So will die EU-Kommission europÀische Produkte stÀrken
04.03.2026 - 15:16:42 | dpa.deDabei geht es unter anderem um Autos, WĂ€rmepumpen und Photovoltaik-Anlagen sowie wichtige Baustoffe wie Zement und Aluminium.
EU-Industriekommissar StĂ©phane SĂ©journĂ© stellte den Vorschlag fĂŒr ein Gesetz zur UnterstĂŒtzung der Industrie (Industrial Accelerator Act, IAA) in BrĂŒssel vor. Bevor er umgesetzt wird, mĂŒssen die europĂ€ischen Mitgliedstaaten und das Parlament zustimmen. Besonders darĂŒber, unter welchen Bedingungen Produkte als "europĂ€isch" zĂ€hlen, gibt es seit Monaten Diskussionen.
Bundeskanzler Friedrich Merz will anders als Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron europĂ€ische PrĂ€ferenzen nur als letztes Mittel fĂŒr kritische, strategische Sektoren und Europas Handelspartner berĂŒcksichtigen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kritisierte vorab noch mehr BĂŒrokratie durch weitere Beschaffungsvorgaben der EU.
Knackpunkt 1: "Made in Europe"
Die Kommission schlĂ€gt nun vor, bei dem "Made in Europe"-Kriterium auch bestimmte Nicht-EU-Staaten einzubeziehen: LĂ€nder, mit denen es relevante Vereinbarungen gibt - etwa ĂŒber Freihandelsabkommen zu bestimmten Produkten oder bestimmten Finanzierungen wie öffentlichen Beschaffungen. Voraussetzung soll aber sein, dass diese LĂ€nder ihre Verpflichtungen einhalten und eine Gegenseitigkeit gegeben ist. Das werde jeweils nach Sektor geprĂŒft.
So könnte etwa auch der Kauf japanischer, koreanischer, kanadischer und britischer E-Autos beziehungsweise Autoteile mit europÀischen Steuergeldern gefördert werden, sagten Kommissionsmitarbeiter. Die US-Schwerindustrie werde dagegen absehbar auf lokaler Ebene - wo es die meisten öffentlichen AuftrÀge gebe, weil dort gebaut und die Infrastruktur geschaffen werde - nicht wie die europÀische bevorzugt. Denn auf dieser Ebene gebe es kaum gegenseitige Verpflichtungen bei Beschaffungen.
Knackpunkt 2: Um welche Produkte geht es?
Die VorschlÀge betreffen die strategisch wichtigen LeitmÀrkte Stahl, Zement, Aluminium, saubere Technologien und Fahrzeugbestandteile. Konkrete Beispiele:
Baustoffe:
* Bei öffentlichen Ausschreibungen etwa fĂŒr Bau- und Infrastrukturprojekte soll ab Januar 2029 mindestens 25 Prozent des Stahls kohlenstoffarm sein, mindestens 5 Prozent des Betons und mindestens 25 Prozent des verwendeten Aluminiums.
* FĂŒr Beton und Aluminium ist auch die europĂ€ische Herkunft festgeschrieben, fĂŒr Stahl hier anders als fĂŒr die Verwendung in Autos nicht. Die Kommission begrĂŒndet das mit - bald - ausreichendem Schutz vor globaler Ăberproduktion auf anderer rechtlicher Grundlage.
Saubere Technologie: "Made in Europe" soll auch fĂŒr Windkraft, Elektrolyseure, WĂ€rmepumpen, Kernkraft, Batteriespeicher und Photovoltaik-Anlagen gelten.
Autos: Regeln sind auch fĂŒr Elektrofahrzeuge, Plug-in-Hybride und die darin verwendeten Batterien vorgesehen. Die Fahrzeuge mĂŒssen in der EU montiert werden. Dazu kommen Vorgaben in zwei Etappen:
* Sechs Monate nach Inkrafttreten sollen 70 Prozent der Fahrzeugkomponenten - die Batterie ausgenommen - aus der EU stammen. Die Batterie muss mindestens drei europÀische Bestandteile haben, darunter die Zellen.
* Nach drei Jahren soll es strenger werden: Dann mĂŒssen fĂŒnf Batterie-Komponenten aus der EU sein, damit die Batterie als "Made in Europe" zĂ€hlt.
* Ausnahme bei Autos: Subventionen fĂŒr Unternehmensflotten, zu denen die EU-Kommission im Dezember 2025 VorschlĂ€ge gemacht hat, sollen nur bei Produktion in der EU gewĂ€hrt werden. Die auĂereuropĂ€ischen Partner sollen hier nicht zu "Made in Europe" zĂ€hlen.
Falls die Preise fĂŒr europĂ€ische Produkte deutlich höher sind als fĂŒr auslĂ€ndische, mĂŒssen "Made in Europe"-Produkte laut dem Vorschlag nicht bevorzugt werden.
Investitionen aus dem Ausland
Hohe auslĂ€ndische Direktinvestitionen mĂŒssen kĂŒnftig genehmigt werden. Das soll Unternehmen in den Bereichen Batterien, Elektrofahrzeuge, Solarzellen und kritische Rohstoffe vor der Ăbernahme aus dem Nicht-EU-Ausland schĂŒtzen und hochwertige ArbeitsplĂ€tze sichern.
Die Vorgabe greift bei mehr als 100 Millionen Euro, wenn das investierende Unternehmen aus einem Land kommt, das in diesem Bereich mindestens 40 Prozent am weltweiten Marktanteil innehat, und die Direktinvestition zum Erwerb oder der Kontrolle des europĂ€ischen Zielunternehmens fĂŒhren wĂŒrde. Nach Angaben eines Behördenmitarbeiters betrifft dies faktisch China.
Warum ist die Industrie in der Krise?
Die europĂ€ische Industrie hat gegenĂŒber der Konkurrenz aus China und den USA immer mehr das Nachsehen. Die Energiekosten und BĂŒrokratie sind vergleichsweise hoch, die Produktion etwa in der Stahlindustrie ist gesunken. In den vergangenen 15 Monaten wurden laut EU-Zahlen 200.000 Industrie-ArbeitsplĂ€tze abgebaut.
Mithilfe öffentlicher Gelder soll nun die Nachfrage nach CO2-armen Produkten aus der EU gestĂ€rkt werden. Bis 2030 mĂŒssen die Treibhausgas-Emissionen in der EU um 55 Prozent gegenĂŒber 1990 sinken. Bis 2050 will die EU klimaneutral sein, also nicht mehr Treibhausgase ausstoĂen als wieder gebunden werden können.
Die BrĂŒsseler Behörde will mit dem neuen Vorschlag 30,58 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen. Bis 2035 soll zudem der Anteil der Produktion am gesamten EU-Bruttoinlandsprodukt von rund 14,3 Prozent (2024) auf 20 Prozent steigen. Der Vorschlag sieht auch vor, Projekte schneller zu genehmigen.
Wie sind die Reaktionen?
Mehrere deutsche VerbĂ€nde reagierten kritisch. Der Verband kommunaler Unternehmen warnte vor einem Ausbremsen der Energiewende und höheren Energiepreisen. Die PrĂ€sidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard MĂŒller, forderte umfassendere Reformen, um die deutsche und europĂ€ische Wirtschaft wettbewerbsfĂ€higer machen.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer kritisierte einen Eingriff in unternehmerische Entscheidungen. "ZusĂ€tzliche Auflagen, weitreichende Ursprungsnachweise und hohe Anforderungen bei sogenannten LeitmĂ€rkten belasten vor allem kleine und mittelstĂ€ndische Unternehmen", warnte DIHK-AuĂenwirtschaftschef Volker Treier. Das koste Zeit, Geld und WettbewerbsfĂ€higkeit.
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