€ischen Union etwa ĂŒber sogenannte Eurobonds zuzustimmen. Selbst wenn er wollte, könnte er es nicht - "denn das Bundesverfassungsgericht hat der deutschen Bundesregierung hier sehr klare Grenzen aufgezeigt".
Macron dagegen schloss eine gemeinsame Schuldenaufnahme in der EU fĂŒr Innovationen weiterhin nicht aus. "Wir brauchen mehr öffentliche Ausgaben", sagte er. Es mĂŒssten nur die Ziele klar definiert werden, so der französische Staatschef. Es gebe kein Tabu bei dem Thema.
Das Thema Finanzierung habe die Diskussionen der Staats- und Regierungschefs laut dem Bundeskanzler aber nicht beherrscht: "Es hat heute nur am Rande eine kleine Rolle gespielt", sagte Merz. Stattdessen solle das Thema beim nÀchsten regulÀren EU-Gipfel Ende MÀrz auf der Tagesordnung stehen.
EuropÀische Produkte bevorzugen?
Bei Macrons Forderung nach einer breiten "Buy European"-Regel, um so bei öffentlichen Ausschreibungen europĂ€ische Produkte zu bevorzugen, zeigt sich Merz weiterhin zurĂŒckhaltend. In Belgien machte der CDU-Politiker deutlich, er wolle nicht, dass die EuropĂ€ische Union in eine Phase des Protektionismus eintrete. "Wir sind uns aber auch einig, dass wir uns gegen unfaire Handelspraktiken schĂŒtzen mĂŒssen", so Merz.
EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen kĂŒndigte nun an, auf Grundlage einer fundierten wirtschaftlichen Analyse eine Möglichkeit fĂŒr eine europĂ€ische PrĂ€ferenz fĂŒr strategische Sektoren vorzustellen. Als mögliche relevante Sektoren nannte RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa unter anderem Verteidigung, Raumfahrt, saubere Technologien, Quanten-KI sowie Zahlungssysteme.
Einig bei Handel und BĂŒrokratie
Einig waren sich die Staats- und Regierungschefs dabei, internationale HandelsverhĂ€ltnisse auszubauen und zu diversifizieren, um Risiken und AbhĂ€ngigkeiten etwa von den USA und China zu verringern. Unumstritten ist zudem, dass die BĂŒrokratielast fĂŒr Europas Unternehmen reduziert werden soll. Die Industrie klagt bestĂ€ndig ĂŒber eine enorme BĂŒrde, die durch Umwelt- und Nachhaltigkeitsvorgaben noch gröĂer geworden sei.
Bis zum nĂ€chsten Treffen der EU-Spitzen im MĂ€rz soll die Kommission unter PrĂ€sidentin von der Leyen einen Plan mit dem Titel "One Europe, one market" ("Ein Europa, ein Markt") vorschlagen. Die deutsche Politikerin kĂŒndigte dafĂŒr VorschlĂ€ge in den fĂŒnf Bereichen BĂŒrokratieabbau, Binnenmarkt, Energiemarkt, Digitales und Handel sowie konkrete Ziele und Zeitpunkte an. Einige VorschlĂ€ge könnten ihr zufolge noch in diesem Jahr umgesetzt werden.
Tempo bei der Kapitalmarktunion?
Ein wichtiger Ansatzpunkt bei der Vertiefung des Binnenmarkts ist auch, das Zusammenwachsen der noch zersplitterten europĂ€ischen KapitalmĂ€rkte stĂ€rker zu forcieren - um mehr private Investitionen zu mobilisieren. Seit Jahren wird an der sogenannten Kapitalmarktunion gearbeitet, bislang jedoch ohne gröĂeren Erfolg. Kommissionschefin von der Leyen zieht fĂŒr mehr Tempo an dieser Stelle auch in Betracht, dass kleinere LĂ€ndergruppen vorangehen. Beim EU-Gipfel im MĂ€rz werde es auĂerdem um konkrete MaĂnahmen zu Energiepreisen gehen, sagte die Politikerin.
In der Debatte um hohe Energiepreise und deren BekĂ€mpfung geriet das Emissionshandelssystem zur Bepreisung von CO2-AusstoĂ in den Fokus. Im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems (ETS) mĂŒssen Unternehmen in Sektoren wie Stromerzeugung, industrieller Fertigung und Luftfahrt Emissionszertifikate fĂŒr ihre Treibhausgasemissionen erwerben. Das soll als Anreiz dienen, um klimaschĂ€dliche Treibhausgase einzusparen.
Vor allem in LĂ€ndern, in denen fossile Brennstoffe in der Stromgewinnung eine groĂe Rolle spielen, wĂ€chst der Unmut daran. Im Laufe des Jahres ist eine Revision des Systems durch die EU-Kommission vorgesehen.
Merz: Handel mit Klimazertifikaten ist richtiges Instrument
Bundeskanzler Merz verteidigte das ETS. "Das hat ĂŒber 20 Jahre gute Wirkungen erzielt", sagte er. Durch das System sei in Europa Wachstum möglich, ohne gleichzeitig zusĂ€tzliche CO2-Emissionen zu verursachen. Der Handel mit Klimazertifikaten sei also das richtige Instrument, mĂŒsse aber immer wieder nachjustiert werden. Tags zuvor hatte Merz bei einem Industriegipfel vor Top-Managern aus Europa die Wirkung des ETS infrage gestellt.
@ dpa.de
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